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Robotervisionärin Helen Greiner "Die Menschen gewöhnen sich an die Technik"

Die Robotervisionärin Helen Greiner erfand Tauchroboter, autonome Staubsauger und entwickelt Drohnen. Im Gespräch erklärt sie, warum Drohnen weit mehr können als nur beobachten.
Das Interview führte Scott Berinato
aus Harvard Business manager 10/2017
Helen Greiner

Helen Greiner

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Steve Jennings / Getty Images

Harvard Business manager: Was macht die Faszination von Drohnen aus, Frau Greiner?

Helen Greiner: Drohnen sind eine fast magische Technologie. Am Boden haben wir mit unwegsamem Gelände, Zäunen, Treppenstufen und Flüssen zu kämpfen. Über den Baumwipfeln aber haben wir eine ganz andere Situation: Ab einer gewissen Höhe können wir uns vollkommen frei bewegen – fast wie auf einer Art Superautobahn. Und die können wir mithilfe von Drohnen auf ganz unterschiedliche Weise nutzen: um Pakete zuzustellen beispielsweise.

Die Drohnen, die Ihre Firma herstellt, sind kabelgebunden. Warum?

Unsere Kunden sagen uns: Wir brauchen die Drohnen für lange Zeit in der Luft, um ihre Aufgaben zu erledigen. Auch die Anwendungen, die wir nutzen, arbeiten ununterbrochen. Deshalb haben wir PARC entwickelt, eine kabelgebundene Drohne. Sie kann über viele Hundert Stunden in der Luft bleiben. Das schaffen frei fliegende Drohnen nicht – sie müssen alle 30 Minuten wieder auf den Boden zurück. Mit unseren Fliegern wählen Sie Ihren Aussichtspunkt und bleiben so lange da, wie Sie wollen. Gründe aufzusteigen gibt es viele: Sie können ein gesamtes Areal überblicken oder den Verkehrsstrom auf einer drei Meilen entfernten Brücke beobachten. Sie können Ihre Drohne aber auch mit Kommunikationssystemen und unterschiedlichen Sensoren ausstatten.

Normalerweise denkt man an einen Kran oder einen Mast, wenn es darum geht, solche Arbeiten aus der Höhe zu erledigen. Sind Drohnen ein Ersatz?

Drohnen sind eine sehr flexible und anpassungsfähige Technologie, die sich gut eignet, wenn Sie eine Liveveranstaltung aufnehmen möchten, einen Hafen überwachen wollen oder vielleicht sogar einen militärischen Vorposten im Blick behalten müssen. Wenn Sie allerdings über Jahre hinweg täglich von derselben Position aus arbeiten, dann sollten Sie definitiv einen Mast dafür aufstellen.

Das Kabel dient zur Stromversorgung, aber auch zur Übertragung von Daten. Was ist der konkrete Vorteil?

Es ist vor allem sehr sicher. Sie müssen sich also keine Sorgen um Hackerangriffe, abgefangene Informationen oder Manipulationen machen. Und durch die Verbindung zum Internet können Sie überall auf der Welt benötigte Daten herunterladen.

Ich könnte mir gut vorstellen, dass es jede Menge Leute gibt, die sich sagen: Man kann Drohnen zur Überwachung und zum Kartografieren einsetzen, aber meine Branche betrifft das nicht. Haben sie recht?

Tatsächlich wird bereits in vielen Branchen darüber nachgedacht, wie eine geeignete Drohnenstrategie aussehen könnte. Ich kann mir im Übrigen kaum einen Bereich vorstellen, in dem Drohnen künftig keine Rolle spielen werden. Beim Militär dienen sie zur Überwachung und Kommunikation, genauso wie im Bergbau, in der Baubranche oder in der Öl- und Gasindustrie. Früher habe ich an dieser Stelle immer gesagt: Okay, in der Finanzindustrie werden Drohnen tatsächlich keine Rolle spielen. Heute weiß ich es besser: Viele Investoren nutzen sie, um Wetten auf den Aktienmarkt abzuschließen.

Viele Menschen – mich eingeschlossen – finden die Vorstellung von Drohnen unheimlich. Sie schweben über uns hinweg und wir fragen uns, was sie da oben eigentlich machen.

