Zur Ausgabe
Artikel 8 / 20
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Feedback Darf ich Ihnen kurz was sagen?

Vielen ist es peinlich, den Kollegen oder die Chefin auf Fehler, Flecken oder ein Missgeschick hinzuweisen. Dabei sind solche Rückmeldungen sehr willkommen.
aus Harvard Business manager 10/2022
Oh Schreck, ein Fleck: Wenn Sie soetwas bei Ihrem Gegenüber bemerken, zögern Sie nicht, es zu erwähnen.

Oh Schreck, ein Fleck: Wenn Sie soetwas bei Ihrem Gegenüber bemerken, zögern Sie nicht, es zu erwähnen.

Foto: Eugenio_Opitz / Getty Images/iStockphoto

Wir alle hätten hin und wieder gern Feedback von unseren Kolleginnen oder Vorgesetzten: Wie gut war unser Auftritt, wie wirken wir auf andere? Doch selbst anderen Leuten zu sagen, was sie verbessern könnten – nein, das ist eine unangenehme Situation, die wir oft lieber vermeiden. Tatsächlich unterschätzen wir gewaltig, wie sehr sich andere Menschen eine Rückmeldung über ihre professionelle Leistung wünschen. Das hat ein Team von Wissenschaftlerinnen um die Verhaltensforscherin Francesca Gino von der Harvard Business School in einer Serie von Experimenten  mit insgesamt 1984 Probandinnen und Probanden herausgefunden.

Darin konfrontierten sie die Studienteilnehmer mit zehn Situationen, in denen sie konstruktives Feedback entweder geben oder erhalten sollten: zum Beispiel verschmierter Lippenstift im Gesicht, ein Riss im Hosenboden, wiederholte falsche Aussprache eines Kundennamens, aggressiv formulierte Fragen oder mehrfaches Unterbrechen eines Kunden im Meeting. Dann baten sie die Probanden einzuschätzen, wie sehr sie sich als Betroffene einen Hinweis ihres Gegenübers wünschen würden – und wie sehr andere Personen in dieser Situation Feedback schätzen würden.

Sie fanden heraus, dass Menschen in jeder Situation ihren eigenen Wunsch nach Feedback höher einschätzen als den ihres Gegenübers. "Wir neigen dazu, uns auf die Unannehmlichkeiten des Feedbackgebens zu konzentrieren und unterschätzen den Wert von Feedback für die andere Person", erklärt Co-Autorin Nicole Abi-Esber – "einschließlich der Frage, wie sehr diese das Feedback zu schätzen wüsste und wie wirkungsvoll es wäre."

Das Problem lässt sich mit einer simplen Übung bekämpfen, wie die Wissenschaftlerinnen in einem weiteren Experiment herausgefunden haben: Es helfe schon, sich gedanklich in die Lage des Gegenübers zu versetzen und sich zu fragen: Wie würde ich mich in dieser Situation fühlen, und empfände ich es als gut, wenn jemand mich auf meinen Fehler aufmerksam macht? "Wenn Sie das nächste Mal hören, dass jemand ein Wort falsch ausspricht, einen Fleck auf dem Hemd hat oder einen Tippfehler auf seiner Folie, sollten Sie es ansprechen. Ihr Gegenüber wünscht sich dieses Feedback vermutlich mehr als Sie glauben", resümiert Francesca Gino.

Quelle: Nicole Abi-Esber et al.: "'Just Letting You Know …': Underestimating Others' Desire for Constructive Feedback", Journal of Personality and Social Psychology, März 2022

Ausgabe Oktober 2022

Strategien für turbulente Zeiten

Wie Sie richtig planen – auch wenn Sie nicht wissen, was auf Sie zukommt

Zur Ausgabe Jetzt abonnieren
Zur Ausgabe
Artikel 8 / 20
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.