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Fehlende Sinnfrage

Work-Life-Balance: Erfolgreich und glücklich (HBm Mai 2004)
aus Harvard Business manager 8/2004

Irrwege müssen manchmal begangen werden, um sie als solche zu erweisen. Dieser Grundsatz des Konstruktivismus war mir gegenwärtig beim Lesen des Aufsatzes von Nash und Stevenson. Die Autoren legen eine individualistische Sichtweise auf Glück, Leistung und Vermächtnis zu Grunde und versuchen, diese Sichtweise dann sogar auf Unternehmen und die Gesellschaft zu übertragen, ohne auch nur andeutungsweise ihre wissenschaftstheoretische und vor allem philosophische Ausrichtung deutlich zu machen. Mir scheint dabei lediglich eine vom Zeitgeist geprägte Sichtweise, die in einer bestimmten Gruppe von amerikanischen Managern sicherlich vorkommt, leitend gewesen zu sein! Dies sei am Beispiel der "Glücksdefinition": Vergnügen oder Zufriedenheit in unserem Leben, verdeutlicht.

Der genannte Aspekt betrifft seit Aristoteles vor allem das hedonistische Glücksverständnis. Die andere Seite des Eudämonismus ist die Anerkennung durch die Anderen. Die Autoren stellen normative Behauptungen auf, die sie weder nachweisen noch philosophisch versuchen zu rechtfertigen. Inwiefern sind die genannten vier Kategorien "unverrückbare Voraussetzungen für dauerhaften Erfolg"? Was heißt in diesem Zusammenhang überhaupt Nachhaltigkeit? Was heißt Erfolg? Aus meiner Sicht fehlt hier die Sinnfrage, die Frage "wozu" man Erfolg haben möchte.

Außerdem fehlt die Erläuterung, welches Menschenbild die Autoren haben. Ist es der flexible Mensch, der überall im Zeichen der Globalisierung einsetzbar ist und funktionieren muss? Richard Sennett hat ihn beschrieben. Dieser Mensch kann zwar erfolgreich sein, aber glücklich ist er nicht.

Die so genannte Kaleidoskop-Strategie, die die Autoren darstellen, kann man nicht als wissenschaftlich bezeichnen. Sie bewegt sich lediglich auf einem "How to do"-Niveau von Dale-Carnegie-Ratschlägen. Der Hinweis, dass das "always more" durch die Idee des "just enough" ersetzt werden sollte, ist durchaus vernünftig, dass dies aber dazu führen sollte, dass man sich "wie neugeboren" fühlen sollte, zeigt, wie sehr sich die Autoren offensichtlich Dale Carnegie oder anderen Gurus verbunden fühlen. Sie frönen einem Individualismus, der zum Beispiel die in diesem Zusammenhang wichtige Kategorie der Verantwortung für das Unternehmen, die Gesellschaft, für sich selbst und seine Familie vermissen lässt.

Schließlich noch ein Hinweis auf die Kategorie Glück. Aristoteles hatte den beiden genannten Aspekten des Glücks eine dritte gleichwertige Kategorie hinzugefügt im Hinblick auf Wissenschaftler, nämlich die Befriedigung der theoretischen Neugier, bei der es darum geht, relevante Zusammenhänge oder Gesetzmäßigkeiten überzeugend nachzuweisen. Dies ist den Autoren gründlich misslungen, weil sie insbesondere unzulängliche Werkzeuge angewandt haben. Sie haben, um noch einmal den Konstruktivisten Paul Watzlawick zu zitieren: eine "Patendlösung" geliefert, die man sehr schnell ad acta legen sollte.

Dr. Klaus-Dieter Grunwald, Oberkirchenrat, Darmstadt

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