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Technologie KI richtig nutzen

Zahlreiche neue Bücher beschäftigen sich mit den Gefahren und Chancen künstlicher Intelligenz. Die Autoren fordern Regeln für einen bewussten Umgang mit der Technologie. Eine Übersicht.
aus Harvard Business manager 8/2020

Illustration: Matt Carlson

Roboter in Filmen fand ich immer super, sogar die bösen. Aber jetzt, wo die Maschinen um uns herum immer intelligenter werden, fällt es schwer, sich nicht zu sorgen, dass künstliche Intelligenz (KI) mit finsteren Absichten – eine Art Terminator oder HAL – irgendwann auf die reale Welt losgelassen wird.

Mit diesen düsteren Gedanken bin ich natürlich nicht allein. Stephen Hawking warnte, dass "die Entwicklung einer vollständig künstlichen Intelligenz das Ende der Menschheit bedeuten könnte". Und als der Oxford-Philosoph Toby Ord für sein Buch "The Precipice" eine Reihe existenzieller Bedrohungen untersuchte – Asteroiden, Atomkrieg, Klimawandel –, stufte er unkontrollierte KI als die wahrscheinlichste ein. Als ich mir nun die neuesten Bücher zu dem Thema vornahm, war ich etwas beruhigt, dass die Experten darin übereinstimmten, dass der Wendepunkt – also der Zeitpunkt, an dem KI der menschlichen Intelligenz überlegen ist – nicht unmittelbar bevorsteht. Die Schätzungen reichen von einigen Jahrzehnten bis zu Jahrhunderten in der Zukunft. Grund zur Entspannung ist das dennoch nicht. Die Autoren behaupten, dass die Angst vor zukünftigen übermächtigen Robotern uns von der Gefahr ablenke, die schon jetzt von einer "begrenzten" KI ausgeht, die von intelligenten Lautsprechern bis autonomen Fahrzeugen alles steuert.

Einige denken, dass KI zwar schlau sei, aber harmlos – wie ein digitaler Idiot, der nur Aufgaben abarbeitet, uns etwa von A nach B bringt, ohne irgendetwas umzufahren. Aber wie Michael Kanaan in "T-Minus AI" beschreibt, kann diese Art von KI auch schlechte Absichten kalt und effizient ausführen. Als Co-Vorsitzender für künstliche Intelligenz der US Air Force weiß er, dass einige Regierungen die Technologie aggressiv einsetzen, um antidemokratische Bestrebungen voranzutreiben.

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Kanaan, Michael

T-Minus AI: Humanity’s Countdown to Artificial Intelligence and the New Pursuit of Global Power (English Edition)

Verlag: BenBella Books
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Die chinesische Regierung baut zum Beispiel ein soziales Punktesystem auf, das auf künstlicher Intelligenz basiert und die Online- und Offlineaktivitäten der Bürger verfolgt. Daraus wird dann ein Faktor der sozialen Vertrauenswürdigkeit für jeden berechnet, und Menschen werden entsprechend belohnt oder bestraft. Punktabzug gibt es für Herumlungern, Müllverursachen oder das Teilen "inakzeptabler" Informationen. Damit wird es schwieriger, ein Flugticket zu kaufen, einen Kredit zu bekommen oder einen Job zu finden.

Und China geht noch weiter: Gesichtserkennung wird genutzt, um Angehörige der überwiegend muslimischen Minderheit der Uiguren zu identifizieren, zu inhaftieren und zur "Umerziehung" zu zwingen. (Natürlich schrecken auch westliche Unternehmen und Regierungen nicht davor zurück, demokratische Ideale zu verbiegen, um Bürger zu überwachen.) Kanaan ruft daher dringend dazu auf, ins Gespräch zu kommen über die Auswirkungen einer unkontrollierten KI und darüber, welche Schutzmechanismen wir aufbauen können, um Freiheit und Sicherheit zu bewahren.

William Davidow und Michael Malone mit ihrem Buch "The Autonomous Revolution" und Daniel Susskind mit "A World Without Work" beschäftigen sich in ähnlicher Weise mit Risiken, die von vorhandener KI ausgehen. Sie argumentieren, dass sie nicht nur einfach eine weitere technologische Transformation sei, die wie die industrielle Revolution eine Reihe neuer Jobs schaffe, während andere verschwinden. Stattdessen, so die Autoren, stehen wir an einem historischen Wendepunkt und sind mit einer einzigartigen, intelligenten Technologie konfrontiert, die uns bei immer mehr Aufgaben überlegen ist und schlussendlich einen Großteil menschlicher Arbeit ersetzen könnte.

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Davidow, William, Malone, Michael S.

The Autonomous Revolution: Reclaiming the Future We've Sold to Machines

Verlag: Berrett-Koehler Publishers
Seitenzahl: 264
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SUSSKIND, DANIEL

WORLD WITHOUT WORK: Technology, Automation, and How We Should Respond

Verlag: MACMILLAN USA
Seitenzahl: 305
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Für Davidow, einen Manager aus der Techbranche, und den Journalisten / Unternehmer Malone steht fest: Statt die Produktivität zu verbessern und so zu steigendem Bruttoinlandsprodukt (BIP) und Wohlstand zu führen (wie frühere Transformationen), würde KI die Produktivität verbessern, aber gleichzeitig das BIP senken. Die Folge: ein Überfluss billiger Produkte, sinkende Löhne, steigende wirtschaftliche Ungleichheit, insgesamt weniger Arbeit und das Entstehen von "Millionen ZEVs" ("people of Zero Economic Value") – Menschen, die niemand einstellen wird, selbst wenn sie nichts kosten.

