E-Learning bei Vodafone „Wir nutzen den CEO als Influencer“

Tim Gens, Head of Learning und Capability Development bei Vodafone, über erfolgreiche Weiterbildungsformate, den Einfluss von Kollegen und Lernen im Homeoffice.
Tim Gens, Head of Learning und Capability Development bei Vodafone

Tim Gens, Head of Learning und Capability Development bei Vodafone

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Jens Howorka

Herr Gens, wie lernen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Vodafone?

Gens: Digitale Lernangebote haben Aufwind bekommen. Das hat sich in den vergangenen Monaten der Corona-Pandemie noch mal verstärkt. Wir hatten vorher ein Verhältnis von 80 Prozent digitalen und 20 Prozent physischen Klassenraumformaten. Bis März dachten wir, dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Jetzt sind wir plötzlich auf 100 Prozent digital - und es funktioniert. Wir wären ohne Corona wohl nicht so mutig gewesen.

Wie informieren sich Mitarbeiter über Lernangebote?

Gens: Das ist sehr vielfältig: über das Intranet, eine interne Social-Media-Plattform, Newsletter oder Hinweise ihrer Führungskraft. Aber auch unsere Geschäftsführung wirbt für Weiterbildungsthemen, quasi als Influencer.

Wie funktioniert das?

Gens: Ein Beispiel: Unser CEO hat in einigen seiner montäglichen Ansprachen an alle Beschäftigten, den sogenannten Townhall-Talks, gesagt, wie wichtig das Thema Coding sein wird. Plötzlich haben sich Hunderte Mitarbeiter dafür interessiert. Wir waren auf diesen Ansturm gar nicht so schnell vorbereitet, weil wir die Strahlkraft der CEO-Botschaft bei diesem Thema unterschätzt haben.

Wie sorgen Sie dafür, dass die Programmierer in spe dann auch am Ball bleiben?

Gens: In der Theorie sollten die Angebote so gestaltet sein, dass jeder sein vorgenommenes Lernziel erreicht. In der Praxis wissen wir aber alle, dass natürlich immer wieder etwas dazwischenkommt. Deshalb versuchen wir viel über gemeinsames Lernen zu gehen und Kohorten zu bilden. Die Teilnehmer tauschen sich über ihre Schwierigkeiten und Fortschritte aus. Und wir versuchen Programmen eine Frist zu geben. Also: Ihr startet jetzt als Gruppe mit 20 Teilnehmern, in sechs Wochen solltet ihr die ersten drei Kapitel geschafft haben. Es gibt zudem die Möglichkeit, sich zu festen Terminen auszutauschen - etwa im Videocall – oder einen Experten zu befragen.

Welche Formate bieten Sie an?

Gens: Ein Mitarbeiter im Callcenter mit strukturiertem Tagesablauf hat ganz andere Voraussetzungen als jemand, der im Shop steht, wo jederzeit ein Kunde hereinkommen könnte. Eigentlich wollen wir von den klassischen E-Learning-Angeboten weg, in denen eine halbe Stunde lang im Video erklärt wird, wie der neue Tarif heißt und was er kostet. Aber dafür gibt es ebenso Bedarf wie für innovative Formate rund um Virtual Reality, also bieten wir das weiter an. Genauso gibt es aber auch dreitägige Trainings im Klassenraum. Gerade verändert sich viel, vor März hätten wir nicht gedacht, dass jemand freiwillig ein vierstündiges Onlineprogramm am Stück absolviert. Jetzt bekommen wir dafür super Feedback von Mitarbeitern im Homeoffice.

Probieren Sie viel aus?

Gens: Ja, vieles klappt, aber nicht alles. 360-GradVideos waren schwierig und auch die Podcasts, die wir vor einigen Jahren gemacht haben. Die Idee dahinter war, dass Vertriebsmitarbeiter im Außendienst viel Zeit im Auto verbringen und sich beim Fahren Folgen anhören könnten. Das hat aber niemand gemacht. Vielleicht lag es am Inhalt oder der Präsentation, aber ich glaube, das Timing hat einfach nicht gestimmt. Wir waren zu früh dran, heute sind Podcasts etabliert. Das sehen wir an unserem internen CEO-Podcast, der super ankommt.

Was ist Ihr persönlicher Lerntipp?

Gens: Ich bin kein Fan davon, einen festen Prozentsatz meiner Zeit für Inhalte einzuplanen, denn meist kommt mir etwas dazwischen oder ich erledige nebenbei andere Dinge. Was mir hilft: eine halbe Stunde pro Woche im Kalender blocken. Ich absolviere in dieser halben Stunde am Freitag um 9.30 Uhr vielleicht kein Training, aber der visuelle Anker hilft mir beim Reflektieren: Was hast du diese Woche gelernt? Was hattest du dir vorgenommen?

Dieses Interview erschien in der Juli-Ausgabe 2020 des Harvard Business managers.

© HBM 2020