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Kommentar Die Bedeutung nationaler Identität wächst

Strategie: Im Gegensatz zur landläufigen Meinung wird es für Management und Politik immer wichtiger, aus welchem Land ein Unternehmen kommt.
Von Geoffrey G. Jones
aus Harvard Business manager 12/2006

Vor über zehn Jahren behauptete der Politikwissenschaftler Robert Reich, dass sich große multinationale Unternehmen zu staatenlosen globalen Netzen entwickeln würden. Die Herkunft des Unternehmens würde irrelevant. Diese These hat viele Anhänger gefunden, gefördert durch die Beschleunigung von Outsourcing, Offshoring und der wachsenden Zahl von Firmen, die im Ausland mehr Menschen beschäftigen sowie mehr Produkte verkaufen als auf dem Heimatmarkt.

Aber wie gut passt diese Annahme zu den Tatsachen? Wer sich die historischen Belege für die Nationalität von Unternehmen ansieht, gelangt eher zum entgegengesetzten Urteil: Die Nationalität global agierender Unternehmen scheint in den vergangenen Dekaden eindeutiger und wichtiger geworden zu sein.

Beachten Sie, dass es keinen Test gibt, um die Nationalität eines Unternehmens zu bestimmen. Bezogen auf die einzelnen Produkte ist die Herkunft häufig unklar. Bezeichnungen wie "made in America" sind oft irreführend, weil die Produkte aus Teilen zusammengesetzt sein können, die aus einem Dutzend oder mehr Ländern stammen. Eine die Organisation betreffende Definition der Herkunft eines Unternehmens könnte stichhaltiger sein. Denn in manchen Rechtssystemen ist das Land der Firmengründung das wichtigste Kriterium. Doch in den meisten zivilrechtlichen Systemen Europas (und in Ländern, die von Europas Recht beeinflusst sind) ist stattdessen der Firmensitz ausschlaggebend, also der Standort der Hauptverwaltung. Gelegentlich bestimmen auch die Staatsbürgerschaft des Geschäftsführers oder der Shareholder die Herkunft des Unternehmens. Auch das Land, in dem der Großteil der Geschäfte abgewickelt wird, kann die Nationalität des Unternehmens bestimmen.

In der ersten Aufwallung der Globalisierung vor dem Ersten Weltkrieg war die Nationalität oft mehrdeutig. Obwohl die Nationalität der großen Vorreiter des globalen Geschäfts wie Singer Nähmaschinen unstrittig war, sah man es vielen internationalen Firmen nicht auf den ersten Blick an.

Zahllose Industrieversicherer und Banken, deren Besitzer weit verstreute Netzwerke aus Griechen, Schotten, Chinesen, Juden und anderen waren, überschritten kreuz und quer die Ländergrenzen. Unternehmer bewegten sich mit bemerkenswerter Leichtigkeit zwischen den Ländern hin und her - in einer Welt ohne Visa und Reisepässe. Der gewaltige Londoner Kapitalmarkt wurde von allen und jedem angezapft, und einige, die ihr Unternehmen als "british" registrierten, hatten wenig Britisches an sich.

Erst durch die Weltkriege geriet die Frage der Nationalität ins Blickfeld. Es wurde unklug - und manchmal verhängnisvoll -, sich unklar zu präsentieren. Die Organisationsstruktur von Konzernen wie Ford und General Motors dominierte die Unternehmenslandschaft. Diese Firmen waren auch die technologischen Vorreiter im internationalen Geschäft. Doch weil Ford und GM sogar aus US-Sicht als vorwiegend amerikanisch hätten wahrgenommen werden können, hatten ihre Töchter in Übersee oft nur wenige Verbindungen zu ihnen.

