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Der Markt für Produkte aus rückgewonnenen Wertstoffen wächst Der Ritt auf der Ökowelle bringt Gewinn und ein gutes Gewissen

Längst sorgen kommunale Sammelaktionen für ein hohes Aufkommen an wiederverwertbaren Stoffen, vor allem bei Papier, Glas und Plastik. Aber noch zeigt sich wenig Bereitwilligkeit, die aus dem recycelten Material gefertigten Produkte anschließend zu kaufen. Dieses Käuferverhalten stellt nicht nur die Grundidee des Recycling in Frage, es gefährdet auch dessen wirtschaftliche Basis. Trotz dieser Misere gibt es Anlaß zu hoffen. Denn inzwischen haben engagierte Firmen Mittel und Wege gefunden, mit gezielten Innovationen und Investitionen rentable Recyclingaktivitäten zu entfalten. Am Beispiel von Coca Cola, Hoechst Celanese, Bell Atlantic und anderen Pionierunternehmen in Sachen Ökologie belegt der Autor, daß derlei Experimente sich nicht nur wegen des guten Gewissens lohnen, sondern auch die Marktposition verbessern.
aus Harvard Business manager 2/1994

DAVID BIDDLE ist Geschäftsführer der Public Recycling Officials of Pennsylvania (PROP). Neben zahlreichen Artikeln hat er mehrere Handbücher zum Recycling- und Abfallmanagement veröffentlicht.

Der Anblick von Wertstoffcontainern an jeder Straßenecke und die lautstarken Kampagnen zum Umweltschutz trügen: Noch funktioniert es mit dem Recycling in den USA nicht. Dabei hatte schon 1984 in New Jersey eine Verordnung großen Erfolg, die das Sammeln von wiederverwertbarem Zeitungspapier, Glasflaschen, Büropapier und anderen Stoffen zur Pflicht machte. Bald schon kamen enorme Mengen zusammen. Mangelnde Nachfrage privater und gewerblicher Abnehmer nach den aus solchen Stoffen gefertigten Produkten allerdings raubte dem Recycling die rentable Basis. Allgemein tönt es: "Recycling ist seinem eigenen Erfolg zum Opfer gefallen." Nun besteht Recycling nicht nur in der Aufbereitung von wiederverwertbaren Stoffen - es ist ein vollständiges wirtschaftliches System. Die wenigsten Menschen machen sich klar, daß ihre örtlichen Wertstoffsammlungen lediglich den Anfang des Wiederverwertungs-Kreislaufs bilden. Gegenwärtig übersteigen jedoch die Kosten des Einsammeins und Verarbeitens der Stoffe bei weitem ihren Wiederverkaufswert als Ware. Solange die Nachfrager nicht genug Reycling- Produkte kaufen, wird der Markt für die Materialien, die die Leute an den Straßenrand stellen oder in die Spezialbehälter in den Büros werfen, flau bleiben. Andererseits können Unternehmen eben wegen dieser unsicheren Marktlage die Nachfrage nach recycelten Produkten in einen Wettbewerbsvorteil verwandeln. So werden Firmen, die rasch handeln, in den 90er Jahren von neuen Produktnischen und Fertigungstechniken profitieren können. Bereits heute haben weitsichtige Akteure lohnende Einstiege gefunden. Denn sicherlich gibt es eine Nachfrage nach Ökoprodukten - und so konnten Rubbermaid, Moore Business Forms und International Paper, um nur einige zu nennen, ihren Marktanteil mit entsprechenden Angeboten beträchtlich erweitern. Diese Unternehmen haben damit zugleich die künftig strengere Umweltschutzgesetzgebung antizipiert. Statt Regierung und örtliche Umweltinitiativen weiter zu bekämpfen, sind sie willig, strategische Allianzen mit öffentlichen Organisationen und anderen Interessensverbänden einzugehen. Noch streiten Politiker darüber, was bei manchen Recyclingmaßnahmen falsch läuft. Quicke Manager in Konzernen, aber auch Kleinunternehmen nützen schon die Chance auf eine Führungsrolle im Recycling, nicht nur aus Öko-Interessen, sondern weil sie damit Geld verdienen wollen. Das heißt natürlich nicht, daß große erwerbswirtschaftliche Organisationen die kommunale Müllabfuhr übernehmen oder Aufgaben erfüllen sollten, die in die Kompetenz der Regierung oder staatlicher Ämter fallen. Wohl aber können Wirtschaftsführer das weitverbreitete Vorurteil entkräften helfen, Recycling-Produkte seien teuer und schlecht. Die Topmanager von Unternehmen wie American Airlines, Bell Atlantic und Coca-Cola haben mittlerweile dafür gesorgt, daß der Kauf von recycelten Produkten und Investitionen in eine ökologische Forschung und Entwicklung zu ihren Geschäftsstrategien gehören. So konnten die Abfallmengen verkleinert, Gewinnspannen erhöht und in einigen Fällen der Recycling-Kreislauf wirklich geschlossen werden. Der Erfolg des Recycling - und langfristig sein größter Wert wird nicht davon abhängen, wieviel Deponiefläche gespart wird, sondern davon, ob Recycling rentabel ist. Die Nachfrage nach wiederverwerteten Materialien gilt es anzukurbeln. Dabei müssen Regierung und Wirtschaft zu einer Partnerschaft finden, um die Probleme zu lösen, die keine Seite allein lösen kann.

