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Verteidigen Sie Ihre Forschung Der weibliche Faktor

Die Studie: Anita Woolley, Professorin an der Carnegy Mellon University, und ihr Kollege Thomas Malone von der MIT Sloan School haben untersucht, was Gruppen intelligent macht. Dafür stellten die beiden Professoren zahlreichen Gruppen Aufgaben und versuchten anschließend herauszufinden, welche Faktoren ein Team erfolgreich machen. Die Intelligenz der einzelnen Gruppenmitglieder und das Verständnis untereinander hatten wenig Einfluss. Entscheidend war die Geschlechterzusammensetzung. Die These: Die Anwesenheit von Frauen macht Teams besser.
aus Harvard Business manager 8/2011

Ist es beim Zusammenstellen eines Teams wirklich wichtiger, auf das Geschlecht der Mitglieder zu achten als auf deren Fähigkeiten?

Woolley Wir haben unsere Ergebnisse bis heute zweimal überprüft. Viele der Faktoren, die man bisher als Indikatoren ansieht, Teams besser und effizienter arbeiten zu lassen, können wir nicht belegen. Dinge wie die Gruppenzufriedenheit, der Gruppenzusammenhalt und die Motivation eines Teams haben offenbar keinen Einfluss auf die Leistung. Und Sie haben recht, wir sind auch der Meinung, dass die Intelligenz der einzelnen Gruppenmitglieder nur sehr wenig Einfluss auf die Klugheit des Kollektivs hat.

Malone Bevor wir unsere Studie starteten, befürchteten wir, dass die Intelligenz einer Gruppe einfach der durchschnittlichen Intelligenz ihrer Mitglieder entspricht. Deshalb waren wir überrascht und geradezu begeistert, dass dem nicht so ist: Die Intelligenz der Individuen hat wenig Einfluss auf die Intelligenz einer Gruppe.

Aber das Geschlecht der Teammitglieder soll eine Rolle spielen?

Malone Unsere Ergebnisse deuten zumindest darauf hin, aber wir stehen bei ihrer Interpretation noch am Anfang. Dass Diversität und gemischte Teams für das Ergebnis einer Gruppe förderlich sind, ist ja fast schon ein Allgemeinplatz. Unsere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass es nicht nur auf eine Mischung der Geschlechter ankommt. Es scheint so zu sein, dass jede zusätzliche Frau die kollektive Intelligenz einer Gruppe maßgeblich erhöht.

Woolley Wir haben aber auch Hinweise, dass dieser Einfluss gegen Ende hin abnimmt: Ein Team mit vielen Frauen und wenigen Männern scheint einem reinen Frauenteam gegenüber überlegen zu sein.

Aus Ihren Worten lässt sich folgern, dass Frauengruppen intelligenter sind als Männergruppen.

Woolley Ja, aber Sie bemerken, dass ich mit meiner Antwort ein wenig zögere. Nicht, weil ich unseren Daten nicht traue, das tue ich ganz und gar. Aber es könnte durchaus sein, dass sich unsere Ergebnisse auch aufgrund von anderen Einflussfaktoren erklären lassen. Nehmen Sie etwa das Merkmal der sozialen Intelligenz, auch für diese These geben unsere Studien Hinweise. Viele Untersuchungen belegen, dass Frauen bei Tests in Sachen Sozialkompetenz besser abschneiden als Männer. Es kann also durchaus sein, dass der Erfolg eines Teams in erster Linie davon abhängt, möglichst viele sozial kompetente Mitglieder an Bord zu haben - unabhängig davon, ob diese weiblich oder männlich sind.

Sie haben zwar nur einen schwachen positiven Zusammenhang zwischen der Intelligenz der Gruppenmitglieder und dem Ergebnis des Kollektivs beobachtet - aber zumindest keine negative Korrelation. Bilden die zehn klügsten Menschen nichtsdestotrotz auch ein sehr gutes Team?

