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Leadership Frauen auf der gläsernen Klippe

In schwierigen Zeiten haben Managerinnen eine größere Chance, CEO zu werden. Braucht es für einen Turnaround weibliche Führungsfähigkeiten? Von Susanne Bruckmüller und Nyla R. Branscombe
Von Susanne Bruckmüller und Nyla R. Branscombe
aus Harvard Business manager 3/2011

Die berühmte gläserne Decke kennt inzwischen jeder. Sie hält als imaginäre Barriere Frauen von den Vorstandsposten fern. In den vergangenen Jahren fanden Forscher heraus, dass Managerinnen eine größere Chance haben, die Glasdecke zu durchbrechen, wenn sich ihr Unternehmen in der Krise befindet. Sie landeten dann allerdings häufig auf der "gläsernen Klippe", ein Begriff, mit dem die Forscher Michelle Ryan und Alex Haslam von der University of Exeter die größere Gefahr des Scheiterns auf einer prekären Position veranschaulichen wollen. Offen blieb die Frage, warum das so war.

Auf der Suche nach möglichen Antworten haben wir zwei Experimente durchgeführt. In dem ersten baten wir 119 Collegestudenten, zwei Zeitungsartikel über ein Naturkostunternehmen zu lesen. Im ersten Beitrag ging es um den bevorstehenden Ruhestand des CEOs. Wir schrieben zwei Versionen der Geschichte - in der einen wurde das Unternehmen traditionell von Männern angeführt, in der anderen von Frauen. Von dem zweiten Artikel, in dem es um die finanzielle Lage des Unternehmens ging, erstellten wir ebenfalls zwei Versionen. In der einen Fassung lasen die Studenten eine Geschichte über ein wachsendes Unternehmen, in der anderen wurden sie über Ladenschließungen und Entlassungen informiert. Wir baten die Studenten dann, sich zwischen zwei gleich qualifizierten Kandidaten für den CEO-Posten zu entscheiden: einem Mann und einer Frau.

Wurde das Unternehmen von einem Mann geführt und wirtschaftete erfolgreich, entschieden sich 62 Prozent der Leser dieses Szenarios für einen männlichen Kandidaten als Nachfolger. Befand sich das Unternehmen jedoch in einer wirtschaftlichen Krise, wählten 69 Prozent eine Frau als potenzielle Nachfolgerin. Wurde das Unternehmen bereits von einer Frau geführt, war kein Unterschied festzustellen: Die gläserne Klippe war verschwunden.

Wir führen diese Ergebnisse unter anderem auf eine Neigung zurück, den Status quo zu wahren. Solange ein von einem Mann geführtes Unternehmen gut wirtschaftet, ist keine erkennbare Notwendigkeit vorhanden, diese Führung infrage zu stellen. Gerät ein Unternehmen aber in wirtschaftliche Turbulenzen, werden weibliche Führungskräfte bevorzugt.

In unserem zweiten Experiment ging es darum zu testen, ob Einstellungen zu Geschlecht und Leadership für die gläserne Klippe verantwortlich sind. Wir gaben 122 Studenten einen Artikel über eine Supermarktkette zu lesen, die im einen Fall sehr erfolgreich war, im anderen hingegen wirtschaftlich schlecht dastand. In beiden Fällen stand der CEO kurz vor der Ablösung. Die Studenten lasen Beschreibungen eines männlichen und eines weiblichen Nachfolgekandidaten und bewerteten deren Stärken anhand von zehn Kriterien. Einige betrafen stereotype weibliche Attribute, wie etwa die Fähigkeit, zu kommunizieren oder andere zu ermutigen. Andere Kriterien beschrieben typisch männliche Fähigkeiten wie Konkurrenzdenken oder Entscheidungsfreude. Dann fragten wir die Teilnehmer, welchen Kandidaten sie als CEO bevorzugen würden.

Im Fall des florierenden Unternehmens entschieden sich die Studenten für eine Führungskraft mit typisch männlichen Stärken. Befand sich das Unternehmen jedoch in einer schwierigen Lage, so glaubten sie, dass für eine Wende dringend stereotype weibliche Fähigkeiten gebraucht wurden. Dementsprechend wählten 67 Prozent der Befragten einen Mann an die Spitze des erfolgreichen Unternehmens, während bei der krisengeschüttelten Firma 63 Prozent einer Frau das Ruder überlassen wollten.

Es zeigt sich, das die Führungshistorie eines Unternehmens sowie allgemeine Annahmen über Geschlechterrollen und Führung mit zu dem Phänomen der gläsernen Klippe beitragen. Uns ist besonders aufgefallen, dass dieses Phänomen in Unternehmen mit weiblicher Führungshistorie aber nicht zu beobachten ist. Das legt für uns die Vermutung nahe: Wenn Menschen daran gewöhnt sind, weibliche Führungskräfte in den oberen Etagen des Managements zu sehen, werden Frauen nicht mehr in erster Linie für riskante Turnarounds ausgewählt. Managerinnen bekommen dann mehr Chancen, Unternehmen zu führen, die wahrscheinlich längerfristig erfolgreich sind.

Service

HBM Online

Sylvia Ann Hewlett, Laura Sherbin: Letzte Ausfahrt Babypause, in: Harvard Business Manager, Mai 2010, Seite 52, Nachdrucknummer 201005052.

Michael J. Silverstein, Kate Sayre: Die Wirtschaft ist weiblich, in: Harvard Business Manager, September 2009, Seite 40, Nachdrucknummer 200909040.

Internet

Weitere Informationen zum neuesten Stand der Forschung in Sachen "gläserne Klippe": http://psy.ex.ac.uk/seorg/glasscliff

Kontakt

Susanne.Bruckmueller@sozpsy.phil. uni-erlangen.de, nyla@ku.edu

Nachdruck

Nummer 201103016, siehe Seite 116 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Publishing

Susanne Bruckmüller

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpsychologie der Universität Erlangen-Nürnberg.

Nyla R. Branscombe

ist Psychologieprofessorin an der University of Kansas.

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