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Risikomanagement Die Wissenschaft hat versagt

Viele Manager von Finanzinstituten haben die Krise nicht vorhergesehen und später nicht angemessen reagiert. Doch auch Managementprofessoren trifft eine Schuld. Sie müssen Forschung und Lehre verbessern.
aus Harvard Business manager 8/2011

In der Zeit nach der großen Finanzkrise wurde deutlich, dass die Führungskräfte vieler Finanzinstitute mit fehlerhaften und verzerrten Informationen über den Wert und das Risiko ihrer Geschäfte gearbeitet hatten. Eine Folge: Sie schafften es nicht, die Krise vorherzusehen. Eine weitere Folge: Sie reagierten - als die Krise eingetreten war - zu langsam und ineffektiv.

Pervertierte Anreizsysteme, eine ungenügende Aufsicht und schwache Regulierungen haben sicherlich dazu beigetragen. Aber es ist nach Jahrzehnten der Managementforschung und der Lehre mehr als gerecht zu sagen, dass auch die Wissenschaft ihren Teil Verantwortung an der Krise trägt. Wir Professoren haben versagt, weil wir es nicht geschafft haben, das passende Wissen zu erforschen und zu vermitteln, das den Unternehmen dabei helfen kann, Werte und Risiken richtig einzuschätzen.

Der unbekannte Kontinent

Wie konnte das passieren? Das Problem, mit dem wir es hier zu tun haben, hat der Ökonom Paul Krugman bereits vor 15 Jahren in einem provokanten Essay beschrieben. In seinem Beitrag verglich er die wirtschaftswissenschaftliche Forschung und ihre Fortschritte mit der Entwicklung der Kartierung Afrikas:

"Die Küste ... wurde zuerst entdeckt und dann mit immer größerer Genauigkeit kartografiert. Im 18. Jahrhundert schließlich war die Küste so genau gezeichnet, dass man die Karten von damals von modernen nicht mehr unterscheiden kann ... Andererseits war das Landesinnere nun nur noch ein weißer Fleck. Zwar waren die mythischen Geschöpfe, die in früheren Karten eingezeichnet waren, verschwunden. Unsichtbar blieben allerdings leider auch die tatsächlich vorhandenen Städte und Flüsse. In gewisser Weise wurden die Europäer damals noch ignoranter gegenüber Afrika, als sie es zuvor schon gewesen waren ... Weitere Verbesserungen in der Kartografie sorgten für immer genauere Daten der Küstenlinie. Von da an galt, dass auch bezüglich der Landschaft nur noch Daten anerkannt wurden, die von zuverlässigen Informanten mit exakten Sextanten und Kompassen ermittelt worden waren. Andere Informationen wurden ignoriert."

Krugman könnte genauso gut über meine wissenschaftliche Disziplin geschrieben haben. In den vergangenen 40 Jahren beschäftigte sich ein großer Teil der Forschung in den Fachbereichen Rechnungswesen und Finanzen nur mit den Küsten des Geschäfts, nämlich mit den Kapitalmärkten, auf denen sich Unternehmen und Investoren begegnen. Wissenschaftler haben immer ausgeklügeltere Analysemethoden entwickelt, um die Beziehungen zwischen den Preisen gehandelter Aktien, Schulden und anderen Finanzinstrumenten und den Angaben der Unternehmen, den Aufsichtspraktiken und den Berichten von Finanzanalysten zu beschreiben.

Aber ganz ähnlich wie die Kartografen Afrikas im 19. Jahrhundert wissen wir heute weniger über das, was in den Unternehmen passiert, als vor 40 Jahren. Kaum einer von uns Wissenschaftlern studiert oder lehrt über die Best-Practice-Fälle zum Thema Vermögensbewertung und Risikomanagement, die es in gut gemanagten Unternehmen sicher gibt (Einige wenige von uns tun dies, und ihre Arbeiten sind es wert, gelesen zu werden.). Ich weiß von einer großen Bank, die sich weigert, US-amerikanische Business-School-Absolventen einzustellen. Denn sie vermutet, dass die MBAler nicht die nötigen Fähigkeiten haben, um komplexe Risiken einzuschätzen und Vermögensgegenstände richtig zu bewerten.

Ins Herz der Unternehmen vordringen

Um diese große Wissenslücke zu schließen, müssen mehr Business-School-Professoren, besonders im Fach Rechnungswesen, sich von den Küsten ihres Fachs wegbewegen. Sie müssen die Computer in ihren Büros verlassen, an denen sie Modelle entwerfen. Und sie müssen damit anfangen, das Innere vorbildlicher Unternehmen zu erforschen. Eine detaillierte qualitative Fallstudie, die dokumentiert, wie innovative Manager riskante Geschäfte klug bewerten, wäre weitaus wertvoller als nur eine weitere wissenschaftliche Untersuchung über die Korrelation zwischen Bilanzdaten und Aktienkursen. Sorgfältige und beschreibende Forschung von Wissenschaftlern gibt es in anderen Fachbereichen ganz selbstverständlich, wie zum Beispiel in der Medizin oder in den Ingenieurwissenschaften. Dort führen die Untersuchungen von Neuerungen in der Praxis und die Ergebnisse kleinteiliger Experimente eine komfortable Koexistenz mit großzahligen Studien und mit der Grundlagenforschung.

Die Lage wird sich verbessern, weil das alte Bereichsdenken der verschiedenen Fakultäten nachlässt. Dies führte in der Vergangenheit zum Beispiel dazu, dass sich Professoren und Regulierer lange damit abmühten, das Optionspreismodell aus den 70er Jahren für modernes Risikomanagement zu adaptieren. Das konnte nur schiefgehen. Was wäre gewesen, wenn Physikprofessoren 1950 dabei stehen geblieben wären, die Erkenntnisse Isaac Newtons zur Mechanik zu unterrichten und dort weiterzuforschen? Wenn sie also die großen Durchbrüche in der Quantenphysik, die es schon 40 Jahre früher gegeben hat, völlig ignoriert hätten?

Nachdruck

Nummer 201108098, siehe Seite 102 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Publishing

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