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Führungsethik Der verantwortungsvolle Manager

Manager haben eine enorme Machtfülle. Doch sie sind nur Treuhänder ihrer Unternehmen und müssen an sich selbst besonders hohe moralische Ansprüche stellen. Seit über 30 Jahren gebe ich deshalb meinen Studenten folgende elf Regeln mit auf den Weg.
aus Harvard Business manager 3/2010

Die weltweite Finanzkrise der vergangenen zwei Jahre hat eine beispiellose Debatte über die Rolle von Managern ausgelöst. Während ihre Leistungen, ihre Gehälter und die Rolle von Vorständen und Aufsichtsräten Thema erbitterter Diskussionen waren, richtete sich bislang nur wenig Aufmerksamkeit auf die Verantwortung von Führungskräften.

In den vergangenen 33 Jahren habe ich all meine Kurse für MBA-Studenten und in der Managerfortbildung mit einem Exkurs darüber beendet, wie die Teilnehmer sich meiner Meinung nach zu verantwortungsvollen Führungskräften entwickeln können. Ich gestehe ihnen zu, dass sie sicher erfolgreich sein werden, was Einkommen, sozialen Status und Einfluss angeht. Doch ich ermahne sie auch, daran zu denken, dass sie nur die Treuhänder der mächtigsten Institutionen der Gesellschaft sind und deshalb höchste moralische Ansprüche an sich selbst stellen müssen. Ziel jedes Managers sollte es sein, Erfolg und Verantwortungsbewusstsein zu vereinen.

Meine Bemerkungen sollen für die Teilnehmer meiner Kurse Ansporn sein, ihre eigenen Wertvorstellungen zu überprüfen, bevor sie wieder in ihren Arbeitsalltag eintauchen. Nehmen auch Sie sich eine Minute Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen:

Machen Sie sich klar, wie wichtig Nonkonformismus ist. Führung hat mit Veränderung zu tun, mit Hoffnung und mit zukunftsgerichtetem Handeln. Führungskräfte müssen sich auf unerforschtes Terrain vorwagen. Deshalb sollten sie in der Lage sein, mit intellektueller Einsamkeit und Ungewissheit umzugehen.

Zeigen Sie, dass Sie lernen und sich entwickeln wollen. Führungskräfte müssen auch in sich selbst investieren. Wenn Sie selbst nicht gebildet sind, können Sie nichts für die Ungebildeten tun. Wenn Sie krank sind, können Sie sich nicht um die Kranken kümmern. Wenn Sie arm sind, können Sie den Armen keine Unterstützung bieten.

Entwickeln Sie die Fähigkeit, persönliche Leistung zu relativieren. Im Laufe einer langen Karriere werden Sie Erfolge ebenso erleben wie Misserfolge. Manager, die in guten Zeiten bescheiden auftreten und in schlechten Zeiten mutig vorangehen, empfehlen sich mit dieser Haltung als vorbildliche Führungskräfte.

Seien Sie bereit, in die Entwicklung anderer zu investieren. Unterstützen Sie Ihre Kollegen vorbehaltlos und unermüdlich darin, ihr Potenzial auszuschöpfen.

Lernen Sie, Beziehungen zu Menschen aufzubauen, die weniger erfolgreich sind als Sie. Gute Führungskräfte verhalten sich anderen gegenüber tolerant, auch wenn das nicht immer leicht ist. In den meisten Gesellschaften ist es üblich, Differenzen zu vermeiden oder zu unterdrücken; nur wenige integrieren Menschen, die anders sind.

Machen Sie sich Gedanken über angemessene Entscheidungsprozesse. Menschen verlangen keine Gefälligkeiten, sondern Fairness. Sie möchten, dass man sie anhört und ihnen zuhört. Oft macht es ihnen noch nicht einmal etwas aus, wenn Entscheidungen letztlich nicht in ihrem Sinne ausfallen - solange der Entscheidungsprozess nur fair und transparent abläuft.

Erkennen Sie, wie wichtig Loyalität ist. Menschen fühlen sich nicht nur ihrem Unternehmen und ihrem Berufsstand verbunden, sondern auch ihrer Gemeinde, der Gesellschaft und vor allem ihrer Familie. Die meisten unserer Erfolge wären ohne die Unterstützung durch unsere Familien nicht möglich.

Übernehmen Sie Verantwortung für die Methoden und Menschen, mit denen Sie arbeiten. Verantwortung bezieht sich nicht nur auf die Ergebnisse Ihrer Arbeit. Auf welchen Wegen Sie zu diesen Ergebnissen kommen, hat Einfluss darauf, zu welcher Art Mensch Sie sich entwickeln.

Denken Sie immer daran, dass Sie zu einer privilegierten Minderheit gehören. Das ist Ihre Stärke, aber auch ein Kreuz, das Sie zu tragen haben. Vergessen Sie über all Ihren Erfolgen nicht das Mitgefühl, und ergänzen Sie Wissen durch Verstehen.

Rechnen Sie damit, dass man Sie an Ihren Taten misst. Sie werden danach beurteilt, was Sie tun und wie Sie es tun - nicht danach, was Sie sagen und tun wollen. Allerdings muss diese Handlungsfreude durch Einfühlungsvermögen und die Fürsorge für andere Menschen im Gleichgewicht gehalten werden.

Seien Sie sich bewusst, welche Rolle Sie spielen. Kümmern Sie sich um die Probleme der Armen und der Behinderten, tolerieren Sie menschliche Schwächen, lachen Sie über sich selbst - und widerstehen Sie der Versuchung, Gott zu spielen. Führung hat immer auch mit Selbsterkenntnis zu tun und mit dem Bewusstsein für die eigenen Unzulänglich-keiten. Eine gute Führungskraft wird sich immer weiter entwickeln, hin zu einem bescheidenen, demütigen und humanen Menschen.

Jedes Jahr komme ich wieder auf meine Anmerkungen über den verantwortungsvollen Manager zurück, die ich erstmals im Jahr 1977 niedergeschrieben habe. Seitdem hat sich die Welt sehr verändert. Aber es war in meinen Augen nie notwendig, auch nur ein einziges Wort meiner Vor-lesung zu ändern. Tatsächlich passt diese Botschaft so gut in die heutige Zeit wie niemals zuvor.

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C. K. PRAHALAD (ckp@bus.umich.edu) ist Professor für Strategie an der Ross School of Business der University of Michigan. Die Londoner "Times" kürte ihn 2007 und 2009 zum einflussreichsten lebenden Managementdenker.

© 2010 Harvard Business School Publishing

Produktnummer 201003026, siehe Seite 112

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