Die ausländischen Tochtergesellschaften großer Firmen standen größtenteils für sich, getrennt vom Stammhaus oder anderen Tochtergesellschaften. Zölle, Devisenkontrollen und die logistischen Schwierigkeiten beim Zerlegen von Wertschöpfungsketten

führten dazu, dass der Grad an Im- und Exporten innerhalb eines Unternehmens sehr gering war. Tochtergesellschaften vor Ort produzierten für gewöhnlich ihre Produkte für ihren eigenen Markt. Europäische Firmen wie Unilever gaben ihren Töchtern oft mehr Selbstständigkeit als ihre amerikanischen Pendants. Für sie war die Verantwortlichkeit für einen lokalen Markt ein Hauptwettbewerbsvorteil. Außerdem misstrauten in vielen Ländern Regierung und Öffentlichkeit ausländischen Unternehmen - zumindest bis in die 80er Jahre. Folglich präsentierten sich viele lieber als lokale Firmen.

Als Globalisierung, Liberalisierung und Deregulierung in den 80er Jahren an Einfluss gewannen, ließ die Sorge, als ausländisches Unternehmen wahrgenommen zu werden, nach - auch wenn sie nicht ganz verschwand. Die Selbstständigkeit nationaler Tochtergesellschaften nahm ab, als amerikanische Unternehmen die geografisch weit verstreuten Geschäftsbereiche effizienter integrierten. Widerwillig übernahmen auch ihre europäischen Wettbewerber diese Vorgehensweise.

Diese Strategien lichteten den Nebel, den das Thema Nationalität weltweit aktiver Unternehmen bis dahin umgab. Die neuen Weltkonzerne versuchten Funktionen dort anzusiedeln, wo sie die übergeordnete Strategie des Unternehmens am besten erfüllen konnten. Solche Entscheidungen wurden nach wie vor von der Geschäftsführung getroffen, die mit relativ wenigen Ausnahmen ein Reservat derer war, die aus dem gleichen Land wie das Unternehmen stammten.

Der Einfluss der Herkunft auf multinationale Unternehmen ist noch immer stark. Das Board of Directors ist vor allem mit Staatsangehörigen aus dem Land besetzt, in dem das Unternehmen gegründet wurde - obwohl die Anteile großer Firmen inzwischen auf Besitzer aus vielen Ländern verstreut sind. In manchen Fällen hat die Forderung von mehr Transparenz in der Unternehmenskontrolle zu einem Rückgang des ambivalenten Verhältnisses zur Nationalität geführt. Die Shell-Gruppe zum Beispiel gehörte seit ihrer Gründung im Jahr 1907 einer britischen und einer niederländischen Holding. 2005 zerstörte das Management diese Struktur und schuf eine britische Muttergesellschaft (mit Hauptsitz in den Niederlanden). Ungeachtet der Ängste im Hinblick auf das Auslagern von Wissensarbeit berührt die Globalisierung Schlüsselfunktionen wie die Forschung und Entwicklung nur begrenzt. Vor allem US-amerikanische und japanische Unternehmen führen anspruchsvolle Forschungs- und Entwicklungsprojekte lieber in ihren Heimatmärkten durch.

Die jüngsten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten unterstreichen die wachsende Bedeutung der Nationalität von Unternehmen. Dazu gehören zum Beispiel der Ausschluss ausländischer Firmen aus dem Standard-&-Poor's-500-Index im Jahr 2002 und der jüngste öffentliche Aufschrei, als der saudi-arabische Hafenbetreiber Dubai Ports World eine britische Firma kaufte, die Häfen in den USA betreibt.

Heute kann sich aufgrund technologischer Vorteile die Wertschöpfungskette auf verschiedene Orte verteilen. Unternehmen können Markenportfolios mit unterschiedlichem landestypischen Erbe besitzen, und Manager, Shareholder und Kunden können aus den unterschiedlichsten Ländern kommen. Nur die Herkunft eines Unternehmens ist selten unklar. Sie beeinflusst die Strategie des Unternehmens, und ihre politische Bedeutung scheint zuzunehmen. n

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