Das höre ich seit Jahren immer wieder. Als wir damals mit iRobot anfingen, fragte ich alle Menschen, die mir begegneten: Willst du einen Roboter haben? Und viele sagten mir: Warum um alles in der Welt sollte ich einen Roboter besitzen wollen? Und außerdem: Was sollte ich mit dem Ding anstellen? Mittlerweile sind rund 20 Prozent aller neu gekauften Staubsauger Roboter. So wie etwa unser Modell Roomba. Mit Drohnen wird es ähnlich laufen. Früher gab es sehr viele Leute, die regelrecht Angst vor ihnen hatten. Heute sehen sie, wie ihr Nachbar ein solches Fluggerät benutzt. Und sie beobachten Kinder im Park, die mit ihren Drohnen spielen. Außerdem machen Drohnen großartige Selfies – auf diese Weise gewöhnen sich die Menschen an die Technik. Ein ganz anderer Aspekt ist aber, dass sich die Menschen vorstellen, dass sie eines Tages vor lauter Drohnen die Sonne kaum noch sehen können. Eine besonders gruselige Vorstellung ist, dass gleich ein ganzer Schwarm den Himmel verdunkelt. Ich halte das nicht für realistisch. Denn noch immer ist ein Lastwagen für viele Transporte das beste Verkehrsmittel. Wenn es darum geht, eine größere Menge an Ladung in eine entlegene Stadt zu bringen, sind Trucks unschlagbar.

Anders sieht es aus, wenn Sie etwas sehr schnell haben möchten: ein warmes Mittagessen oder ein Produkt, das Sie im Supermarkt vergessen haben; oder – im geschäftlichen Umfeld – eine Komponente, die Ihnen fehlt, um Ihre Arbeit zu erledigen. Dann werden Drohnen schon bald das Mittel der Wahl sein.

Ich denke, dass Drohnen unser Leben komfortabler machen können. Darum geht es dem Kunden doch heute: Bequemlichkeit und Komfort. Früher war es vollkommen normal, ein paar Tage auf ein Paket zu warten. Heute wollen wir es zumindest am nächsten Tag haben. Aber noch besser fänden wir es, wenn es innerhalb der nächsten Stunde bei uns wäre. Und das lässt sich mithilfe von Drohnen bewerkstelligen.

Drohnen sind eine wirklich disruptive Technologie. Nicht zuletzt, was Kosten und Arbeitslöhne anbelangt.

Das stimmt. Wir haben die Drohnen so entwickelt, dass sie ohne Piloten auskommen. Alles, was Sie tun müssen, um sie fliegen zu lassen, ist: die Flughöhe festlegen und einen Knopf drücken. Die Drohne steigt auf und bleibt so lange in der Luft, wie Sie wollen. Sie brauchen nur noch die Kamera im Blick zu behalten. Und es wird noch einfacher werden: Die Kamerakontrolle läuft dann automatisch, genauso wie die Datenverarbeitung. Eines Tages werden Roboter Serviceleistungen und andere Aufgaben übernehmen – und Drohnen ebenso. Statt dass Menschen mithilfe von Drohnen ihre Arbeit schneller erledigen, werden Drohnen die Aufgaben von Menschen übernehmen und etwa komplette Einrichtungen wie Lagerräume autonom managen.

Wann wird das sein? Schon in zwei Jahren oder doch eher in ein paar Jahrhunderten?

Es kommt natürlich auf das Einsatzgebiet an. Manche Vorschriften sehen vor, dass ständig mindestens eine Person vor Ort sein muss, um die Kontrolle zu behalten. Da sind vollständig autonome Systeme fehl am Platz.

Vermutlich fällt es vielen Menschen leichter, sich an Drohnen zu gewöhnen, wenn sie sich mit ihrem Nutzen beschäftigen. Mit ihrer Tragfähigkeit etwa und den vielen unterschiedlichen Anwendungsmöglichkeiten.

Ganz sicher. Anfangs wurden Drohnen zur Überwachung und Kommunikation eingesetzt. Inzwischen denken Telefonkonzerne darüber nach, ob Drohnen einen ganzen Mobilfunksender tragen können. Es gibt viele Einsatzmöglichkeiten – und je mehr Menschen mit Drohnen in Kontakt kommen, desto mehr Ideen entwickeln sie, was man noch alles mit ihnen anstellen könnte.

Die Anwendungen werden immer besser. Unabhängig davon, ob es sich dabei um Überwachung oder Aufklärung handelt, Kommunikation oder den Einsatz von chemischen Sensoren. Es gibt eine Menge unterschiedlicher Gerätschaften, mit denen sich Drohnen ausstatten lassen. Viele Möglichkeiten kennen wir vermutlich noch gar nicht. Klar ist aber: Es lässt sich viel mehr mit Drohnen machen, als nur die Erde zu beobachten. © HBP 2017

Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe 2017 des Harvard Business managers.

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