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Neurowissenschaften Eine Pille gegen Mobbing?

Die Studie: Wissenschaftler Nathan DeWall wollte herausfinden, was die Einnahme von Schmerzmitteln bei Menschen bewirkte, die soziale Ablehnung erfuhren. Er bat 62 Studenten, drei Wochen lang täglich Paracetamol oder ein Placebo einzunehmen. Jeden Abend sollten die Probanden festhalten, wie viel sozialen Schmerz sie den Tag über empfunden hatten. Wer Paracetamol einnahm, fühlte mit der Zeit deutlich weniger Schmerz. Bei den anderen änderte sich nichts. Untersuchungen im Magnetresonanztomografen (MRT) offenbarten zudem: Die Einnahme von Paracetamol bewirkt eine verringerte Gehirnaktivität in den Bereichen, die für die Verarbeitung seelischen Schmerzes zuständig sind. Die These: Paracetamol kann seelischen Schmerz lindern.
Von C. Nathan DeWall
aus Harvard Business manager 7/2011
C. Nathan DeWall, Assistant Professor für Sozialpsychologie an der University of Kentucky.

C. Nathan DeWall, Assistant Professor für Sozialpsychologie an der University of Kentucky.

Foto: TIM WEBB F‹R HARVARD BUSINESS MANAGER

Professor DeWall, verteidigen Sie Ihre Forschung.

DeWall Meine Experimente schließen an Forschungsarbeiten an, die gezeigt haben, dass Tiere soziale und physische Schmerzen auf ähnliche Weise verarbeiten. Junge Ratten, die durchdrehten, weil sie von den Elterntieren getrennt wurden, beruhigten sich, wenn ihnen ein opiathaltiges Mittel injiziert wurde. Und dies war nicht auf die sedierende Wirkung des Opiats zurückzuführen. Das Schmerzmittel hat ihre Qualen tatsächlich gelindert. Vor uns hatte noch niemand untersucht, ob sich bei Menschen Ähnliches beobachten lässt. Allerdings verwendeten wir bei unseren Studien keine Opiate, sondern Paracetamol; es ist sicherer und einfacher zu verabreichen.

Woher wissen Sie, dass Paracetamol die seelische Pein wirklich lindert und nicht nur verschleiert?

DeWall Unseren Probanden war klar, dass sie abgewiesen wurden; es quälte sie aber einfach weniger. In einer weiteren Studie untersuchten wir im MRT die Gehirnaktivität von 25 Studenten, während sie an einem Computerspiel teilnahmen, bei dem sie sozial ausgeschlossen wurden oder aber Anerkennung erfuhren. Diejenigen, die zuvor drei Wochen lang Paracetamol eingenommen hatten, zeigten bei Zurückweisung eine geringere Aktivität in den Gehirnarealen, die für die Verarbeitung sozialen Schmerzes zuständig sind.

Dennoch, wenn meine Gefühle verletzt sind, ist das nicht wirklich Schmerz, oder? Das ist doch nur eine Metapher.

DeWall Falsch! Wir erleben sozialen Schmerz zwar anders als physische Qualen, es gibt aber viele Gemeinsamkeiten. Vermutlich hat sich unser Schmerzempfinden im Laufe der Evolution verändert. Um zu überleben, wurde es mit der Zeit immer wichtiger, Teil einer sozialen Gemeinschaft zu sein. Das physische Schmerzsystem des Körpers wurde Grundlage eines sozialen Schmerzsystems, das sicherstellte, dass wir in einer feindlichen Umgebung nicht auf uns allein gestellt waren. Aus diesem Grund funktioniert das soziale Schmerzsystem ganz ähnlich wie sein älterer Verwandter - es reagiert deshalb in gleicher Weise auf Schmerzmittel.

Wie wir mit Ablehnung umgehen, ist also genauso festgelegt wie unsere Reaktion auf körperlichen Schmerz?

DeWall Ausgeschlossen zu werden löst intensive Reaktionen aus. Wer abgewiesen wird, neigt eher dazu, zu viel zu essen, Dinge auf die lange Bank zu schieben und finanzielle Risiken einzugehen; er schneidet bei Intelligenztests schlechter ab und verhält sich aggressiv. Ich würde gern untersuchen, ob Paracetamol auch diese Verhaltensweisen beeinflussen kann. Auf jeden Fall ist es so, dass Menschen praktisch alles tun, um Ablehnung zu vermeiden, sei es durch einen Freund, geliebten Menschen oder den Arbeitgeber.

Dass man von einem Freund oder Geliebten nicht zurückgewiesen werden möchte, kann ich mir vorstellen. Aber vom Arbeitgeber?