Der Weg nach vorn

Susskind, ein Ökonom und ehemaliger Berater der britischen Regierung, sieht uns Menschen ebenfalls auf immer weniger Aktivitäten beschränkt, während die KI in unser Leben eindringt. Lkw-Fahrer zusammen mit GPS sind eine starke Kombination, aber wenn die künstliche Intelligenz sowohl Fahrer als auch Navigator wird, müssten sich 3,5 Millionen Trucker in den USA einen neuen Job suchen. Sogar Arbeitsplätze, die von unseren menschlichsten Eigenschaften abhängen – Mitgefühl, Urteilsvermögen, Kreativität –, sind dagegen wahrscheinlich nicht immun. Maschinen werden vielleicht nie das Bauchgefühl eines Arztes haben, sich oder von ihrer Muse inspirieren lassen wie Komponisten, aber sie werden lernen, diese so zu imitieren, dass wir Nachahmung nicht vom Original unterscheiden können.

Diese Autoren sehen jedoch einen Weg nach vorn in einer Welt mit weniger Arbeit und wachsender Ungleichheit. Sie entwerfen neue Regulierungsbehörden (Susskind schlägt eine Aufsichtsbehörde vor, um Unternehmen mit zu viel Einfluss zu zügeln) und stellen sich ein stärkeres Eingreifen der Regierung vor. Zu den Vorschlägen von Davidow und Malone für den Fall, dass die Lösungen der freien Marktwirtschaft nicht ausreichend funktionieren, gehören (halten Sie sich fest) "Systeme zur Umverteilung des Reichtums, etwa höhere Steuern, kostenlose allgemeine Gesundheitsversorgung und ein universelles Grundeinkommen".

Nachdem ich also zu der Überzeugung gelangt bin, dass kein Job sicher ist, habe ich nur zu gern zu Kevin Scotts "Reprogramming the American Dream" gegriffen. Scott, Microsofts Chief Technology Officer, erwartet ein gewaltiges Wachstum an Arbeitsplätzen für Menschen auf dem Land, insbesondere in der verarbeitenden Industrie. "Bei der KI wird es letztlich um die Befähigung der Menschen gehen, nicht um Vertreibung", versichert er uns. In der Tat beschreibt er die vielen Arten von Jobs für Arbeiter, die durch KI, Robotik und Automatisierung geschaffen werden. Ein Unternehmer hat zum Beispiel eine computergesteuerte Präzisionsplastikfertigung ins Leben gerufen, in der jemand mit "einem Abschluss als Maschinenschlosser ... und ein wenig Anleitung am Arbeitsplatz einen gut bezahlten Job in einer Kleinstadt bekommen kann, die vorher nahezu abgehängt war".

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Kevin Scott, Greg Shaw

Reprogramming the American Dream: From Rural America to Silicon Valley - Making AI Serve Us All

Verlag: HarperAudio
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Ohne Ironie weist Scott auch auf eine ganz neue Art von Arbeitsplätzen hin, die die KI selbst unterstützen: Datenbearbeitung, um die KI zu trainieren, Zeitarbeitsfirmen für Roboter und Jobs in der Konstruktion, die riesige Rechenzentren wie das Microsoft-Werk in Virginia bauen. Scotts Haltung ist eine optimistische, die eine wichtige Frage allerdings ausblendet – ob diese neuen Arbeitsplätze die verloren gegangenen vollständig ersetzen können.

Die Autoren sind bei Details vielleicht unterschiedlicher Meinung, aber sie teilen einen Optimismus mit Blick auf die zukünftigen Entwicklungen. Der Schlüssel, darin stimmen sie weitgehend überein, besteht darin, jetzt Regeln und Systeme aufzustellen, um das Schlimmste abzuwenden. Wie Kanaan es ausdrückt, müssen wir KI "nur in einer Weise einsetzen, die mit der grundlegenden Menschenwürde vereinbar ist ... und nur für Zwecke, die mit demokratischen Idealen, Freiheiten und Gesetzen vereinbar sind".

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Was würde eine künstliche Intelligenz wohl von diesem Plan halten? Als Kanaan eine Version der App GPT-2 für maschinelles Lernen zu der Idee befragte, lieferte sie eine perfekte Antwort: "Unsere Aufgabe ist es nun, vor allem die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass der Einsatz der KI zur Erreichung dieser Ziele ein notwendiger und wünschenswerter Teil unserer Gesellschaft ist ... Aber letztendlich erfordert die Zukunft, dass wir moralische Entscheidungen treffen, wenn wir beginnen, eine Welt aufzubauen, die wirklich sicher und nachhaltig ist, eine Welt, in der Menschen und KI wirklich miteinander koexistieren können."

Obwohl die Maschine im menschlichen Sinne nicht versteht, was sie geschrieben hat, kann man nicht umhin, einen Hauch von Eigeninteresse zu erkennen – und einen Hinweis darauf, was die Zukunft bringt. © HBP 2020

Dieser Artikel erschien erstmals in der August-Ausgabe 2020 des Harvard Business managers.

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