Nachfrage schaffen:
Das Kernproblem des Recycling-Markts

Der meistgenannte Grund für die derzeitige Krise im Recycling ist das Problem von Angebot und Nachfrage. Ständig berichten die Medien von Sammelstellen und Abfallentsorgern, die tonnenweise Plastikflaschen, alte Zeitungen und Telephonbücher auf Deponien abkippen, nachdem diese Altstoffe vergeblich für Märkte aufbereitet wurden, die gar nicht existieren. Nicht selten türmen sich die Materialien in den Sammelstellen, bis sie zu häßlichen Müllbergen und Risiken für die allgemeine Gesundheit werden. Eigentlich schuld daran, daß wiederverwertbare Stoffe sich in Wertstofflagern anhäufen, sind die Wiederverwertungsfirmen, die wie alle braven Rohstoffmakler auf Gewinn spekulieren. Sie bleiben auf den Halden wiederverwertbarer Stoffe sitzen, während sie den Zeitpunkt abwarten, zu dem der Preis auf eine Höhe steigt, der ihnen erlaubt, die Kosten für das Sammeln, Transportieren, Verarbeiten, Abpacken und Lagern zu decken - und einen Profit zu machen (siehe Kasten auf Seite 46). Bei allen wiederverwertbaren Stoffen war der Markt in den vergangenen Jahren ein Käufermarkt für gewerbliche Abnehmer. Die Endabnehmer von wiederverwerteten Rohmaterialien konnten es sich aussuchen, mit wem sie ins Geschäft kommen wollen, und so die Preise für die von ihnen benötigten Stoffe niedrig halten. Zum Beispiel hat im Laufe der vergangenen zwei Jahren die Polyethylen(HDPE)-Industrie eine Überkapazität für das Rohgranulat geschaffen. Der Markt war nun derart mit "sauberem" Material überschwemmt, daß der Preis für die Sorten wiederverwerteten Kunststoffs abstürzte. Ohnehin konkurrieren wiederverwertete Ausgangsstoffe häufig untereinander. Nirgends ist das augenfälliger als in der Papierindustrie. Bei der intensiven Sammelleidenschaft in den meisten amerikanischen Großstadtregionen fallen solche Mengen Altpapier an (aus allgemeinen und firmeninternen Sammelaktionen), daß die Hersteller von Kartonagen, Zeitungs- und Hygienepapier in der Lage sind, ein Material gegen das andere auszuspielen. So konnte ein Hersteller aus Pennsylvania kürzlich auf den weiteren Einsatz von recyceltem Zeitungspapier verzichten, weil er für den Ankauf alter Telephonbücher einen günstigeren Preis aushandeln konnte. Oder der Papierabfall der Büros: Er eignet sich vorzüglich zur Herstellung hochwertigen Briefpapiers, aber immer rascher ist er zu einem wichtigen Ausgangsstoff bei minderwertigem Karton und Toilettenpapier geworden. Das führt dazu, daß es für Wiederaufbereiter teurer wird, wenn sie ihr minderwertiges, nichtsortenreines Altpapier absetzen wollen, das einst ihre Existenzgrundlage darstellte. Auf den Weltmärkten ist der Exportwettbewerb bei den wiederverwertbaren Stoffen ebenfalls hitziger geworden. Die asiatischen Länder, lange Zeit ein verläßlicher Absatzmarkt für amerikanische Händler von Recycling-Papier, optieren immer häufiger für europäisches Papier, das im allgemeinen weniger verschmutzt und billiger heranzuschaffen ist. Die US-Papierausfuhren gingen von 1991 auf 1992 zum ersten Mal seit Jahrzehnten um 6,4 Millionen Tonnen (das sind 2,3 Prozent) zurück, der Markterlös der Exporte sank um 7,9 Prozent. 1993 ließ das zunehmend raffiniertere europäische Abfallmanagement die US-Anbieter noch weiter zurückfallen. Da schreibt die deutsche Verpackungsverordnung zum Beispiel vor, daß der Einzelhandel alle Verkaufsverpackungen zurücknehmen und eine Abgabe auf Einweggebinde einfordern muß. Deutsche Hersteller und Lieferanten zahlen eine Lizenzgebühr, um ihre Produkte mit dem "Grünen Punkt" auszeichnen zu dürfen. Diese Markierung soll signalisieren, daß die Verpackungen von der Recycling-Industrie wiederverwertet werden. Allerdings gibt es derzeit damit einige Schwierigkeiten. Zudem halten einige Unternehmen in anderen EU-Staaten diese deutsche Initiative für protektionistisch. Sie strengten eine Reihe von Kartellklagen an, die auf das Grüne-Punkt-Programm und andere deutsche Restriktionen zielen, da sie schließlich auf Absprachen zwischen Konkurrenzfirmen zur Bewältigung des Verpackungsmülls zurückgehen.