DeWall Die Angst vor Ablehnung ist vermutlich ein Grund, weshalb wir große Anstrengungen unternehmen, um im Job keine Fehler zu machen. Arbeit kann ermüdend und schädlich für die Gesundheit und die Beziehungen sein. Es heißt immer, Geld sei die wichtigste Kompensation für die Opfer, die wir im Beruf bringen. Vergessen Sie aber nicht die Vorteile, die es hat, sozial akzeptiert zu werden. Das Gefühl, dazuzugehören, ist einer der wichtigsten Pluspunkte im Job. Als wir die Leute im Rahmen unserer Forschung baten, sich vorzustellen, was es für sie bedeuten würde, entlassen zu werden, sagten sie praktisch als Erstes: "Dann verliere ich ja alle meine Freunde." Lob, Aufmunterung, Gehaltserhöhung, Bürofeiern, Betriebsausflüge - Mitarbeiter werten all das als Zeichen, dass sie akzeptiert werden. Sie wissen: Wenn sie weiterhin dazugehören wollen, dürfen sie keine Fehler machen. Sie müssen eine bestimmte Leistung bringen. Die Angst vor Ablehnung kann aber noch andere Folgen haben: Sie hält Menschen womöglich davon ab, kreativ zu sein.

Das ist ziemlich besorgniserregend, denn Unternehmen brauchen kreative Mitarbeiter, um zu wachsen.

DeWall Zweifellos. Aber kreativ zu sein bedeutet auch, dass man mit seiner Idee scheitern kann. Die Furcht vor Ablehnung oder gar Kündigung kann den Wunsch, kreativ zu sein, untergraben. Stellen Sie sich einen Manager vor, der seine Mitarbeiter auffordert, eine iPad-App zu entwickeln. Und derjenige, dessen App die meisten Fehler enthält, wird entlassen. Das mag auf den ersten Blick eine rationale Strategie sein, der Kreativität seiner Leute hat der Manager damit aber gleich den Garaus gemacht. Nehmen Sie stattdessen Google. Das Unternehmen ermuntert seine Mitarbeiter, sich mit Dingen zu beschäftigen, die sie persönlich interessieren. Und es signalisiert ihnen zugleich, dass es auch solche Initiativen billigt, die zu nichts führen. Wenn Ihr Projekt scheitert, werden Sie nicht gleich abgeschoben. Auf diese Weise schaffen Unternehmen ein Gefühl von Akzeptanz und stärken die Innovationskraft.

Sollte es in allen Unternehmen so zugehen wie bei Google?

DeWall Firmen müssen nicht so weit gehen. Ein Versuch, den ich gemeinsam mit Kollegen durchgeführt habe, hat gezeigt, dass schon ein wenig Akzeptanz ausreicht, damit Menschen sich wohlfühlen. Als den Probanden mitgeteilt wurde, dass von vier Leuten keiner mit ihnen zusammenarbeiten wollte, reagierten sie feindselig und aggressiv. Diese Gefühle schwanden jedoch sogleich, wenn sie erfuhren, dass auch nur einer mit ihnen arbeiten wollte. Der positive Effekt, der sich mit jedem weiteren einstellte, der dazustieß, war dagegen deutlich geringer. Wenn Firmen ihren Mitarbeitern regelmäßig signalisieren, dass sie akzeptiert werden, können sie deren ganzes kreatives Potenzial nutzen.

Wäre es nicht einfacher, ihnen Paracetamol zu geben?

DeWall Auf keinen Fall. Es ist noch sehr viel mehr Forschung erforderlich, bevor irgendjemand behaupten kann, dass ein Analgetikum ein geeignetes Mittel ist, um sozialen Schmerz zu lindern. Außerdem braucht es auch gar keine Medikamente: Es ist nicht besonders schwierig, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen sich wohlfühlen und keine Angst vor Zurückweisung haben. Starre Regeln zum Beispiel vermitteln die Botschaft, dass abweichendes Denken nicht toleriert wird - aber für Kreativität brauchen Sie Querdenker. Größere Flexibilität signalisiert Akzeptanz und erzeugt ein Gefühl von Sicherheit.

Unternehmen sind aber nicht da, damit wir das Gefühl haben, akzeptiert zu werden.

DeWall Unsere Kultur lehrt uns, aus Ablehnung keine große Sache zu machen: "Stell dich nicht so an", heißt es schnell. Doch abgewiesen zu werden ist genauso schlimm wie sich einen Knochen zu brechen. Selbst wenn wir versuchen durchzuhalten, signalisiert uns unser sozial sensibilisiertes Nervensystem, dass Ausgeschlossensein unsere Überlebenschancen verringert.

Jeden Monat überprüfen wir die Thesen eines Wissenschaftlers.

Diesen Monat sprachen mit mit (nathan.dewall@uky.edu), Assistant Professor für Sozialpsychologie an der University of Kentucky.

Nachdruck

Nummer 201107010, siehe Seite 104 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Publishing

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