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Kolumne Feng-shui aus der Provinz

aus Harvard Business manager 2/2011

Alle sind neuerdings so positiv, da will ich heute mal nörgeln und darlegen, was mir so auf die Nerven geht. Unter anderem: Rankings über kreative Städte nebst den entsprechend selbstzufriedenen Kommentaren der örtlichen Honoratioren; Vortragsredner, die sich vorgeblich über Anglizismen mokieren, dann aber listig mit der Formulierung " … wie das jetzt auf Neudeutsch heißt" dennoch ihre Rede damit aufpolstern; Gesprächspartner, die ihre gespielte Aufmerksamkeit dadurch unterstreichen, dass sie bei jeder zweiten Formulierung dieses sich inflationär verbreitende und affig gedehnte "okeeeeiij" ausstoßen; Meetings über die Kommunikationskultur im Unternehmen, die mit dem Vorschlag enden, dass man eine neue Vertrauenskultur aufbauen müsste; Meetings, in denen es um den Aufbau einer Vertrauenskultur im Unternehmen geht und die mit dem Vorschlag enden, eine produktive Streitkultur aufzubauen; Leitbild-Slogans und Mitteilungen, die Zahlen benutzen, insbesondere 2 und 4, einzige Ausnahme wäre "T42?" als Einladung einer klugen Gesprächspartnerin, eine Pause einzulegen; Bewerbungsverfahren, in denen "Querdenker" gesucht werden, die dann aber in Assessmentcentern auf ihre Skill-Management-Kennzahltauglichkeit geprüft werden; Arbeitsgruppen, die untalentierte Skizzen auf Packpapier als das Ergebnis einer "Brown Paper Session" adeln; Power-Point-Karaoke mit Charts im Hintergrund, auf denen genau jene Sätze stehen, die der Vortragende gerade zum Besten gibt, allerdings viel langsamer, als die Zuhörer diese Sätze selbst lesen, und das auch noch mit dem Rücken zum Publikum; Titel wie "Nach der Krise ist vor der Krise" oder "Nach dem Crash ist vor dem Boom", überhaupt alle Bücher mit dem abgewetzten Wortspiel, dass nach etwas immer auch vor etwas ist, das wissen wir selbst, nachher; Experten, die über China und Indien reden, aber nie über Shanghai und Bangalore hinausgekommen sind; noch mehr Talkshows mit den sattsam bekannten Schwadroneuren, die offenbar zu jedem auch nur erdenklichen Thema wortreich nichts zu sagen haben; Sätze, die mit den Worten "in Zeiten …" beginnen und wahlweise mit "… der Globalisierung", "… der Krise" weitergehen; Analysen, die uns eine Wissensökonomie prophezeien, ohne zu sagen, was das eigentlich ist, dieses "Wissen"; die Inflation der "Stresstests"; Seminare über Business-Feng-Shui auf der Grundlage vorgeb-lich Tausender Jahre fernöstlicher Erfahrungen, dargeboten von Coachs aus der deutschen Provinz; die Werbeunterlagen in den Speisewagen der Deutschen Bahn, von denen mich eindringlich Fernsehköche begucken …

Vielleicht stimmen Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, im einen oder anderen Punkt zu, seufzen aber auf und sagen: Das nützt ja nichts! Das nützt, auch wenn es nur in ganz kleinen Schritten vorangeht. Und so will ich am Ende doch noch etwas Positives vermelden, das ich nicht zuletzt auf beherzte Nörgler wie mich zurückführe: Die Deutsche Bahn bittet neuerdings ihre Gäste, im Speisewagen auf den Gebrauch von Handy und Laptop zu verzichten, was zu einer erheblich entspannteren Servicekultur beiträgt. Wären da nur nicht immer noch diese Fernsehköche auf den Werbeunterlagen … nun ja, man kann nicht alles haben.

NACHDRUCK

Nummer 201102111, siehe Seite 112 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Manager

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

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