Gleichwohl, ohne den Stimulus solcher weitreichender Umweltauflagen haben es die meisten amerikanischen Unternehmen in den 80er Jahren versäumt, in jene neuen Anlagentechnologien zu investieren, die deutsche und andere europäische Firmen bei der Abfallbewältigung heute um so vieles wettbewerbsfähiger machen. Dabei haben amerikanische Hersteller nicht immer so lange mit umweltfreundlichen Investitionen gezögert. Über Jahrzehnte entwickelten die Stahl- und Aluminiumindustrie ihre entsprechenden Technologien

mit Erfolg weiter, so daß sie große Mengen wiederaufbereiteter Stoffe in den Produktionsprozessen nutzen konnten. Alle Aluminiumdosen enthalten einen hohen Anteil solcher Stoffe, und nahezu alle Stahlerzeugnisse bestehen zumindest zu 25 Prozent aus wiedergewonnenem Stahl. Der Wert von Aluminium und Stahl für die Industrie garantiert, daß sich deren Aussonderung aus dem Müll auch weiterhin lohnt. Zwar konkurrieren Aluminium- und Stahlbehälter als Verpackungen für Nahrungsmittel und Getränke miteinander, doch sie sind billig, zweckmäßig und erfreuen sich der Gunst der Verbraucher. Alles in allem könnten diese beiden Branchen ohne den starken Einsatz von Stoffen aus der Wiederaufbereitung nicht überleben und sind insofern vorbildlich für die rückständige Papier- und Kunststoffindustrie. Mehr Nachfrage nach Recycling-Produkten setzt letztlich voraus, daß diese Produkte, so wie Stahl und Aluminium, kostengünstig und hochwertig sind. Zudem müssen sie in genügend großen Mengen gehandelt werden, um Größenvorteile zu ermöglichen. Durch eine Verpflichtung zum Recycling und die Vorgabe recht hoher Anteile für Wiederverwertungsstoffe - die Quoten liegen zwischen 25 und 60 Prozent sucht die US-Regierung die Papier- und Kunststoffproduzenten unter Zugzwang zu bringen, die notwendigen Produktionsstrukturen zu entwickeln. Noch gibt es da wegen der Kompliziertheit des Problems zwischen Regierung und Industrie einiges abzustimmen. Aber solch eine Übereinstimmung läßt sich nur dann finden, wenn man einen einheitlichen, koordinierten Ansatz entwickelt. Das Duale System in Deutschland, das mit den Einnahmen aus dem "Grünen Punkt"-Programm finanziert wird, heißt so, weil es im Tandem mit bestehenden staatlichen Recycling- Programmen arbeitet. Der Zusammenschluß der Firmen des deutschen Einzelhandels und über 600 Herstellern und Großhändlern stellt ein nationales Recycling-Unternehmen dar. Sieht man von den komplizierten Rechtsfragen einmal ab, so kann dieses Modell US-Firmen durchaus als Lehrbeispiel dafür dienen, wie wertvoll eine positive Einstellung zum Umweltschutz sein kann und wie notwendig Allianzen zwischen Staat und Privatwirtschaft sind. Entscheidend ist, die Nachfrage nach Produkten aus wiederaufbereiteten Stoffen zu fördern. Gewiß sind aus gesamtwirtschaftlicher Sicht noch weitere technische Fortschritte und Systemverbesserungen notwendig, um die Probleme der Erfassung und Wiederverwertung effektiver zu lösen. Die Kosten dafür werden mit der Zeit unweigerlich sinken. Aber durch ein gezieltes Stimulieren des Recycling-Markts können Politik und Wirtschaft am meisten bewirken. Allem in den vergangenen zwei Jahren hat eine Anzahl landesweiter und örtlicher Organisationen und Regierungsstellen Kampagnen unter dem Motto "Buy Recycled" initiiert, durch die Behörden, Unternehmen, gemeinnützige Organisationen und Anstalten wie etwa Krankenhäuser aufgerufen werden, Produkte aus wiederverwendeten Materialien zu kaufen. Inzwischen gibt es die einflußreiche Buy Recycled Business Alliance. Die 33 Mitglieder, die im Lenkungsausschuß vertreten sind - sehr namhafte Unternehmen gehören dazu (siehe Kasten auf Seite 53) -, haben in weniger als einem Jahr mit drei Milliarden Dollar zum Umsatz von Recyclingprodukten und -Stoffen beigetragen. Von diesem Umsatz galten etwa zehn Prozent internem Bedarf (Büro- oder Verpackungszwecke) und 90 Prozent außerbetrieblichen Materialien (wiederaufbereitete Rohstoffe wie rückgewonnenes Papier, Flaschen- und Dosengut sowie allgemein erhältliche Produkte). Bis Ende 1995 hofft das Bündnis, auf 5000 Mitgliedsunternehmen zu kommen. Viele US-Firmen sind natürlich schon auf den "Öko-Zug" aufgesprungen, das heißt in einen schnell

