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Kolumne Die unsichtbare Hand

aus Harvard Business manager 5/2010

Das Management zählt zu den Lieblingsobjekten von Wirtschaftssoziologie und -psychologie - Herkunft, Habitus, Handlungsweisen, auch Neurosen, Schrullen, Machtgelüste, alles hochinteressant und daher in allen erdenklichen Facetten vermessen, gewogen, beschrieben, analysiert. Über Manager wissen wir mehr als über jede andere Ethnie auf dieser Welt. Und doch ist das alles nur die halbe Wahrheit. Denn hinter fast jedem erfolgreichen Manager steht eine Frau. Vorsicht - kein Kurzschluss jetzt: nicht seine Frau (zumindest nicht in erster Linie) und auch nicht, was Ihnen jetzt als Erstes einfällt. Nein, hinter jeder erfolgreichen Führungskraft steht - eine Chefsekretärin.

Das Mentalitätsmilieu dieser Personen ist nun im Unterschied zu den sichtbaren Protagonisten ganz unbekannt, soziologisch kaum vermessen, psychologisch ein Geheimnis. Gelegentlich dringt durch eine qualifizierte Indiskretion etwas nach außen, meist dann, wenn über die Sekretärinnen der Regierungschefs gesprochen wird, diese beigefarbenen Eminenzen. Aber über die Alltagsausgabe weiß man kaum etwas.

Sie scheint eine geradezu anti-mephistophelische Kraft zu sein, "die stets das Gute will und stets das Gute schafft", eine Macht im Hintergrund, die das Betriebsklima, die Unternehmenskultur und auch das Image außen prägt, die in der Lage ist, Menschen zusammenzubringen und das wechselseitige Verständnis zu fördern, eine Macht, ohne die nichts läuft, die Fehler korrigiert, bevor sie passieren, wichtigste Beratungsinstanz ihres Entscheiders, die optimale Besetzung für eine positive Verschwörungstheorie. Also habe ich mich entschlossen, eine Diplomarbeit zu vergeben, fragte dann nach einiger Zeit die junge Dame, die dieses Thema zunächst freudig akzeptierte, was denn so herausgekommen sei.

Nicht viel. Sie stoße auf geradezu chinesische Mauern der Diskretion und Zurückhaltung. Immerhin wisse sie nun: Die zu dieser Dienstleistung Berufenen träfen sich einmal im Jahr, weltweit, seit 58 Jahren, und immer am gleichen Tag, am letzten Freitag im April, wohl um zu dokumentieren, dass sie das Gegenteil eines Aprilscherzes seien. Sie habe Leute gesprochen, die auf solchen Veranstaltungen zu Vorträgen eingeladen waren. Gesagt hätten die ihr nichts, aber sie wirkten fasziniert vom Selbstbewusstsein, das auf diesen Veranstaltungen gepflegt werde. Ja, und die werbetreibende Industrie habe sie als Topzielgruppe identifiziert, als wirkungsvollste Multiplikatorinnen. Zwar hätten findige Wirtschaftsjournalisten sommers auf den feuilletonistischen Seiten ihrer Fachmedien hier und da flüchtige Skizzen über diese Gruppe hingeworfen. Aber wissenschaftlich sei das alles nicht belastbar. Wenig wisse man über Herkunft, Habitus und Handlungsweisen, nichts über Neurosen, Schrullen, Machtgelüste, falls sie so etwas überhaupt pflegten. Zumindest einen Titel für ihre Arbeit habe sie: "Die unsichtbare Hand im Unternehmen". Ob sie denn weitermachen wolle, fragte ich die Kandidatin. Oh ja, auf jeden Fall. Sie habe nur eine Bitte - ich möge die Kontakte zu den mir bekannten CEOs nutzen, damit die bei ihren Sekretärinnen einen Termin für sie arrangieren könnten.

HOLGER RUST

ist Professor für Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Arbeit, Wirtschaft und Karriere an der Universität Hannover. Daneben arbeitet er als Publizist und Unternehmensberater vor allem auf den Gebieten der Kommunikationskultur in Unternehmen. Wollen Sie unserem Kolumnisten Ihre Meinung sagen, schreiben Sie eine E-Mail an: holger_rust@harvardbusinessmanager.de

© 2010 Harvard Business Manager

Produktnummer 201005101, siehe Seite 104

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