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Es richtig knallen lassen

aus Harvard Business manager 6/2010

Ganz großes Lob wurde ausgerufen, als den Forschern am Kernforschungszentrum Cern bei Genf vor wenigen Wochen ein Big Bang gelang. Das Lob galt nicht zuletzt der Tatsache, dass dieses Experiment einem freien Forschergeist entsprungen war - ohne scheelen Blick auf wirtschaftlichen Nutzen.

Das stelle man sich jetzt mal in der Forschung fürs strategische Management vor, in der entscheidenden Sitzung für die finanzielle Weichenstellung der nächsten Jahre, wenn da einer sagt: Ich forsche an etwas, dass ich wichtig finde, aber ich weiß überhaupt nicht, wozu man das gebrauchen kann. Unverständnis würde Platz greifen, und zwar mit Konsequenzen für den Wagemutigen. Denn das, was im Management an Forschergeist noch west, ist ein nutzwertorientierter Geist, vom Ertrag her definiert, der immer nur das für wertvoll ansieht, was in seinem Ursprung schon Erträge in Aussicht stellt. Doch der allgemeine Enthusiasmus angesichts des nachgebauten Urknalls zeigt, dass Zweifel herrschen. Dass man der Wissenschaft noch andere Dinge zuschreibt als Wirtschaftsnähe.

Meine studentische Forschungsgruppe, immer zur Stelle, wenn es etwas zum Querdenken gibt, zischte los, Kapazitäten diverser Disziplinen genau dies zu fragen: Ob nicht die Wirtschaft von einer Menge Forschungsergebnissen profitiere, die niemand in Auftrag gegeben hätte?

Interessant war: Niemand erwähnte die Teflonpfanne. Dennoch wurden nur Dinge genannt, die eigentlich jeder kennt: Biologen beschrieben die Verbindung zwischen Ökologie und Ökonomie und führten als Beispiel den Emissionshandel an. Die soziale Umsetzung physikalischer Kommunikations- und Netzwerktheorien, sagten Informatiker. Man möge bitte auch die Computerhacker nicht vergessen, die letztlich Unschätzbares für die Sicherheit geleistet hätten. Juristen verwiesen auf das Umlagesystem der Rentenversicherung, Mediziner auf die bildgebenden Verfahren in der Neurologie, die mittlerweile auch im Marketing sehr beliebt sind. Physiker beschrieben die langwierige Erfindung des Transistors, unabdingbare Grundlage für die spätere Entwicklung von Mikroprozessoren und damit jener Selbstverständlichkeiten, die in anderen Beispielen genannt wurden - wie etwa die Erfindung des Computer Aided Design oder der Social Networks, die von den Großen erst als elektronischer Kindergarten belächelt und dann für Milliardensummen aufgekauft wurden.

Und die Wirtschaftswissenschaftler? Sie steuerten die Formeln der Kapitalmarkttheorien bei, auf die allerdings auch die Mathematiker eine Urheberschaft beanspruchten: "Denn ohne Mathematik wäre das nicht denkbar, auch alles andere nicht!" Ein Big Bang sowieso nicht, aber auch kein Rentensystem, keine Informatik, kein Emissionshandel und Internetplattformen auch nicht. Sie erklärten, wie auf geheimnisvollen Wegen die Weisheit dieser Wissenschaft in die wirtschaftliche Praxis sickere und Leuten, die herzlich wenig von ihr verstünden, auf Umwegen eine Menge Geld einbrächte. Und sie besaßen zudem noch die Größe zu sagen: Das sei eben der Geist jeder Wissenschaft. Mit anderen Worten: Wir sollten es öfter mal richtig knallen lassen. Irgendwas wird schon herauskommen.

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail an: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

© 2010 Harvard Business Manager

Produktnummer 201006101, siehe Seite 104

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