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Der Rat meines Lebens Eine bunte Truppe

Welche Erlebnisse haben Topmanager geprägt? Was haben sie von Mentoren gelernt? Das beleuchten wir in unserer neuen Serie "Der Rat meines Lebens". Den Anfang macht Hans-Paul Bürkner, der erste Deutsche an der Spitze der US-Unternehmensberatung Boston Consulting Group.
Von Hans-Paul Bürkner
aus Harvard Business manager 6/2008

Einen guten Rat bekommt man oft durch Taten, nicht durch Worte. Den Rat meines Lebens erhielt ich darum auch nicht durch Zuhören, sondern indem ich einen Kollegen beobachtete. So begann ich zu verstehen, was seine Arbeitsphilosophie war - und entwickelte daraus meinen eigenen Stil.

Als ich 1981 als junger Berater zur Boston Consulting Group (BCG) kam, war Tom Lewis einer der Principals. Sehr bald betrachtete ich ihn als Vorbild, obwohl er nur etwa fünf Jahre älter war als ich. Bei einem unserer ersten gemeinsamen Projekte arbeiteten wir für einen Klienten aus der Hightech-Branche, der wissen wollte, ob er neue Märkte erschließen sollte. Tom leitete damals ein ungewöhnlich gemischtes Team: Ein Mitarbeiter konnte gut organisieren, hatte aber unglaubliche Probleme beim Rechnen; ein anderer war ein wandelnder Computer - hervorragend in der Analyse, aber in sonst nichts - und so weiter.

Damals glaubte ich, es sei besser, beim Aufbau eines Teams auf Menschen mit ähnlichen Stärken zu setzen, die ideal zur Aufgabe passten. Darum beneidete ich Tom keineswegs um die Führung einer so bunten Truppe - und ich erwartete auch nicht, dass der Klient letztendlich mit unserer Arbeit zufrieden sein würde. Doch Tom, ein bescheidener Mann, hatte eine ganz andere Philosophie. Er machte sich einfach an die Arbeit, diese völlig unterschiedlichen Individuen zu einem Hochleistungsteam zusammenzuschweißen - systematisch und ohne großes Aufheben. Jede Woche bat er uns in Einzelgesprächen, unsere Leistung einzuschätzen; er fragte uns, welche Arbeit uns Freude machte und was das Projekt voranbringen könnte - alles in einem freundlichen, wohlwollenden Ton.

Statt den Mitarbeiter mit der Rechenschwäche zu kritisieren, half Tom ihm, sich auf Aufgaben zu konzentrieren, in denen er gut war und - besonders wichtig - die seine Fähigkeiten auch zur Geltung brachten. So lernten wir, das Können jedes Einzelnen zu respektieren. Das spornte uns alle zu noch größerem Einsatz an. Der Klient setzte unsere Empfehlungen um, und das Projekt legte den Grundstein für seine langjährige Verbindung zu BCG.

Tom sprach nie direkt über seine Teamstrategie, aber ich habe oft gesehen, wie er sie umsetzte. Das hat meine Meinung über die Führung von Mitarbeitern, Teams und Unternehmen stark beeinflusst. Soll eine Gruppe ein scheinbar unlösbares Problem bewältigen, dann wird eine aus ganz verschiedenen Talenten zusammengesetzte eine bessere Lösung finden als eine mit ähnlichen. Jemand schlägt etwas Schräges vor; der Nächste missversteht ihn, aber auf eine kreative Weise, und gemeinsam entwickeln sie eine Lösung.

Vielleicht geht dieser Prozess nur langsam voran, weil sich Menschen mit verschiedenen Ausbildungen und Persönlichkeiten zusammenraufen müssen. Aber er kann spektakuläre Ergebnisse bringen, solange der Projektleiter sicherstellt, dass die Teammitglieder ihre Fähigkeiten wertschätzen. Bei der Teamentwicklung geht es nicht darum, nett zueinander zu sein. Der diplomatische Tom ist sicher eine Ausnahme. Aber auch wenn er sehr verständnisvoll mit uns sprach, so ging es um etwas, worüber die meisten lieber nicht reden: Was kann ich gut - und was nicht?

Obwohl ich mir Toms Philosophie zu eigen gemacht habe, setze ich sie ein wenig anders ein: Anders als er spreche ich die Dinge ganz direkt an. Auch ich achte darauf, dass Teams aus verschiedenen Talenten bestehen. Beschwert sich jemand, die Unterschiede seien problematisch, sage ich rundheraus: "Das stimmt nicht." Einem unzufriedenen Teammanager entgegne ich: "Es spielt keine Rolle, dass Ihr Mitarbeiter in Finanzthemen schwach ist. Es ist Ihre Aufgabe, herauszufinden, was er am besten kann, und seine Stärken im Team zu betonen."

Tom war mit seinem Feinsinn erfolgreich, aber zu mir passt Offenheit besser. Wenn Sie einen Rat annehmen, dann fahren Sie am besten damit, ihn auf Ihre Art umzusetzen. n

Aufgezeichnet von der US-Bestsellerautorin Daisy Wademan Dowling.

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