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Psychologie Die Erlaubnis, sich Zeit zu nehmen

PSYCHOLOGIE : Hochleistung bringen kann nur, wer beruflich - und privat - glücklich ist. Vielen Managern gelingt das nicht, hat Dorothea Assig festgestellt. In ihren Seminaren will die Managementtrainerin den Weg zu mehr Lebensfreude aufzeigen.
aus Harvard Business manager 1/2004

Manager verdienen so gut wie nie, haben exklusive Hobbys wie Golfspielen oder Segeln und haben meist einen riesigen Bekanntenkreis. Warum sollte ausgerechnet mangelnde Lebensfreude ein Problem von Führungskräften sein?

ASSIG Meine Klienten kommen zu mir ins Coaching oder ins Seminar, weil sie ihren Wirkungsgrad verbessern wollen. Wir suchen dann gemeinsam, wo sie ansetzen können. Die fachliche Qualifikation ist meist das geringste Problem, das notwendige Wissen können sie sich aneignen. Auch im technischen Sinne an den Führungsqualitäten zu arbeiten ist nicht schwierig - wenn sie ihre Probleme einmal erkannt haben.

Das wirklich Entscheidende, um weiter erfolgreich zu sein, ist, dass sich Führungskräfte zu Führungspersönlichkeiten entwickeln. Das heißt, es geht nicht darum, Best Practices anzuwenden oder nach Perfektion zu streben. Auf den obersten Managementebenen sind das eigene Urteil und Intuition gefragt; der Eigenwille, das Lebensgefühl. Und diese Entdeckung in meinen Coaching-Gesprächen hat mich dazu gebracht, das Augenmerk vor allem auf das Innerste zu lenken. Das, was die Führungspersönlichkeit in die Welt bringen möchte: ihre Werte, ihre Lebensfreude. Auch wenn es noch ein Tabu ist, darüber zu sprechen.

Wieso sollte das ein Tabu sein?

ASSIG Weil die offizielle Agenda verlangt, über Daten, Zahlen und Fakten zu sprechen und sich auch dadurch zu definieren. Man muss einfach Spaß haben; Golf spielen; die Welt bereisen; auf Vernissagen oder schicke Partys gehen. Den Druck und die Überforderung dahinter nimmt man nur ungern wahr. Auf der anderen Seite können viele nicht eingestehen, was ihnen wirklich Freude macht. Stellen Sie sich etwa vor, ein harter Manager würde sich dazu bekennen, Gedichte zu schreiben. Viele fürchten, das könnte schlecht ankommen.

Was soll denn Ihrer Meinung nach wahre Lebensfreude sein?

ASSIG Das, was mich wirklich ausfüllt. Zum Beispiel das "Flow-Erleben" - ein Zustand, den wir erreichen können, wenn wir uns mit Hingabe einer Sache widmen, in dem das Gefühl von Raum und Zeit aufgehoben wird und wir inspiriert sind. In Ruhe über einige Tage an einer Sache dranbleiben zu können; das Glück, von vorn beginnen zu wollen; die Anerkennung meines Teams. Oder Freundschaft - herzliche Kontakte zu Partnern im Geschäft. Es kommt weniger auf die äußeren Events und Statussymbole, auf Geld oder Prestige an. Nur der Blick nach innen sagt einer Führungskraft, ob sie Freude empfindet. Diesen Blick wollen wir trainieren und kultivieren, um mehr Lebensfreude empfinden und auch weitergeben zu können.

Und wenn ich nun am allermeisten Freude daran habe, mit einem Ferrari über die Autobahn zu rasen?

ASSIG Von mir aus - manche Menschen haben an den merkwürdigsten Dingen Spaß. Ich kann vielleicht die eine oder andere dieser Vergnügungen nicht nachvollziehen, aber letztlich muss ja jeder selbst entscheiden. Sie müssen sich nur darüber klar sein, ob Sie diese Dinge tun, weil Sie anderen imponieren oder sich selbst etwas beweisen wollen oder weil Sie - schlicht und einfach - Freude daran haben. Die Seele ins Gleichgewicht zu bringen gelingt umso weniger, je krampfhafter ich danach strebe oder je mehr ich mich an anderen statt an meinem eigenen Gefühl orientiere.