wachsenden Markt vorgestoßen, wo Hersteller ihre Produkte nun willkürlich mit den "Chasing Arrows" (kreisrund angeordneten Pfeilen) versehen. Manchmal bedeutet das Symbol, daß das Produkt wiederaufbereitete Stoffe enthält, in anderen Fällen, daß das Produkt selbst recyclingfähig ist. In Reaktion auf die widersprüchlich deutbaren Öko-Bezeichnungen reagieren die Verbraucher teils argwöhnisch, teils verwirrt. Obwohl die Firmen von der guten Nachfrage nach erstklassigem, umweltfreundlichen und relativ teurem Toiletten- und Haushaltspapier profitierten, lassen die Kunden die vielen anderen Recyclingprodukte links liegen, ja nehmen sie oft nicht einmal richtig wahr. Das herrschende Mißtrauen gegenüber der Qualität und "ökologischen Korrektheit" bestimmter Produkte (speziell bei jenen aus Kunststoff) abzubauen, sollte erstes Ziel der Unternehmen sein. Viele Manager werden damit beginnen müssen, die Einkaufsrichtlinien zu ändern, nicht aber ein weiteres Ökoprodukt herzustellen, das Kunden nur zusätzlich verwirrt. Die Topmanager in der Buy Recycled Business Alliance wissen, daß sich Firmen konsequent auf umweltfreundliche Produkte einstellen und eine aufrichtige Informationspolitik ihren Kunden gegenüber betreiben müssen. Dabei fühlen sie sich nicht nur als gute Staatsbürger, sondern wollen auch mehr Marktanteil und Kunden gewinnen. Die Führung der in New Jersey ansässigen Marcal Paper Mills ist beispielsweise davon überzeugt, daß ihre verläßliche Kundenbasis aus einer bestimmten Absatzpolitik resultiert. Diese stellt ganz auf die kommunalen Recyclingmaßnahmen im Umkreis ab und nicht auf private Wiederaufbereitungsbetriebe. In über tausend Gemeinden im Nordosten der USA, wo innerbetriebliche Papiersammlungen laufen, übernimmt Marcal den Papierabfall für die eigene Fabrikation. Im Gegenzug sorgt jede Gemeinde dafür, daß mindestens ein Laden dort Papierwaren von Marcal führt. Das Ganze ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Nachfrage nach Recycling-Produkten wirkungsvoll fördern läßt.

Drei Vorurteile
gegenüber Recyclingprodukten

In der Vergangenheit haben Käufer wechselhafte Erfahrungen mit diesen Erzeugnissen gemacht. Daher ist es kein Wunder, wenn Vorurteile existieren. Aber sie stehen dem Wachstum der heutigen Recycling-Industrie im Wege. Es gibt drei irrige Meinungen: Recyclingprodukte sind stets teurer, von minderer Qualität und nicht in ausreichender Menge zu bekommen, wenn man sie braucht. Die im weiteren beschriebenen Fallbeispiele zeigen jedoch, daß diese Ansichten nicht immer zutreffen und daß Unternehmen wider Erwarten Wettbewerbsvorteile erzielen können, wenn sie in ihre Recycling-Produktlinien investieren.

Vorurteil 1: Recycling-Produkte kosten viel mehr

. Dieses Argument äußern Einkaufsleiter am häufigsten, wenn sie erklären sollen, warum sie keine Erzeugnisse aus wiederaufbereiteten Stoffen kaufen. Doch die meisten Firmen, die den Prinzipien der Wiederverwertung und Abfallreduzierung folgen, haben höhere Preise nicht wegen des Gemeinwohls gezahlt. Eher folgten sie neuen Einkaufsrichtlinien, die zusätzliche geschäftliche Vorteile bieten. Die Computerabteilung von American Airlines konnte zum Beispiel mit der Umstellung auf 100prozentiges Recycling-Papier über 100 000 Dollar einsparen. Und die Verwendung solchen Papiers für den Jahresbericht ließ weitere 33 000 Dollar in den Kassen. Diese Einsparungen wurden erzielt, indem das Unternehmen die Lieferanten über seine Wünsche informierte und wettbewerbsgerechte Preise forderte. Das von Moore Business Forms zur Herstellung der eigenen Produkte gekaufte Recycling-Papier kostet keinen Deut mehr als unrecyceltes Papier. Ganz so wie andere Großhersteller hat Moore, mit einem Marktanteil von 30 Prozent der weltweit größte Anbieter

