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Forum Fallstudie zum Mitmachen

Unsere Leser kommen- tieren das Managementdilemma aus dem Januar-Heft. Eine Führungskraft aus der IT-Branche soll ihr Team ausgerechnet über Weihnachten für den Einsatz bei einem wichtigen Kunden begeistern.
aus Harvard Business manager 3/2010

Zu lasch

VON TOBIAS METZGER

Der Auftrag von Hybara ist für Stalwart Software von großer Bedeutung. Tim O'Connell wird dieser Bedeutung allerdings nicht gerecht, indem er - wissend, dass Kristen Hammersmith zwar gut, aber als Teamleiterin neu und ohne die notwendige Erfahrung ist - die Motivation ihres Teams und die Planung der Aufgabe ihr allein überlässt.

O'Connell muss Hammersmith aktiv unterstützen und gemeinsam mit ihr eine Strategie entwickeln. Beide müssen das weitere Vorgehen offen miteinander besprechen. Fünfminütige Befehlsmeetings reichen in dieser Situation nicht aus. Stattdessen müssen O'Connell und Hammersmith gemeinsam vor das Team treten und die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Auftrags offenlegen. Neben der Darstellung der angespannten wirtschaftlichen Lage wird O'Connell nicht umhinkommen, zur Motivation der Mitarbeiter einen Bonus in Aussicht zu stellen, falls sie auf die in der westlichen Kultur wichtigsten Feiertage verzichten. Auch wird er den Mitarbeitern entstehende Kosten (zum Beispiel für Grahame Binkles Neuseeland-Urlaub) übernehmen müssen.

Hammersmiths Vorgehensweise, jeden Mitarbeiter allein über mögliche Lösungsvorschläge nachdenken zu lassen, ist zu lasch. Dadurch kommen zwar einige Ideen zusammen, in der Diskussion eines gemeinsamen Brainstormings werden aber mehr Möglichkeit evaluiert werden können. Außerdem kann Hammersmith eine Diskussion als Team-Building-Maßnahme nutzen, um die Mitarbeiter für die anstehende schwierige Aufgabe zusammenzuschweißen und die Richtung besser vorzugeben.

Hammersmith hätte daher bereits ihr erstes Meeting besser vorbereiten und einen detaillierten Fahrplan vorlegen sollen (Wer? Was? Bis wann?). Dieses kann sie aber noch kurzfristig nachholen. Für den Fahrplan sollte sie sich auch die Unterstützung von O'Connell sichern und ihm ebenfalls entsprechende Aufgaben zuteilen.

Da der Auftrag für Stalwart Software äußerst wichtig erscheint, wird sich O'Connell auch den Rückhalt seiner Vorgesetzten sichern müssen und seine mit Hammersmith ausgearbeitete Strategie vorstellen. Wenn es sich bei Stalwart nicht um eine sehr kleine Softwarefirma handelt, wird O'Connell möglicherweise auch eine Verstärkung seines Teams durch anderes internes Personal anfordern können.

Parallel zu den internen Aktivitäten sollte O'Connell das Vorgehen mit Hybara genauer abstimmen: Lässt sich das Problem differenzieren und gegebenenfalls stufenweise lösen? Welche Positionen müssen auf jeden Fall direkt zu Jahresbeginn fertig sein? In einem ersten Schritt werden ein, zwei Experten umgehend nach Barcelona reisen müssen, um zu versuchen, das Problem einzugrenzen. Damit kann die Personal- und Zeitplanung von Stalwart besser koordiniert werden.

Alessandra Sandoval als Beraterin zu engagieren, das bedeutet neben dem Gesichtsverlust von O'Connell gegenüber seinen Vorgesetzten, dass seine und Hammersmiths Autorität vor dem gesamten Team untergraben wird. Dies kann dem Team langfristig großen Schaden zufügen. Zudem besteht die Gefahr, dass Hybara, ist die Software einmal erfolgreich installiert, Sandoval zukünftig als Beraterin engagiert (falls der Vertrag mit Stalwart externen Service zulässt) und Stalwart den Kunden daher nicht so eng an sich binden kann, wie das Unternehmen dies möchte.

Je nachdem wie das zukünftige Geschäftsmodell von Sandoval aussieht, könnte zudem Personal von Stalwart zu ihr wechseln. Und: Übernimmt sie eine Garantie, dass sie das Problem tatsächlich in der kurzen Zeit löst?

Mehr Engagement

VON PETER KLEIN

Es wird Tim O'Connell wohl nichts anderes übrig bleiben, als Alessandra Sandoval zu engagieren. Weder er noch Kristen Hammersmith zeigen das meines Erachtens nötige Engagement, um der Situation zu begegnen - der Feierabend hat bei ihnen Vorrang, die Probleme werden in der Hierarchie nach unten delegiert.

Alternativ könnte Tim O'Connell versuchen, sich mit seinen Mitarbeitern zusammenzusetzen und mit ihnen gemeinsam eine Lösungsstrategie zu entwickeln. Das wäre auf jeden Fall besser, als seine Position als Erfüllungsgehilfe der Geschäftsleitung mit Drohungen durchzusetzen.

Schlecht vorbereitet

VON GEORG WALK

O'Connell hat Hammersmith wahrscheinlich ohne große Vorbereitung eine Führungsaufgabe übertragen, die bei der ersten harten Bewährungsprobe schiefgehen muss. Es ist ein in der Softwareentwicklung häufig anzutreffender Fehler, gute Entwickler zu Vorgesetzten zu ernennen, ohne dies entsprechend vorzubereiten.