Woolley Theoretisch schon. Die zehn klügsten Menschen könnten in der Tat auch das beste Team der Welt abgeben - allerdings nicht nur, weil die einzelnen Gruppenmitglieder überragend intelligent sind. Was hören Sie von sehr guten Teams? In der Regel kein Loblied auf die Intelligenz der einzelnen Mitglieder, sondern vielmehr Bemerkungen darüber, wie gut und konzentriert die Teammitglieder miteinander umgehen können und einander zuhören. Gute Teamplayer sind in der Lage, konstruktiv mit Kritik umzugehen. Sie sind offen für Neues. Sie sind keine Autokraten. So haben wir in unserer Studie auch herausgefunden, dass Gruppen mit sehr klugen, aber zugleich auch sehr dominanten Mitgliedern keineswegs zu den besten gehörten.

Scheitern Gruppen nicht auch daran, dass ihre Mitglieder zu konsensorientiert sind?

Woolley Uns wurde tatsächlich schon berichtet, dass Gruppen sich mitunter auch zu sehr um sich selbst drehen können. Unsere laufenden Studien deuten an, dass Teams zumindest einen gewissen Grad an Unterschiedlichkeit brauchen. Zu homogene Gruppen scheinen genauso hemmend zu wirken wie zu heterogene.

Das ist ja alles schön und gut, aber beweisen Sie mit Ihren Studien nicht Altbekanntes: Teams sind besser als die bloße Summe ihrer Mitglieder?

Malone Gewiss, in der Sportwelt mag diese Binsenweisheit bekannt sein. Wir übertragen sie aber mit unseren Erhebungen auf die Welt der Kopfarbeiter. Ausschlaggebend war unsere Beobachtung, dass man von Intelligenztests zwar Rückschlüsse auf die individuellen Befähigungen eines Menschen ziehen kann, es aber bisher keine Methode gab, mit deren Hilfe man Rückschlüsse über die Leistungsfähigkeit eines Teams ziehen kann.

Woolley Für die Psychologie war die Entdeckung der Intelligenztests bahnbrechend. Wir hoffen, dass unsere aktuellen Studien für die Betrachtung von Gruppen ähnlich wegweisend sind.

Können Manager Teams bewusst so zusammenstellen, dass sie besser werden?

Malone Wir hoffen, dass wir das in Zukunft untersuchen können. Die individuelle Intelligenz von Menschen kann man nur sehr bedingt verändern, die Klugheit einer Gruppe von Menschen dagegen sehr wohl. Sie könnten etwa einzelne Teammitglieder austauschen oder der gesamten Gruppe Anreize anbieten, wenn sie gut zusammenarbeitet.

Woolley Es gibt Hinweise darauf, dass es auch auf organisatorischer Ebene so etwas wie kollektive Intelligenz gibt. Offenbar kann man den Erfolg eines Unternehmens auch mit der eigenen Unternehmenskultur steuern, etwa indem man das Wettbewerbs- umfeld genau beobachtet, realistische Ziele setzt, das Prozessmanagement transparenter macht und den Mitarbeitern die Möglichkeit zur Entwicklung bietet.

Unternehmen, die sich um diese Bereiche kümmern, schneiden in der Regel auch wirtschaftlich besser ab. Geht man davon aus, dass eine vorbildliche und konsequente Unternehmensführung für eine gut entwickelte soziale Intelligenz einer Organisation spricht, kann man folgern, dass sich aus eben dieser Rückschlüsse über den künftigen wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens ziehen lassen.

Sie gehen also davon aus, dass Ihre Thesen nicht nur für Kleingruppen gelten?

Malone Familien, Unternehmen, aber auch Städte - alle diese Einheiten besitzen eine kollektive Intelligenz. Aber je größer menschliche Gruppen werden, desto weniger hängen sie von den Fähigkeiten ihrer einzelnen Mitglieder ab. Daraus ließe sich schließen, dass ein zu schnelles Wachstum einer Gruppe deren Erfolg hemmen kann. Andererseits vermuten wir, dass der technische Fortschritt diesen Effekt minimieren kann.

Schauen Sie sich beispielsweise Organisationen wie Google oder Wikipedia an, die beide unglaublich viel Wissen ermöglichen - letztere sogar ohne eine zentrale Kontrolle. Wir haben gerade erst begonnen, uns mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sich die kollektive Intelligenz von Unternehmen, Ländern oder der ganzen Welt steigern lässt.

Nachdruck

Nummer 201108010, siehe Seite 102 oder www.harvardbusinessmanager.de © 2011 Harvard Business Publishing

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