Zur Ausgabe
Artikel 14 / 19
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Globalisierung Die neue Aufgabe der Unternehmen

GLOBALISIERUNG: Manager müssen Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen, soll die Wirtschaft nicht an ihren eigenen Erfolgen zugrunde gehen.
aus Harvard Business manager 6/2004

Globalisierungsgegner werfen multinationalen Konzernen gern vor, kulturelle Vielfalt einzuebnen und die Eigenständigkeit sozialer Gemeinschaften dem Profit zu opfern. Für sie ist etwa McDonald's der Totengräber regionaler Essgewohnheiten. Sie wollen daher die Macht der Konzerne begrenzen.

Ich sehe die Macht der großen Wirtschaftunternehmen dagegen eher als Chance, das globale Gemeinwesen zu gestalten und einen neuen Teilnehmer am kulturellen Diskurs der Moderne zu gewinnen. Es ist kein Naturgesetz, dass der Staat allein Sache der von Berufspolitikern geführten Parteien sei. Auch große Wirtschaftsorganisationen können erfolgreich öffentliche Verantwortung übernehmen, so wie zum Beispiel die Hanse in der frühen Neuzeit.

Durch die Globalisierung erwächst Führungskräften der Wirtschaft eine neue Verantwortung für jene allgemeinen kulturellen Voraussetzungen, die den Markttausch absichern. Denn viele Werte, die bisher als selbstverständlich galten, stellt der weltweite, ungebremste Tausch von Waren und Informationen auf einmal infrage.

Das betrifft auch die kulturellen Voraussetzungen von Wirtschaft. Sie lassen sich grundsätzlich nicht über allein am Nutzen orientiertes Handeln erzeugen, ja sie müssen diesem sogar entzogen werden. Hierzu zählen etwa Rechtssicherheit und Vertrauen, die Sanktionierung von Betrug und die Verlässlichkeit von Verträgen, die unbedingte Geltung bestimmter Wertüberzeugungen, die diffuse Erwartung künftiger guter Tauschchancen, die positive Bewertung des Handels und die klare Trennung zwischen dem Bereich des Käuflichen und dem des Nichtkäuflichen. Wenn Recht, Polizei und Moral käuflich sind, bricht auch die Ordnung des Marktes zusammen.

Die Grenzen der Politik

Bisher sahen die Wirtschaftsakteure es meist als Aufgabe der Politik, die sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen des Marktes zu sichern. Aus verschiedenen Gründen scheitern die Politiker aber immer offensichtlicher an dieser Aufgabe. Die Reichweite politischen Handelns ist immer noch stark durch den nationalstaatlichen Horizont begrenzt. Zwar ergeben sich in der Europäischen Union neue Formen der Zusammenarbeit, doch die Gestaltungsmöglichkeiten der Politiker sind jenseits der Grenzen des eigenen Landes grundsätzlich geschwächt - wenn die Politiker nicht zu kriegerischen Mitteln greifen.

Schwerer als diese räumliche Begrenzung wiegt eine zeitliche: Politik in westlichen Demokratien orientiert sich am Rhythmus der Wahlperioden. Nach der Wahl beginnt die Vorbereitung der nächsten Wahl, und nach der gewonnenen Wahl wird man weitersehen. Hinzu kommt die Kurzatmigkeit der Medien, die erfolgreiche Politiker nutzen müssen. All dies fördert keine langfristigen Perspektiven. Die Zeithorizonte von Berufspolitikern sind begrenzt - nicht weil sie moralisch verkommen wären, wie die Öffentlichkeit gern argwöhnt, sondern weil die institutionelle Logik der Wahldemokratien dies fordert.

Die Rolle der Wirtschaft

Im Unterschied zur Politik ist das Handeln von Managern auf entwickelten Märkten auf langfristige Strategien angelegt. Weltweit agierende Konzerne sind darüber hinaus relativ unabhängig von kurzfristigen Ertragsschwankungen in einigen Branchen oder Regionen. Sie sind daher grundsätzlich eher imstande, langfristig Verantwortung im Globalisierungsprozess zu übernehmen. Somit sind sie aufgerufen, jene kulturellen Voraussetzungen, ohne die der normative Rahmen des Markthandelns nicht bestehen kann, durch eigene Initiativen zu sichern.

Sollten die Manager diese Verantwortung annehmen, muss sich allerdings auch der Horizont ihres Handelns über die ökonomische Rationalität hinaus entwickeln und soziale Verantwortung ebenso wie kulturelle Orientierungen einbeziehen. Sie können die Voraussetzungen ihres Handelns eben nicht mit rein wirtschaftlichen Mitteln sichern. Sie müssen sich stattdessen als durch Kultur geprägte Akteure begreifen und an öffentlichen Diskursen beteiligen.

Dabei geht es darum, aus der Perspektive der Unternehmen eigene Reformprojekte vorzuschlagen, die sich nicht als Camouflage tagespolitischer Interessen entpuppen, sondern sich als eigenständige Visionen des Gemeinwohls diskutieren lassen. Manager könnten die Gemeinwohlbindung ihrer Konzerne öffentlich demonstrieren, indem sie nicht schweigend Verantwortung verweigern oder lautstark über Inkompetenz der Politiker klagen, sondern indem sie auch Themen jenseits der Wirtschaft besetzen.

Sind alle Konzerne hingegen nur auf den Shareholder-Value fixiert, steigen die Risiken für den kapitalistischen Markt. Denn diese Fixierung (ver-)führt zu Bilanzfälschungen. Durch die daraus folgenden Skandale erodiert das Vertrauen ähnlich wie durch eine inflationäre Geldpolitik.

Die Manager sollten einen Schritt weiter in die Öffentlichkeit gehen und dort ihre Ideen zur Umwelt- und Steuerpolitik, zur europäischen Integration und zur Reform des Bildungssystems vorstellen. Das Weltwirtschaftsforum in Davos, das amerikanische Aspen-Institut, die Quandt- oder die Schleyer-Stiftung könnten Foren für solche Überlegungen sein. Über Stiftungslehrstühle könnten Führungskräfte den Austausch mit den Hochschulen intensivieren. Viele solcher Corporate-Citizenship-Programme von Unternehmen sind viel versprechend.

Gewiss genügen Ideen allein nicht, damit diese positiven Ansätze nicht zu einer neuen Mode verkommen. Sie benötigen den Rückhalt der Firmen, sie müssen in die Öffentlichkeit getragen werden, und sie müssen vor allem mit einer Verantwortungsethik verbunden sein, die glaubwürdig ist. n

-------------------------------------------------------------------

BERNHARD GIESEN ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Konstanz. Der Text beruht auf einem Vortrag, den er auf Einladung des Strategieinstituts der Boston Consulting Group hielt.

-------------------------------------------------------------

© 2004 Harvard Businessmanager

Nachdruck-Nr. 200406106

Bernhard Giesen
Zur Ausgabe
Artikel 14 / 19
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.