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Sony Pictures-CEO über Hackerangriffe "Sie haben den ganzen Laden abgefackelt"

Als CEO von Sony Pictures erlebte Michael Lynton, was es heißt, weitgehend ohne elektronische Kommunikation dazustehen. Hacker hatten die Computerinfrastruktur des Unternehmens außer Gefecht gesetzt, große Mengen an Daten gestohlen und private E-Mails veröffentlicht. Im Gespräch berichtet Lynton, wie er diese Krise gemeistert hat.
Das Interview führte Adi Ignatius
aus Harvard Business manager Edition 2/2019

Illustration: Patrick Mariathasan für Harvard Business Manager

Michael Lyntons persönliches Schwarzer-Schwan-Ereignis trug sich Ende 2014 zu, als Hacker die bislang verheerendste Attacke der modernen Unternehmensgeschichte ritten. Lynton, CEO des amerikanischen Medienkonzerns Sony Pictures Entertainment (SPE), musste mit ansehen, wie streng vertrauliche Unternehmensdaten öffentlich gemacht wurden – darunter Gehälter, private E-Mails (mit zum Teil geharnischter Kritik an einigen Hollywood-Stars) und unveröffentlichte Filme. Damit nicht genug: Bei dem Angriff, für den US-Behörden Nordkorea verantwortlich machten, löschten die Hacker große Datenmengen von den Servern des Unternehmens.

Profil

Der Aufsteiger

Michael Lynton wurde am 1. Januar 1960 in Großbritannien geboren und wuchs in den Niederlanden auf. Sein Vater, gebürtiger Stuttgarter, arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für den britischen Geheimdienst. Lynton studierte Geschichte und Literatur am Harvard College und arbeitete zunächst als Investmentbanker für Credit Suisse First Boston. Nach einem MBA-Studium an der Harvard Business School wechselte er 1987 zu Walt Disney, wo er Disney Publishing aufbaute. 1992 wurde er President der Disney-Tochter Hollywood Pictures, 1996 übernahm er die Geschäftsführung des Verlags Penguin Group. Er baute dort dessen Geschäft im Bereich Musik und Internet aus. 2000 wechselte er endgültig ins Filmgeschäft: Bei Time Warner wurde er President und führte die Geschäfte von AOL; 2004 übernahm er schließlich als Chairman und CEO die Geschäfte von Sony Pictures; 2012 auch den CEOPosten bei Sony Entertainment. Unter seiner Leitung wurde die Filmsparte des Elektronikkonzerns zum erfolgreichsten Hollywood-Studio, mit zahlreichen Blockbustern wie "Spider-Man", "Skyfall" und TV-Serien-Erfolgen wie "Breaking Bad".

Der Krisenerprobte

Lynton wechselte zu einer Zeit ins Verlags- und Filmgeschäft, als dieses bereits von den Umbrüchen durch das Internet PROFIL geprägt war. Er bewältigte in seiner Laufbahn zahlreiche Krisen und Herausforderungen. Bei Sony musste er zunächst Kosten senken, später neue Märkte im Bereich Video-on-Demand auftun und nach Indien expandieren, um in Bollywood Fuß zu fassen - ein Wettlauf mit den Filmstudios Disney und Viacom. Gleichzeitig erschwerte ihm die aufkommende Internetpiraterie, die er vehement bekämpfte, das Geschäft. 2013 erlebte er einen seiner bis dahin schwärzesten Tage: Der Aktionärsaktivist Daniel S. Loeb gab bekannt, große Aktienpakete zu besitzen, und stellte harte Forderungen. Lynton musste daraufhin Einsparungen vornehmen und das Geschäft stärker auf die profitableren TV-Serien verlagern.

