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Führung Ein neuer Typ Mittelmanager

Generalisten werden es künftig schwer haben im Management. Verwalten und überwachen können auch Computer. Gefragt sind Qualifikationen, die sich nur schwer nachahmen lassen und Respekt bei den Mitarbeitern verschaffen.
aus Harvard Business manager 4/2011

Der enorme technische Fortschritt hat Unternehmen viele Vorteile gebracht. Wir wissen heute viel mehr über Konsumenten und wie wir ihnen am besten gerecht werden; wir verfügen über genauere Informationen, um bessere Entscheidungen treffen zu können; dank moderner Kommunikationstechnik können über die Welt verstreute Mitarbeiter als virtuelle Teams zusammenarbeiten.

Eine entscheidende Auswirkung dieses Fortschritts wird aber erst jetzt erkennbar. Die Art und Weise, wie Menschen arbeiten, hat sich fundamental verändert. Eine Folge dessen ist jetzt bereits abzusehen: Den klassischen Mittelmanager wird es bald nicht mehr geben.

In gewisser Weise wiederholt sich die Geschichte. Einst hat die industrielle Revolution den Charakter körperlicher Arbeit grundlegend verändert - heute passiert etwas Ähnliches wieder durch den technischen Fortschritt. In der präindustriellen Ära waren es die Handwerker, die für das Gros der Wertschöpfung sorgten. Sie gingen viele Jahre in die Lehre, sammelten Erfahrung in ihrem Gewerk und verdienten sich den Respekt der Kollegen. Sie wurden dann ihrerseits Meister und gaben ihr Fachwissen an Lehrlinge weiter. Im Zuge der industriellen Revolution haben Maschinen viele dieser hoch entwickelten handwerklichen Tätigkeiten übernommen - mit der Folge, dass für einen Großteil der Jobs kein Spezialwissen mehr erforderlich war, sondern nur mehr allgemeine Fähigkeiten, die ausreichten, um für reibungslose Abläufe zu sorgen.

Veränderte Arbeitswelt

Heute ist die (Informations-)Technik selbst eine Art Manager. Sie kann Leistung genau beobachten und kontrollieren; sie sorgt für unmittelbare Rückmeldung, erstellt gar Berichte und Präsentationen. Hinzu kommt, dass viele Teams sich inzwischen selbst managen. Führungskräfte mit allgemeinen Managementfähigkeiten geraten dadurch zunehmend in eine schwierige Situation. Früher erwarben Manager ihre Kenntnisse und knüpften ihre Netzwerke nur in einem einzigen Unternehmen. Mittlerweile wechseln sie deutlich häufiger ihren Arbeitgeber - und können deshalb fundierte Kenntnisse, die für andere Unternehmen möglicherweise wertvoll wären, nicht mehr erwerben. Durch das Internet hat heute zudem jeder die Chance, sich Wissen über praktisch alles anzueignen. Ein Tausendsassa zu sein ist kein nennenswerter Wettbewerbsvorteil mehr, wenn der Konkurrent Wikipedia heißt.

Auch die Einstellung gegenüber dem Management hat sich verändert, wie meine Forschung zeigt. Die Mitarbeiter, die zur Generation Y (Personen ab Geburtsjahrgang 1977 - Anm. d. Red.) gehören, verstehen nicht, warum sie an jemanden berichten sollen, der einfach nur überwacht, was sie tun. Schließlich können das ebenso gut sie selbst, ihre Kollegen oder eine Maschine. Wichtig ist ihnen etwas anderes: Ein Manager, den sie respektieren, soll sie als Mentor betreuen oder coachen - und zwar ein Meister seines Fachs und kein beliebiger Vorgesetzter.

Neue Anforderungen

Was bedeutet das alles für Sie? Keine Angst, nur weil Sie zurzeit ein Mittelmanager sind, müssen sie nicht vorzeitig in den Ruhestand gehen. Aber Sie werden in Ihre Qualifikation investieren müssen.

Erstens müssen Sie sich Wissen oder Fähigkeiten aneignen, die wertvoll sind und über die nicht viele verfügen. Ich nenne das Ihr Markenzeichen. Ohne solche spezifischen Kompetenzen werden Sie in der Bedeutungslosigkeit verschwinden und sich nicht länger mit Ihrem Status als Manager brüsten können. Zu Ansehen wird Ihnen nicht länger die Personalabteilung verhelfen, die Sie auf eine bestimmte Position gesetzt hat, sondern künftig die Zugehörigkeit zu einer modernen Form der Zunft. Hierzu zählen beispielsweise virtuelle Gemeinschaften, so wie Sermo für Ärzte in den USA oder LawLink, ein amerikanisches Juristennetzwerk. Sie erfüllen mittlerweile eine ähnliche Funktion wie seinerzeit die mittelalterlichen Zünfte. Sie bieten die Möglichkeit, Kenntnisse zu überprüfen, und tragen dazu bei, das Wissen in ihren Fachgebieten zu vergrößern.

Zweitens müssen Sie während Ihres ganzen Berufslebens über den Tellerrand schauen und sich immer wieder in neue oder angrenzende Fachgebiete einarbeiten. Nicht alle spezifischen Kenntnisse werden künftig aber wirklich von Bedeutung sein. Deshalb müssen Sie sich genau überlegen: Welche Kompetenzen sind selten und schwer zu erwerben? Welche Karrierewege versprechen für die Zukunft wirklich Erfolg? Meine Forschungen zeigen, dass in den kommenden Jahrzehnten Bereiche wie Interessenvertretung, (soziales) Unternehmertum, Biowissenschaften und Gesundheitswesen, Energieeinsparung, Kreativität, Innovation und Coaching sehr gefragt sein werden.

Sind Sie für die Zukunft gerüstet?

Nachdruck

Nummer 201104102, siehe Seite 104 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Publishing

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