von Geschäftsformularen, seinem Papierlieferanten garantiert, daß er jährlich ein bestimmtes Kontingent Altpapier abnehmen werde. Der Unterschied zwischen Moore und vielen seiner Mitbewerber besteht darin, daß der Zulieferer den Recycling-Grundstoff produziert. Diese Partnerschaft sorgt dafür, daß beide Unternehmen aus dem Einsatz und der Produktion von Recycling-Stoffen Nutzen ziehen. Und in der Tat hat das Engagement von John Anderluh, President und CEO von Moore, dazu beigetragen, den Kundenstamm des Unternehmens zu verbreitern. Moores Papiersorte ReGenesis, erstmals 1990 auf dem Markt, erweist sich als Renner. Sein Erfolg hängt teilweise auch mit Moores Bonussystem zusammen, das Vertretern, die Recyclingprodukte verkaufen, eine zusätzliche Provision von zwei bis drei Prozent gewährt. Um eine erfolgreiche Partnerschaft aufzubauen, müssen Zulieferer und Großhändler nicht nur bereit sein, konkurrenzfähige Preise zu garantieren, sondern auf Dauer auch ein bestimmtes Absatzvolumen. Mit Hilfe strategischer Partnerschaften, die längerfristige Verträge erlauben, lassen sich sehr häufig niedrigere Preise für Recycling-Stoffe erreichen. In vielen Fällen sind Lieferanten auch bereit, konkurrenzfähige Preise für Recycling-Produkte auf kürzere Frist wie etwa zwei Jahre zu garantieren, wenn ihnen zugestanden wird, den Preis für die weiteren zwei Jahre neu zu verhandeln. Und wenn manche Zulieferer ihr Lager an recycelten Stoffen als Verlustmacher sehen, so kann es sich schon lohnen, ein günstiges Preisgebot zu machen, sofern der gewerbliche Kunde bereit ist, danach auch über Produkte mit höheren Gewinnmargen abzuschließen, beispielsweise für Kunstdruck- oder gutes Briefpapier. Noch vor fünf Jahren war es nahezu unmöglich, einen Druckereibetrieb zu finden, der Recycling-Papier führte, ganz zu schweigen von einem, der dieses Papier auch zu annehmbaren Preisen bedruckte. Firmeneinkäufer mußten häufig eine ganze Palette Recyclingpapier kaufen, um nicht gezwungen zu sein, der Druckerei einen Aufschlag für die angebrochene Palette zu zahlen. Heute finden die ungezählten kleinen und großen Firmen, die einen Druckauftrag zu vergeben haben, jede Menge Betriebe, die Briefpapier, Visitenkarten und Umschläge aus Recyclingpapier zum gleichen Preis anbieten wie aus reinem Zellstoffpapier. Diese Veränderung bei den Preisen geht zum Teil auf das Konto von Großkunden, die einen schärferen Wettbewerb unter den Druckereien herbeiführten, zum Teil aber auch auf das Konto der Hersteller, die ihren Abnehmern bessere Preise boten. Ende 1993 brachte Hammermill Paper, eine Tochter von International Paper, ein neues Kopierpapier aus 100prozentigem Recycling-Papier auf den Markt. Dieses neue, Unity DP genannte Produkt besitzt zwar einen geringeren Helligkeitsfaktor als das weiße Standardpapier zum Kopieren - für die meisten Bürozwecke reicht es aber aus. Soeben hat Hammermill in Pennsylvania eine 100 Millionen Dollar teure Entfärbungsanlage gebaut und wird dort nun ausschließlich alte Zeitungen und Zeitschriften für die Pulpe von Unity DP verwenden. Ziel: sowohl bei Preis als auch Qualität eine ebenbürtige Konkurrenz für das auf traditionelle Weise gefertigte Neupapier schaffen. Neben dem Papier gibt es eine ganze Reihe weiterer Produkte, die preiswerter geworden sind als ihre aus reinen Rohstoffen gefertigten Gegenstücke: Teppiche aus wieder aufbereiteten 2-Liter-Plastikflaschen von Image Carpets, die sich sowohl für den privaten wie gewerblichen Bereich eignen und preisgünstiger ausfallen als die meisten herkömmlichen Teppiche; runderneuerte Reifen, die Unternehmen mit großem Fuhrpark spürbare Einsparungen bringen; Schreibstifte wie der Öko Writer von Eberhard Faber, der aus Recycling-Karton und Zeitungspapier hergestellt wird und der heute zum selben Grundpreis angeboten wird wie sein Rivale aus Naturholz.

Vorurteil 2: Mit der Qualität
der Recyclingprodukte ist es nicht weit her

. Qualitätsbedenken sollten bei der Entscheidung für Recycling-Produkte keine Rolle mehr spielen. Fachleute für Büromaschinen sind sich einig, daß Recycling-Papier aufgrund einer verbesserten Behandlung der Papierfasern sowie einer höheren Anpassungsfähigkeit an Feuchtigkeit und Hitze in den modernen Kopierern und Laserdruckern heute ziemlich problemlos läuft. Zudem berichten viele Menschen, die mit Recycling-Papier arbeiten, daß der niedrigere Helligkeitsfaktor den Augen guttut. Wie es Eleanor Lewis, Leiterin von Ralph Naders Government Purchasing Project, sagt: "Papier muß keine Glühbirne sein, die im Dunkeln leuchtet." Zu Produktqualität gehören freilich auch ästhetische Merkmale. Sie lassen sich weit schwieriger quantifizieren und ändern sich zudem häufig. Ästhetische Vorbehalte beeinflussen Kaufentscheidungen noch immer in großem Maß. Nehmen wir nur Holzimitate aus Kunststoff. Gewiß kann das unter Umständen bis zu viermal so teuer sein wie Naturholz. Dafür aber verrottet, splittert und bricht es auch nicht. Picknicktische, Parkbänke, Schuppen, Stützwände und Zäune aus Plastik sparen wegen geringerer Wartungskosten

