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Der Rat meines Lebens Der Wert der Zeit

Welche Erlebnisse haben Topmanager geprägt? Was haben sie von Mentoren gelernt? Das beleuchten wir in unserer Serie "Der Rat meines Lebens". Diesmal erzählt William P. Lauder, President und Chief Executive Officer des US-Kosmetikkonzerns Estée Lauder, wie er von Roland Reagans Finanzminister Zeitmanagement lernte.
Von William P. Lauder
aus Harvard Business manager 8/2008

Im Sommer 1982 arbeitete ich für Donald Regan, der Finanzminister unter US-Präsident Ronald Reagan war. Ich stand kurz vor meinem letzten Studienjahr in Wharton und hatte seit meinem 13. Lebensjahr viele Sommer bei Estée Lauder gejobbt. Insofern war mir das Büroleben nicht fremd. Aber in dieser Rolle war mein Titel "Special Assistant des Special Assistant" - nicht das, was ich erwartet hatte. An meinem ersten Arbeitstag wurde ich in ein ziemlich kleines Büro gebracht, in dem drei Damen saßen und tippten. Ich dachte, der leere Schreibtisch würde wohl meiner sein, aber eine der Frauen scheuchte mich gleich wieder weg. "Ich bin Ihre Assistentin", sagte sie. "Ihr Büro ist hier." Sie führte mich in einen gediegenen Raum, etwa viermal so groß wie mein CEO-Büro heute.

Auf dem massiven Schreibtisch lag eine Mappe mit der Aufschrift "Streng geheim" und - in roten Lettern - mit Instruktionen, was zu tun war, sobald sich der Empfänger die höchst dringlichen Inhalte angesehen hatte. Ich hatte große Angst, die Mappe zu berühren oder gar hineinzuschauen. Ich fühlte mich wie ein Schauspieler in einem Frank-Capra-Film: Mr. Lauder geht nach Washington.

Es stellte sich heraus, dass das Büro einem Angestellten des Secret Service gehört hatte, der gerade in Pension gegangen war, und dass die Mappe für ihn hinterlassen worden war, nicht für mich. Ein Bote kam und nahm die Unterlagen sofort wieder mit. Diese eigentlich eher lustige Erfahrung beschäftigte mich noch lange. Ich hatte noch nie einen Job gehabt, der so weit oben angesiedelt war, und war umso mehr zu beeindrucken.

Als ich schließlich zum ersten Mal mit Donald Regan zusammentraf, stand ich, ein 22 Jahre alter Mann, vor dem Finanzminister der Vereinigten Staaten von Amerika und präsentierte ihm ein Memo zur Energiepolitik. Seine Worte und Handlungen hinterließen einen bleibenden Eindruck bei mir. Als früherer Chef von Merrill Lynch und Marineoffizier hatte Regan einen direkten und direktiven Führungsstil. Als ich zwei Minuten zu früh zu unserem Meeting kam (sehr unüblich für einen Politiker), schaute er auf seine Uhr und bellte: "Lauder! Ich gebe diesen Rat allen meinen Untergebenen: Wenn Sie Ihren Kalender nicht im Griff haben, haben Sie sich selbst nicht im Griff."

Dieser Rat klang einfach, aber bis zum heutigen Tag hat er mir dabei geholfen, die Strategie unseres Unternehmens zu steuern, er ist die Grundlage meines Selbstmanagements und hat meine Philosophie geprägt, wie man Menschen motiviert. Bei Estée Lauder haben wir 28 vollkommen verschiedene Marken. Es ist unmöglich, diese vielen Geschäftsbereiche zu überblicken, es wäre wie der Versuch, einen Sack Flöhe zu hüten. Wir haben sehr talentierte Markenmanager, und mein Job besteht darin, meine Zeit rigoros zu managen, um für sie erreichbar zu sein. Jeden Morgen mache ich einen Ausdruck meines Kalenders, um mich zu vergewissern, dass ich nicht in unnötigen Meetings sitze, und um sicherzustellen, dass ich zeitlich nicht in Bedrängnis komme. Meine Bürotür steht immer offen. Die Manager wissen, was ich gerade tue, und sie können jederzeit einen Termin bekommen.

Wissen die Mitarbeiter, dass Sie ihre Zeit respektieren, werden sie Sie mit hervorragender Leistung belohnen. Als wir 1990 eine neue Produktlinie herausbrachten, ließ ich mir eine der ersten auf dem Markt verfügbaren Versionen von Planungssoftware installieren. Über Nacht wurde aus acht Leuten, die vorher jeder für sich gearbeitet hatten, ein koordiniertes Team. Die Manager sahen einen greifbaren Beweis dafür, dass ihre Zeit sinnvoll investiert und respektiert wurde. Sie dankten es, indem sie eine wunderbare Marke schufen, die immer noch einer unserer Bestseller ist.

Wenn ich sehe, dass Mitarbeiter Zeit verschwenden, spreche ich sie sofort darauf an. Zeit ist ihre wichtigste Ressource, und einmal dahingegangen, ist sie für immer verloren. n

Aufgezeichnet von der US-Bestsellerautorin Daisy Wademan Dowling.

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