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Ein Mathematiker erklärt die Börse

Wer Spaß an Zahlen hat - aber nicht nur der -, erfährt hier einiges über Finanzmathematik und das Leben.
aus Harvard Business manager 8/2004

Wem Statistik und Mathematik schon im Studium ein Gräuel waren, der sollte das folgende Buch vielleicht lieber nicht lesen. Auch die echten Experten nicht, denen könnte es wiederum zu simpel und zu wenig ernsthaft sein. Doch allesamt könnten sie es möglicherweise bereuen.

Vordergründig ist dies ein Buch über Geldanlage. Eigentlich aber geht es um alles, was sich - angefangen von geschäftlichen Entscheidungen bis hin zur Parkplatzsuche - mit Wahrscheinlichkeitsrechnung und anderen Zahlenspielen erklären lässt, also fast alles im Leben. Damit wird es schließlich abgrundtief philosophisch.

Der amerikanische Mathematiker John Allen Paulos beschäftigt sich mit der Frage, ob es möglich ist, die Börse zu durchdringen - offenbar angestachelt von der Tatsache, dass er sich in großem Stil mit Worldcom-Aktien verspekuliert hat, was massiv an seiner Ehre als rationaler Mathematiker zu kratzen scheint. Auf dieses, sein persönliches Desaster, kommt er diverse Male zurück. Das nervt ein wenig, man könnte es aber auch als liebenswerte pädagogische Masche interpretieren.

Paulos gibt einen Überblick über die Fortschritte der Finanzmathematik bei der Erklärung des Marktgeschehens. Und hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, das hat auch der Nobelpreis für Myron Scholes und Fischer Black gezeigt, den diese für ihr Optionspreismodell erhalten haben.

Paulos vermittelt das Thema so kurzweilig und verständlich, wie es angesichts der Komplexität des Stoffes überhaupt möglich ist.

Leider ist es wie meistens in der Wissenschaft: Je tiefer man vordringt, desto mehr wird klar, dass man im Grunde sehr wenig oder sogar gar nichts sicher weiß. Daher wohl der Titel des Buches: "Das einzig Gewisse ist das Ungewisse". Irgendwie frustrierend. Wäre da nicht der Nachsatz: "Und Sicherheit erwächst allein aus der Fähigkeit, mit der Unsicherheit zu leben." Na gut, mitunter sind ja zunehmende Verzweiflung sowie das Auftreten geradezu aberwitziger Paradoxien ein Zeichen wahren Fortschritts in der Wissenschaft (und im Leben). Paulos zeigt, wie man gedanklich damit umgehen kann.

Das Werk ist sicher ein Buch, das nicht jeder lesen mag. Viele Menschen verspüren wenig Bedürfnis, die Welt zu verstehen, sie glauben das Glück erhaschen zu können und irgendwann die ultimative Anlagestrategie zu finden. Und wenn es stimmt, dass Gott nicht würfelt, ist das wahrscheinlich (!) auch möglich. Wer Zahlen mag und Humor besitzt, kann hier gleichwohl für einige Stunden auf angenehme Weise angeregt Hirnjogging betreiben und über den Sinn der Welt sinnieren.

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Paulos, John Allen

Das einzig Gewisse ist das Ungewisse

Campus, Frankfurt, 2004, ca. 230 Seiten, 24,90 Euro (erscheint im September)

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