im Lauf der Zeit viel Geld ein. Und nachdem die Holzimitate der Kunststoffindustrie große Investitionen verlangten, aber auch eine der besten Möglichkeiten darstellen, wiederaufbereiteten Kunststoff einzusetzen, hat das Geschäft damit seit 1992 regelrecht Form angenommen. Obwohl die Hersteller sich alle Mühe geben, ihre Plastikprodukte wie Naturholz aussehen zu lassen: Plastik ist eben kein Holz. Sowohl private Abnehmer wie auch Firmeneinkäufer geben Holz noch immer den Vorzug, denn damit sind sie vertraut. Zudem gilt Holz seit jeher als edles Material. Und bei den Firmen ist der Käufer von Erzeugnissen aus Holz selten auch für Instandhaltung und Reparaturen verantwortlich. Bei Phoenix Recycled Plastics aus Pennsylvania erlebt man immer wieder, wie sich die Kundenspezifikationen zu den erbetenen Kostenvoranschlägen in zwei Kategorien teilen lassen: einmal Kosten für das Plastik, einmal Kosten für Farben und Arbeitszeit. Dabei bietet das Unternehmen sein Plastikholz m einer Vielzahl von Farben an, ein zusätzlicher Anstrich erübrigt sich. Die meisten Phoenix-Kunden sind an Recyclingprodukten interessiert, doch wegen ihrer ästhetischen Vorliebe für Holz wissen sie nicht recht, was sie von den Imitaten halten sollen. Gerade das künstliche Holz hat die Frage aufgeworfen, wie es eigentlich um die Kosten über die gesamte Lebensdauer eines Produkts hinweg steht. Manager sahen sich da plötzlich gezwungen, ästhetische Prinzipien gegen Zweckmäßigkeitsüberlegungen abzuwägen. Solche Hürden abzubauen braucht Zeit. In vielen Fällen wird die Chefetage wohl eine Direktive erlassen müssen, in der aktiver Umweltschutz der gleiche Rang eingeräumt wird wie der Ästhetik - egal ob bei Einrichtungen aus Holz oder Büromaterialien aus anderen Naturprodukten. So entschied etwa Ted Reed, President der Data Group, daß die hauseigene Marktforschungsfirma Hammermills Unity DP-Papier kaufen solle, nachdem er gehört hatte, dieses Papier verursache im Kopierer kaum noch Staus. Doch während die einen Mitarbeiter die Verwendung von Recycling-Papier begrüßten, empfanden andere Unbehagen bei dem Gedanken, ihren Klienten Berichte auf dem graueren Unity-DP zu schicken. Reed denkt nun daran, auf jedes Blatt einen Vermerk über die Herkunft des Papiers drucken zu lassen, um eine denkbare Falschwertung - "Diese Firma ist unprofessionell, denn sie benutzt minderwertiges Papier" - in einen Marketingvorteil zu verkehren: "Diese Firma zeigt Umweltverantwortung, indem sie Recycling-Papier verwendet." Generell ist es um die Qualität und Verläßlichkeit der Recycling-Produkte heute weit besser bestellt als noch vor drei oder vier Jahren. Nehmen wir nur das Beispiel der wiederaufbereiteten Tonerkassetten. Sie wurden von den Wiederverwertern Ende der 80er Jahre einfach geöffnet und dann mit neuem Toner gefüllt. Heute nehmen sie die Kassetten komplett auseinander und statten sie mit langlebigen, erstklassigen Trommeln und anderen Einzelteilen aus, die eigens dafür konstruiert wurden, den Toner acht- bis zehnmal nachzufüllen. Ein kostenloser Service der Laserdrucker gehört heute zum Standard in den Verträgen der Anbieter. Und verantwortungsbewußte Lieferanten sagen zu, jeden Drucker auf eigene Kosten zu reparieren, der aufgrund einer fehlerhaften Kassette nicht funktioniert. Die wachsende Qualität der Recyclingprodukte erinnert jedoch an ein anderes Problem. Handelsbeschränkungen sind zwar im wesentlichen illegal, aber etablierte Märkte werden nun einmal durch Recyclingprodukte wie durch jede andere Art von Ersatzprodukten bedroht. Und so weigern sich manche Hersteller von Kopierern und Laserdruckern, ihre Serviceverträge oder Garantieverpflichtungen einzuhalten, wenn nicht ausschließlich nur bestimmte Teile oder Materialien verwendet werden. Solche restriktiven Verträge können sich auch auf Autoersatzteile, Computer, Telekommunikationsgeräte und viele andere High-Tech- Produkte und -dienste beziehen. Zuweilen schieben es Franchise- und Serviceunternehmen zu unrecht auf den Hersteller ab, wenn sie ihre eigene restriktive Praxis verfolgen. Wo es erforderlich ist, sollten Verbraucher und Firmeneinkäufer auf Wettbewerb bei Serviceverträgen sehen und verlangen, daß die Hersteller alle Einschränkungen bei der Verwendung ihrer Produkte schriftlich festlegen.