In diesem Fall kann O'Connell den kurzfristigen Erfolg durch den Einsatz von Sandoval zwar vermutlich sicherstellen, er hat Hammersmith dann aber verbrannt. Die innerbetrieblichen Auswirkungen dürften allerdings mittelfristig größeren Schaden verursachen. Er sollte sich selbst, wegen der großen Bedeutung des Kunden, mit einbringen und Hammersmith somit auch unterstützen.

Anreize finanzieren

VON WOLF-CHRISTIAN RUMSCH

Obwohl Kristen Hammersmith in ihrer Rolle als Projekt- oder Teamleiterin neu ist, kennt sie die technischen Herausforderungen gut. Sie hat rasch Potenzial erkannt, wie man das Projekt schneller durchziehen kann, und will weiteres Potenzial mit ihren Teammitgliedern ausschöpfen, um die Frist von zwei Wochen einzuhalten. Das Problem ist, alle ihre Teammitglieder hinter sich zu bringen.

An dieser Stelle sollte O'Connell mithelfen, entsprechende Anreize zu setzen. Beispielsweise könnte er für den Fall des erfolgreichen Projektabschlusses Binkle einige Tage Sonderurlaub und einen Ersatzflug nach Neusee-land spendieren. Ebenso ließe sich ein nachweihnachtliches Familientreffen für Matthews arrangieren.

Die weiteren Teammitglieder dürften dabei natürlich nicht leer ausgehen. Der Vorteil wäre: Bei diesem herausfordernden Projekt kann sich das Team zusammenraufen und für künftige Aufgaben formieren.

Die Alternative wäre, Hammersmith eine externe Beratung durch ihre Vorgängerin zur Seite zu stellen. Die extrovertierte Persönlichkeit Sandovals könnte sich dabei jedoch als Stolperstein erweisen. Zudem sehe ich die Gefahr, wichtige Kunden zu verwirren, indem gezeigt wird, dass man offenbar nicht mehr in der Lage ist, das Projekt allein zu stemmen. Unter dem Strich ist die externe Beratung nicht geeignet, einen wichtigen Kunden, dessen Entscheidung pro Stalwart bereits getroffen wurde, künftig an sich zu binden. Geld sollte daher eher in Anreize für einen erfolgreichen Projektabschluss gesteckt werden.

Prioritäten setzen

VON CECILIA ZACHMANN

Der Abteilungsleiter von Stalwart Software zeigt Defizite bei der Mit-arbeiterführung und beim Projektmanagement.

Führung: In solch einem Fall muss er Kristen Hammersmith ins Vertrauen ziehen und ihr seine Bedenken mitteilen. Er darf/soll/muss ihr sagen, dass sie, so kurze Zeit nach der Beförderung, noch nicht so weit ist - verständlicherweise noch gar nicht sein kann -, die volle Verantwortung und Führung solch eines Projekts und wichtigen Kunden allein zu übernehmen.

Er muss sie gerade jetzt sehr eng führen; mit ihr zusammen dieses Projekt organisieren, ausführen und erfolgreich abschließen. Sie sollten gemeinsam entscheiden, ob die temporäre Unterstützung von Sandoval für das Gelingen des Projekts und für den Erfolg des Kunden und den Erfolg von Stalwart sinnvoll ist. Wenn ja, steht er mit der Entscheidung nicht allein da. Wenn nein, hat er die Moti-vation und den Ehrgeiz von Kristen gefördert. Insbesondere gilt dieses Vorgehen auch für jeden einzelnen Entscheidungspunkt der anderen Mitarbeiter.

Projektmanagement: In dieser Fallstudie fehlt es an der Ist-Analyse, Risiko-Analyse und Zielsetzung. Dies müsste alles zuerst mit dem Kunden definiert und besprochen werden. Tim O'Connell empfehle ich: 1. seine Vorgesetzten zu informieren und 2. drei Tickets nach Barcelona zu buchen (für sich, Hammersmith und den CEO von Stalwart). Denn wenn der Kunde Hybara für das Unternehmen Stalwart so wichtig ist, da dieses sich in einer Krise befindet, sollen sie sich in Bewegung setzen, und zwar so schnell wie möglich! Frikadellenbrötchen können auch unterwegs verdrückt werden.

Mitarbeiter überzeugen

VON ERIK SCHNEIDER

Die Chance muss das Softwareunternehmen nutzen, daran besteht kein Zweifel, und dies muss dem Team klar- gemacht werden. O'Connell verhält sich in dieser Situation sehr unglücklich. Er sollte mit dem Team zusammen an der Lösung des Problems arbeiten und die Mitarbeiter selbst überzeugen, gemeinsam nach Barcelona zu gehen und alles für den Kunden zu tun.

Auch ist der Gruppe mitzuteilen, dass er versucht, Alessandra Sandoval für das Projekt zurückzuholen. Über eine Neuaufstellung des Teams sollte erst nach dem Projekt diskutiert werden, alles andere wäre in der kurzen Zeit kontraproduktiv.

Wir freuen uns über Kommentare zu unseren Fallstudien. Weitere Beiträge aus dieser Rubrik finden Sie unter www.harvardbusinessmanager.de/ Fallstudie oder in der Xing-Gruppe www.xing.com/net/ harvardbusinessmanager

Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften zu kürzen.

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