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Arbeit der Zukunft Bessere Lebensqualität

Wenn mehr Menschen zu Hause arbeiten: Was heißt das für die Sinnhaftigkeit der Arbeit, Wohnungen, Stadtplanung, Möbel, Innovation und Mieten? Wir haben sechs Expertinnen und Experten gefragt. Städteplaner Charles Landry sieht neue Chancen für entlegene Regionen.
aus Harvard Business manager 9/2020
Foto: Imago Images

Wenn wir künftig nur noch zwei-, dreimal pro Woche an den Schreibtisch in der Firma müssen, hat das Einfluss auf den Bedarf an Büroraum in den Innenstädten. Es verändert die Mobilitätsmuster, ermöglicht und zwingt uns zu einem neuen Nachdenken über die Vorstädte, die nach mehr Urbanität verlangen.

Da sich Raum- und Bebauungsplanung ändern, werden auch entlegenere Regionen wiederbelebt, indem Gemeinschaftsbüros, Gasthäuser, Unterhaltungsstätten und andere lokale Anlaufstellen zueinander passend gefördert werden. Und wenn die interessanten Menschen nicht mehr täglich zur Arbeit in die Großstadt verschwinden, dann werden auch Kleinstädte wieder spannend, vielleicht sogar cool.

Diese Veränderungen können die Lebensqualität vieler Menschen verbessern, auch wenn diese den besonderen Reiz hoch entwickelter Innenstädte vermissen werden, den sie zuvor gelegentlich genossen haben. So wird jedoch der Wunsch entstehen, eine neue Version dieses Reizes auch nahe des eigenen Wohnorts zu schaffen.

Doch brauchen wir neue Infrastrukturen, um die Zentren und ihre Peripherien besser zu verbinden. Die sogenannte Mikromobilität wird dramatisch zunehmen. Das Vertrauen in diesen Bereich belegen die weltweit vermehrten Investitionen ebendort, auch wenn aktuell nur höher Gebildete E-Bikes und E-Roller hauptsächlich für Freizeitzwecke einsetzen. Aber es wird positive Auswirkungen auf die Emission von Klimagasen haben.

Straßen können künftig nach Geschwindigkeitszonen neu aufgeteilt werden: 5 Kilometer pro Stunde, 15, 25 und mehr mit gesonderten Bereichen für Fußgänger, Fahrräder, E-Scooter, Autos und den öffentlichen Nahverkehr. Auch die Flächen fürs Parken im öffentlichen Raum und in Bürogebäuden werden neu gestaltet.

Die wichtigsten Hebel zum Vorantreiben der neuen Mobilitätsformate sind ihre Flexibilität und ihre einfache Bedienbarkeit. Beides fördert den Wandel besser als ethische Maximen. Die Menschen handeln nur dann umweltfreundlich, wenn das in ihren Alltag passt. Die Hinwendung zu lokalen Lebensräumen macht diese Optionen jedoch noch attraktiver: Auf dem Weg in die Stadtzentren steuert man künftig neue Formen der Park-and-ride-Plätze an, um von dort mit den neuen Mobilitätsmitteln die letzte Wegstrecke zurückzulegen.

Wir brauchen künftig weniger Büroraum, selbst mit allen Auflagen des Social Distancing. Wenn wir diesen Raumgewinn überdenken, ergeben sich große Möglichkeiten: Weil etwa durch ein Überangebot an Immobilien deren Preise in den Innenstädten sinken, könnte eine Gegenkraft entstehen zur Hinwendung auf lokale Lebensräume.

Hier könnten jüngere Altersgruppen als Erste die Leere ausfüllen, da der Wohnraum erschwinglicher wird. Dadurch könnte in den Stadtzentren dann wieder eine urbane Dichte entstehen mit verschiedenen Ladengeschäften und -sortimenten von Lebensmitteln bis zu Technikausrüstern.

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Die Städte werden jedenfalls überleben – und das Dilemma in Erinnerung halten, das durch die Pandemie klar geworden ist: Je mehr wir im Cyberspace unterwegs sind, desto mehr gieren wir nach realen Begegnungen und menschlicher Interaktion.

Wir teilen das Bedürfnis nach Berührung, Bindung, Kontakt, Treffen, Netzwerken, Umarmung und Zärtlichkeit. Die Macht der räumlichen Nähe lässt junge Menschen zu den Treibern der Veränderung werden. Sobald es einen Impfstoff gibt, wird ihre zusammengepferchte Energie explodieren. Doch schon vorher werden sie substanzielle Veränderungen durchsetzen.

Und auch die anderen, die das Veränderungspotenzial der Krise nicht vergeuden wollen, werden sicherstellen, dass es kein Zurück zu "alten Normalitäten" gibt. Vor allem nicht im Umweltbereich, wo wir erlebt haben, was alles möglich sein könnte.

Protokoll: Michael O. R. Kröher

Dieser Artikel erschien in der September-Ausgabe 2020 des Harvard Business manager.

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