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Kolumne Freunderlwirtschaft

aus Harvard Business manager 8/2008

Vor einigen Wochen traf ich jemanden wieder, der - zu Schul- und frühen Universitätszeiten - einer meiner engen Freunde gewesen war, sich dann später aber irgendwohin verloren hatte, wie das so ist im Leben, leider. Wir freuten uns natürlich über das Wiedersehen und verliehen unserer Freude mit edlen Getränken den ihr gebührenden Ausdruck, allerdings nicht allzu lange, denn der Wiedergetroffene hatte einen wichtigen Termin. Das ist heute eben anders als früher, als man noch das Privileg hatte, dem Tages- und manchmal auch Wochenverlauf jederzeit eine unerwartete Wendung geben zu können. Was mich irritierte, war die Abschiedsformel. Er bat um meine Visitenkarte, um, wie er sich ausdrückte, meine "Koordinaten in sein Netzwerk einzupflegen".

Ich gab ihm also Adresse, Telefonnummer und dergleichen. Nach einigen Wochen erreichte mich die Einladung zum Treffen eines Netzwerks, das offensichtlich zu den Koordinaten meines ehemaligen Freundes zählte. Das Treffen, das "Networking" hieß, fand in einem äußerst noblen Hotel statt und vereinigte einen Haufen Leute, die alle so aussahen, als ob sie nur das eine wollten: Visitenkarten. Bevor sie aber danach fragten, gab es den Gastvortrag eines alerten Jungunternehmers, der als Best Practice das Geheimnis seines Erfolgs offenbarte, aus dem ich aber nichts anderes heraushören konnte, als dass der junge Mann bisher einen Haufen Glück gehabt hatte und erst dafür sorgen wollte, langfristigen Erfolg zu haben. Dazu brauchte er das Netzwerk, und er lobte es dafür, dass es seine Ziele unterstützte. Das kam mir reichlich durchsichtig, ja egoistisch vor. Was ich auch anmerkte. "Interessante Idee", erwiderten die Gesprächspartner. "Haben Sie eine Visitenkarte?"

Weil das alles sehr langweilig war, turnten meine Gedanken undiszipliniert herum und hielten mich mit Übersetzungsübungen bei Laune.

Networking? Gar nicht so einfach, abgesehen von der Tatsache, dass das Wort "Working" stört. Netzarbeit? Erinnert doch wohl eher an kleine Fischerhäfen und an Berufe, die hier ganz sicher nicht zur Diskussion standen. Sozialarbeit? Ist semantisch belegt und weckt ganz andere Assoziationen. Da ich einen großen Teil meines Lebens in Wien zugebracht habe, tauchte schließlich aus den Tiefen des Gedächtnisses ein Begriff auf, den man benutzte, als "Networking" noch nicht so modern war: "Freunderlwirtschaft".

Es ging mir allerdings schnell auf, dass man damit noch eine andere Facette der Beziehungspflege ansprach. Sicher, man brandmarkte damit den Klüngel, ein geheimbündlerisch verborgenes Wirken. Aber da fast jeder Mitglied eines solchen Kreises war, hob sich die Übervorteilung anderer durch Beziehungen wieder auf. Und wenn es einem wirklich dreckig ging, konnte man sich immerhin jenseits karrieristischer Nutz- und sozialer Renditeerwägungen aufeinander verlassen. Koordinaten gab's keine. Ein paar Telefonnummern und ein kleines Café reichten. Man traf sich und sprach sich aus, nahm Ratschläge entgegen und konnte sicher sein, dass die anderen die Situation nicht ausnutzten. Es war ungefähr so, wie es heute in Seminaren zum Training sozialer Kompetenz nachgespielt wird. n

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