Vorurteil 3: Von Recyclingprodukten
ist nicht genug da, wenn man sie braucht

. Die Verfügbarkeit von Recycling-Produkten war noch bis vor ein paar Jahren wirklich ein Problem. Sie ist es heute noch, wenn bestimmte Branchen, wie etwa Verlage, größere Materialmengen benötigen, um einen vereinbarten Termin zu halten. Aber die meisten Standardprodukte sind inzwischen jederzeit vorhanden. Große Schreibpapierhersteller wie etwa James River verfügen heute über ein Sortiment an Qualitätspapier in allen Stärken und großem Farbspektrum. Bereits 1988 begann Rubbermaid, einer der führenden Hersteller auf dem Gebiet des Hausreinigungsbedarfs, alle Wertstoffcontainer aus recyceltem Kunststoff zu fertigen, die die Stadt New York bei ihrer Abfallerfassung einsetzt. Nach diesem frühen Erfolg kam Rubbermaid darauf, daß sich auch für eine Reihe seiner anderen Plastikerzeugnisse Recyclingversionen lohnen: etwa Mülltonnen, Eimer, Schrubber und Schubkarren. Heute gehören zum Sortiment mehr als 70 aus Altplastik hergestellte Produkte. Selbst bei den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern, die kurzfristig oft große Mengen Recycling-Papier benötigen, läßt sich mit etwas Planung und Beharrlichkeit das Problem mangelnder Verfügbarkeit lösen. Die Consumers Union beispielsweise bringt die Consumer Reports heraus. Man prüfte, ob sich die Zeitschrift künftig nicht auf Recycling-Papier drucken ließe. Die treibende Kraft hinter der Idee war Geschäftsführerin Rhoda H. Karpatkin, die meinte, eine gemeinnützige Organisation sei verpflichtet, in ihrer Materialeinkaufspolitik und Öffentlichkeitsarbeit umweltbewußt zu handeln. Mit einer Auflage von über fünf Millionen ist Consumer Reports (CR) die achtgrößte Zeitschrift der Vereinigten Staaten. Anfangs war die normale Druckauflage für die Lieferanten von Recycling-Papier zu hoch; sie konnten die erforderlichen Mengen nicht heranschaffen. Aber Karpatkin und andere ließen nicht locker und fanden Wege, auch zahlreiche weitere Publikationen der Consumers Union auf Recycling-Papier zu drucken, etwa den 1992er Guide to Income Tax Preparation. Und schrittweise kamen die Papierlieferanten auch in die Lage, für wenigstens einen

Teil der Auflage Papier mit unterschiedlichem Recyclinganteil zu geringfügig höheren Preisen zu liefern. Aber Karpatkin und ihren Mitarbeitern war auch klar, daß eine Unterstützung der Bemühungen der Recyclingindustrie, Materialien in verläßlicher Menge und Qualität zu entwickeln, zugleich den Zielen der eigenen Zeitschrift zu Gute kommt. Mittlerweile wird die halbe CR-Auflage auf Recycling-Papier gedruckt wie auch über die Hälfte aller übrigen von der Consumers Union verbreiteten Schriften. Um einer denkbaren Verordnung zuvorzukommen, die für die Verwendung von Recyclingpapier eine bestimmte Quote vorschreibt, nahm sich die Pennsylvania Newspaper Publishers Association (PNPA) aus freien Stücken vor, diese Quote bei den Druckerzeugnissen ihrer 250 Mitglieder bis zum Jahr 1995 auf 50 Prozent zu erhöhen. (1988 lag der Anteil laut PNPA noch bei acht Prozent; 1993 waren es nach Schätzungen des Verbands bereits 35 Prozent.) Die PNPA ist zuversichtlich, daß die Bemühungen bis 1995 zum gesteckten Ziel führen werden. Probleme bereiten allerdings die erforderlichen Mengen - noch hapert es beim Altpapiernachschub sowie bei der Herstellung neuen weißen Papiers. Dabei gibt es absurderweise vielerorts eine Altpapierschwemme, die - vorübergehend - immer wieder

durch die zeitliche Verzögerung zwischen Abholung und Verarbeitung verursacht wird. Das große Angebot an unverarbeitetem Zeitungspapier, Folge der behördlichen Maßnahmen, hat der Industrie jedenfalls eine neue Ressource beschert. Nun sind die Hersteller bemüht, beim Veredlungsprozeß nachzuziehen und neue Verwendungsmöglichkeiten für wiederverwertete Zeitungen zu finden. Bis Ende des Jahrtausends soll jede amerikanische Zeitung wenigstens zu einem Teil aus wiederaufbereitetem Altpapier bestehen.

