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Kolumne Enttäuschung im Home-Office

aus Harvard Business manager 12/2009

Liebe Freunde schenkten mir vor einigen Tagen einen Bildband mit dem Titel "Das Büro zu Hause", eine ins Deutsche übertragene US-Ausgabe des "Home Office Book" der Journalistin Donna Paul mit Aufnahmen des Fotografen Grey Crawford. Ich freute mich an den Bildern von Arbeitszimmern und Studios, Büros und Ateliers, nahm hier und da eine Anregung auf. Vor allem aber interessieren mich an solchen Büchern die Lösungen zur Platzierung der Technik, welche ja - obwohl sie das Zentrum dieses kleinen Universums bildet - die Gesamtanmutung oft erheblich stört. Bei der Suche nach solchen Lösungen in Donna Pauls Buch stellte sich aber eine undefinierbare Irritation ein. Irgendetwas wirkte deplatziert, fremd. Dann merkte ich: Mit der Technik stimmte etwas nicht. Sie war zwar vertraut, aber alt. Uralt. Steinzeitlich. Ich las im Impressum nach: Das Original stammt aus dem Jahr 1997. Was die Möbel betrifft, sind die inzwischen vergangenen Jahre ohne Bedeutung, weil entweder individuelle Lösungen, oft in Maßarbeit, umgesetzt oder Klassiker in die Kulisse gestellt wurden, mit Vorliebe Design im Bauhaus-Stil.

In dieser zeitlosen Szenerie stehen nun, für die Ewigkeit als Stillleben inszeniert, Uraltgeräte herum, die uns vor zwölf Jahren noch als ultimative Errungenschaften galten: Telefone in voluminösen Abmessungen, einige schon mit mobilen Endgeräten; Rolodex-Adresskarteien, sehr dekorativ und in den USA damals offensichtlich weitverbreitet; vereinzelt Kugelkopfschreibmaschinen, hier und da auch - mein Gott, diese Erinnerungen - der Brother Word Processor mit dem ersten Display für sagenhafte 14 Zeilen. Die Monitore thronen dominant neben Monsterdruckern auf Riesenrechnern. Überall liegen Disketten verstreut. Disketten! In fortschrittlicherem Ambiente finden sich schon Laptops mit Bildschirmen wie die Sehschlitze eines Panzerspähwagens.

Und in dem Moment erinnerte ich mich, dass irgendwo in den Tiefen der staubfreien Aufbewahrungsschränke für die Dinge, die man "vielleicht noch mal gebrauchen kann", ein sogenanntes Powerbook der 190er-Serie von Apple herumstehen musste. Es stand herum und ließ sich sogar wiederbeleben - wenn das auch eine gewisse Zeit brauchte. Ich stieg ein in dieses elektronische Pharaonengrab und stieß - auf meine eigenen Prognosen der Wirtschaftswelt 2010.

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Und das ist gut so.

Denn die Kernthese, die ich in diesem Beitrag entwickelte, lobpries das Home-Office, das zum Zentrum einer gelassenen Arbeitswelt von Portfolio-Workers avanciere, die in volatilen Pools ihre Talente auf dem Markt der kurz- bis mittelfristigen Projekte anbieten würden, als freischwebende Intellektuelle einer Businesswelt, deren ungezügelte Produktivität jene mußevolle Stimmung erzeugte, in der Innovatives gedeiht und ewiges Wachstum herrscht. All das, so stand da, könne sich nur entwickeln wegen dieser unglaublich fortschrittlichen Technik, die kleiner werden würde, leichter, effektiver, schneller. Das ist sie geworden. Nur sitzen wir weiter in den Büros unserer Konzerne und schuften mehr und länger denn je. Irgendwas stimmt mit dieser Zukunft nicht.

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail an: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

© 2009 Harvard Business Manager

Produktnummer 200912111, siehe Seite 112

Illustration: Felix Scheinberger

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