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Karriere Expatriates haben mehr Ideen

Mehrere Studien belegen, dass Manager mit Auslandserfahrung und großem Interesse an fremden Kulturen kreativer sind und schneller aufsteigen.
Von William Maddux und Carmit Tadmor
aus Harvard Business manager 11/2010

Eine Zeit lang im Ausland zu leben oder zu reisen gilt als gut für die Seele. Was weniger bekannt ist: Beides nutzt auch dem Arbeitgeber. Manager und Mitarbeiter, die internationale Erfahrung besitzen oder sich mit mehr als einer Nationalität identifizieren, sind kreativer und lösen Probleme besser, wie unsere Forschung zeigt. Darüber hinaus sind sie einfallsreicher, wenn es darum geht, neues Geschäft zu generieren oder neue Produkte zu entwickeln, und sie werden schneller befördert.

In einem Experiment baten wir 220 MBA-Studenten der Northwestern Kellogg School, das berühmte Duncker-Kerzenproblem zu lösen. Bei diesem Test präsentiert man den Probanden drei Objekte auf einem Tisch: Eine Kerze, ein Streichholzbriefchen und eine Schachtel mit Reißzwecken. Die Aufgabe lautet: Befestigen Sie die Kerze an einer Kartonwand, benutzen Sie dabei aber nur die drei Objekte auf dem Tisch. Die Kerze soll vernünftig brennen und es soll kein Wachs auf den Boden tropfen.

Wer die richtige Lösung finden will, muss kreativ denken. Es gilt, die Box mit den Reißnägeln zu leeren und sie als Kerzenhalter zu benutzen. Diese Lösung beweist ein gewisses Maß an innerer Kreativität. Denn es gehört eine Art Aha-Effekt dazu, die Entdeckung, dass die Schachtel nicht nur ein Behältnis für Werkzeuge ist, sondern dass sie selbst als Werkzeug dienen kann.

60 Prozent der Studenten, die im Ausland gelebt hatten, lösten das Problem, während dies nur 42 Prozent der Studenten ohne Auslandserfahrung schafften. Je länger Studenten sich im Ausland aufgehalten hatten, desto wahrscheinlicher war es, dass sie die Schachtel als Kerzenhalter benutzten. Interessanterweise hatte reine Reisetä-tigkeit keinen Effekt auf die Kreativität.

In einer anderen Untersuchung baten wir Studenten der Pariser Universität Sorbonne, einen Kreativitätstest durchzuführen: Den "Remote Associates Test" (etwa "entfernte-Assoziationen-Test", kurz: RAT). Dieser Test funktioniert folgendermaßen: Die Teilnehmer bekommen drei Begriffe gezeigt und müssen ein Wort finden, das die Begriffe miteinander verbindet. Ein Beispiel: Die Begriffe "Manieren", "rund" und "Tennis". Das verbindende Wort wäre "Tisch" (Tischmanieren, runder Tisch, Tischtennis). Studenten, die gerade einen Aufsatz über ihre Zeit im Ausland geschrieben hatten, gaben mehr korrekte Antworten beim RAT als die Studenten, die von anderen Erfahrungen berichteten.

Eine weitere Studie führten wir unter 133 Studenten der Wirtschaftshochschule Insead durch. Die Gruppe bestand aus Teilnehmern mit 40 verschiedenen Nationalitäten (15 besaßen eine doppelte Staatsbürgerschaft). Das Ergebnis: Die Kreativität war umso stärker ausgeprägt, je besser die Studenten sich den Gepflogenheiten ihrer Gastländer angepasst hatten. Geringer waren sie, wenn die Studenten keinerlei Anstrengungen dieser Art unternommen hatten.

Ähnliche Ergebnisse brachte eine Untersuchung bei israelischen Managern hervor, die im Silicon Valley arbeiteten. Gehörte sowohl die amerikanische als auch die israelische Kultur zu ihrer Identität (wir bezeichnen solche Leute als bikulturell), hatten sie ein besseres berufliches Standing und wurden schneller befördert als Manager, die sich selbst nur mit einer Kultur identifizierten.

Wir erhoben Daten darüber, ob diese Manager in der Lage waren, viele verschiedene Perspektiven zu unterschiedlichen Themen zu sehen und miteinander in Einklang zu bringen - Psychologen nennen dies integrative Komplexität. Das Resultat: Die bikulturellen Manager erzielten bessere Ergebnisse. Und es war gerade diese Fähigkeit, die zu besseren Leistungen im Job führte. Eine weitere Studie förderte zutage, dass bikulturell geprägte Manager mehr neue Produkte entwickelten als Führungskräfte, die nur durch eine Kultur geprägt waren.

Expatriate-Programme, die darauf abzielen, Manager zu fördern, sind wertvoll. Wir glauben, dass Firmen sie sogar noch besser machen könnten. Sie sollten sicherstellen, dass die Expatri-ates sich nicht von der lokalen Kultur abschotten, während sie im Ausland arbeiten. Je mehr sie mit den Einheimischen und den lokalen Institutionen kooperieren, umso kreativer und unternehmerischer werden sie sein.

WILLIAM MADDUX

ist Professor an der französischen Wirtschaftshochschule Insead.

ADAM GALINSKY

ist Professor an der Kellogg School of Management der Northwestern University in den USA.

CARMIT TADMOR ist Professor an der Tel Aviv University in Israel.

ADAM GALINSKY
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