Als die Angreifer schließlich noch mit Vergeltung drohten, falls der Film "The Interview" tatsächlich in die Kinos kommen sollte, geriet der eher zurückhaltende Lynton an die vorderste Front der US-Außenpolitik. Die von Sony Pictures produzierte Komödie spielt in Nordkorea und handelt von einem fiktiven Mordkomplott gegen den amtierenden Machthaber Kim Jong Un. Aus Angst vor Anschlägen weigerten sich viele Kinobetreiber, den Film zu zeigen, sodass Sony gezwungen war, andere Vertriebskanäle zu erkunden. Präsident Barack Obama schaltete sich in die Debatte ein und warf Sony vor, sich dem vermeintlichen Druck Pjöngjangs zu beugen. Die für Zuschauer ab 17 Jahren freigegebene Slapstickkomödie wurde unversehens zum Symbol für Presse- und Meinungsfreiheit.

Wie übersteht ein Unternehmen solch ein Ereignis? Wie bewahrt es seine Unternehmenskultur – und wie die Loyalität seiner Mitarbeiter –, wenn jede streng geheime, unangenehme oder gar anzügliche Information an die Öffentlichkeit gerät? Im kalifornischen Culver City, wo Sony Pictures in einem traditionsreichen Art-déco-Gebäude seinen Hauptsitz hat, habe ich Lynton besucht und mit ihm über diese Erfahrung gesprochen. Bereitwillig und unbefangen berichtete er über die schwierigen Wochen nach dem Hackerangriff und zeigte sich zuversichtlich, dass Sony die Episode unbeschadet überstanden hat. Attacken wie diese könnten künftig zur Normalität werden. Deshalb hoffe er, sagt Lynton, dass der Albtraum, den sein Unternehmen durchlitt, ein Weckruf für Amerikas Unternehmen ist.

Harvard Business manager: Werfen wir zunächst einen Blick zurück. Ende 2014 sind die Computersysteme von Sony gehackt worden. Was haben Sie als Erstes gedacht?

Michael Lynton: Ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit. Es war gegen acht Uhr morgens, als mich unser CFO anrief und berichtete, dass auf unsere Systeme zugegriffen worden war. Als ich im Büro ankam, war das gesamte Studio bereits vom Netz.

Und das war erst der Anfang.

Ja. Wir erhielten eine Reihe bedrohlicher Nachrichten über gestohlene Daten, und dann begann deren Veröffentlichung. Schon bald mussten wir an vielen Fronten gleichzeitig kämpfen. Zum einen versuchten wir, den Betrieb am Laufen zu halten. Gleichzeitig mussten wir uns um Mitarbeiter kümmern, die Angst hatten, dass ihre Daten an die Öffentlichkeit gelangen. Wir mussten uns mit der Presse auseinandersetzen, die einige der E-Mails druckte. Und dann kam das FBI für die forensische Analyse zu uns.

Sie waren als Konzernchef bekannt, der gern delegiert. Änderte sich das in diesem Moment?

Ja, meine Aufgabe änderte sich sofort und vollständig. In dieser Krise musste ich die Zügel in die Hand nehmen. Wir richteten eine Kommandozentrale ein, um sicherzugehen, dass alle Entscheidungen mit meinem Wissen und Einverständnis getroffen wurden. Das entwickelte sich fast zum Vollzeitjob, was bedeutete, dass alle anderen sich um die laufenden Geschäfte kümmern mussten – was sie sehr erfolgreich taten.

Wie sind Sie beim Einrichten einer Kommandozentrale vorgegangen?

Da E-Mails nicht mehr funktionierten, mussten wir als Erstes ein Mindestmaß an Kommunikation wiederherstellen. Wir waren ja eine ganze Zeit lang offline. Wir hatten unsere Mobiltelefone, mehr nicht. Wir erstellten also ein Organigramm zum Versenden von Textnachrichten und haben uns dann mit unserem Mitarbeiterbenachrichtigungssystem beholfen. Das bedeutet, dass wir unseren Mitarbeitern von zentraler Stelle Textnachrichten schicken konnten – was wir auch regelmäßig taten.

Ging es dabei nur um die Krisenbewältigung selbst oder auch um das Tagesgeschäft?

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