Kann es im Geschäftsleben wirklich darum gehen, was der Mensch braucht? Geht es nicht vor allem um das, was ihn vorwärts bringt?

ASSIG Dieser Gegensatz wird doch häufig nur künstlich geschaffen. Nehmen Sie das Modethema Networking: Beziehungen seien heute im Geschäftsleben alles, heißt es; "treibt Beziehungspflege, dann werdet ihr im Beruf erfolgreich sein". Natürlich war "Vitamin B" schon immer wichtig. Aber die so genannte Beziehungspflege macht oftmals weder Freude, noch nützt sie etwas, weil sie für sich genommen berechnend ist, auf Abhängigkeit beruht. Ich sage dagegen: Freundschaften sind im Geschäftsleben alles. Freundschaften beruhen auf Sympathie, Freundschaften machen nicht korrupt, weil sie auch ein klares Nein vertragen. Es bereitet einfach Freude, Freundschaften zu pflegen mit Leuten, die mir etwas bedeuten und mit denen ich bestimmte Werte teile. Das sind dann meist auch geschäftlich die fruchtbarsten Kontakte.

Wie finden die Leute denn heraus, was ihnen Freude macht?

ASSIG Das Erstaunliche für mich ist immer wieder zu erleben, dass meine Klienten sehr genau wissen, was sie gern tun würden. Eine beliebte Übung in meinen Seminaren ist etwa, jene Dinge aufzulisten, welche die Teilnehmer im Privatleben gern verwirklichen möchten. Selten haben sie Probleme, diese Liste zu füllen. Die Dinge, die da auftauchen sind fast immer von der ganz einfachen Sorte: mal wieder selbst kochen, mal wieder mit Freunden wandern, mal wieder Geige spielen.

Solche Vorsätze hat doch jeder?

ASSIG Natürlich bringt es nichts, einfach nur zu sagen: "Ich müsste mal wieder, ich könnte mal wieder ..." In den Coachings geht es meist darum, einen Plan zu entwickeln und zu realisieren. Das funktioniert in der Regel sehr gut. Der Klient greift sich etwas heraus und stellt ganz einfach ein paar Regeln auf: Alle zwei Wochen möchte er sich mit alten Freunden treffen. Einmal in der Woche will er meditieren oder musizieren. Und das setzt er dann um. Natürlich bin ich nicht für die Lebensplanung der Führungskräfte zuständig, aber es ist hilfreich für Manager, wenn sie sehen, wie positiv sich das auf ihren beruflichen Alltag auswirkt. Vor allem bekommen sie so etwas wie eine Erlaubnis, den eigenen Interessen nachzugehen, sich stärker als Persönlichkeit zu zeigen.

Das klingt nach "alles ist machbar".

ASSIG Das ist es auch, wenn Sie Managern klar gemacht haben, dass sie an die Organisation ihres Privatlebens ähnliche Maßstäbe wie an ihren beruflichen Alltag anlegen müssen. Die typische Ausrede ist doch: "Das mache ich alles, wenn ich einmal Zeit habe." Es ist unglaublich, was die Leute glauben im Privatleben auf später schieben zu können. Im Job würden sie mit so einer Haltung nicht weiterkommen. n

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SERVICE

LITERATUR

ECHTER; D: Rituale im Management. Strategisches Stimmungsmanagement für die Business Elite, Vahlen 2003.

SEMINARE

Das nächste Seminar "Leadership und Lebensfreude" findet am 26. Februar 2004 in München statt. Kontakt: dorothea.assig@t-online.de

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DOROTHEA ASSIG ist Buchautorin, Management-Coach und Expertin für die Gestaltung beruflicher Übergänge. Mit ihr sprach Cornelia Hegele-Raih, Redakteurin des Harvard Businessmanager.

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