In "grüne" F + E investieren:
Strategische Allianzen

Vor zehn Jahren waren kleine Firmen und Newcomer in den USA die einzigen, die sich für neue Herstellungsverfahren einsetzten, weil nur ihnen der Einstieg in Marktnischen für Recyclingprodukte lohnend erschien. Noch bis in die späten 80er Jahre steckten die meisten Großunternehmen viel Geld in die Verbesserung von Anlagen, mit denen natürliche Rohstoffe verarbeitet wurden. Um nun Recyclingprodukte von gleicher Qualität und zu gleichen Kosten produzieren zu können, muß die Industrie heute massiv in neue Technologien investieren. Bei allen Bekundungen zum Gemeinwohl wird es zu diesen F+E-Investitionen im erforderlichen Umfang allem aus zwei Gründen kommen: zu erwartende Gewinne und wachsender Wettbewerbsdruck. Tatsächlich wird eine Reihe von Produkten bereits seit Jahrzehnten aus wiederaufbereiteten Grundstoffen hergestellt, etwa Blech- und Aluminiumdosen, Seife und einfaches Toilettenpapier. Seit 70 Jahren verwenden Unternehmen wie Fort Howard, Wisconsin Tissue Mills und Marcal den Papierabfall von Papierfabriken und Druckereien in ihrer Herstellung als Hauptrohstoff. Damit haben sie eine billige Quelle angezapft, die es ihnen ermöglicht, bestimmte Papierwaren für das untere Marktsegment zu produzieren. Daß ihre Produkte zum Teil aus wiederverwertetem Zellstoff bestanden, hängten sie allerdings nicht an die große Glocke, denn früher hätten die Verbraucher das wohl vor allem als Hinweis auf mindere Qualität gewertet. Angesichts der inzwischen starken Nachfrage nach Produkten aus Recyclingpapier haben diese Firmen nun einige ihrer Produktlinien in neue Verpackungen gesteckt, um ihnen so ein umweltgerechteres Image zu verleihen. Und bei dem wachsenden Aufkommen an Altpapier, zumal aus Büroabfällen, haben alle drei ihre Anlagen so ausgebaut, daß sie diesen neuen Ausgangsstoff gut verarbeiten können. Jetzt suchen sie ihre Marktanteile zu vergrößern, indem sie sich als Firmen mit umweltfreundlichen Produkten positionieren. Oder nehmen wir Rubbermaid, das beim Einsatz von Altplastik sowohl in der Press- als auch der Gießtechnik führend ist und kleinere Mitbewerber wie Zarn und Toter zum Nachziehen gezwungen hat. Zwar ließ der scharfe Wettbewerb und die schlechte Marktlage bei Alt-HDPE Rubbermaids Marktanteil zurückgehen, speziell bei Mülltonnen und Wertstoffcontainern. Dennoch ging das Unternehmen in die Offensive, indem es einen geschlossenen Stoffkreislauf entwickelte, bei dem alle beteiligten Firmen Hand in Hand arbeiten, was eine bessere Qualitätssteuerung bei den in der Produktion eingesetzten Recyclingstoffen erlaubt. Heute ist Rubbermaid mit seinem geschlossenen Kreislaufprogramm zum Marktführer bei der Wiedergewinnung und Wiederverwertung von Plastikfolien aus Weichpolyethylen (LDPE) geworden. Eine kleine Plastikverarbeitungsfirma reinigt das Alt-LDPE, und Rubbermaid kauft Plastikfolien von den Verteilzentren solcher Firmen wie Giant Foods, schickt sie zur Aufbereitung und nimmt das transformierte Granulat den Verarbeitern wieder ab, um es

zur Herstellung neuer Produkte zu verwenden (wie etwa Wertstoffcontainer oder Abfalleimer) die wieder an die ursprünglichen Verbraucher gehen. Damit dieser Kreislauf effektiv funktioniert, arbeitet Rubbermaid sowohl eng mit dem Aufbereiter als auch Giant Foods zusammen, um sicherzustellen, daß der für die Wiederverwertung bestimmte Kunststoff von erstklassiger Qualität und frei von Verunreinigungen ist. Qualitätskontrolle ist also Trumpf- sie ermöglicht es Rubbermaid, Produkte in mehreren attraktiven Farben zu produzieren statt des bei Recyclingplastik sonst üblichen Graus oder Schwarz. Investitionen m ökologische F + E eröffnen viele Möglichkeiten, den Wertstoffkreislauf zu schließen, angefangen von neuen Herstellungsverfahren für ein einzelnes Produkt bis zum vollständigen Stoffumlauf wie bei Rubbermaid. Obwohl mehrere Großunternehmen wegen des härteren Wettbewerbs begonnen haben, sich eigene neue Verfahren zuzulegen, sind sie parallel dazu auch strategische Allianzen mit öffentlichen Einrichtungen, lokalen Behörden und anderen Firmen eingegangen, um so die anfänglich hohen F+E-Kosten aufzuteilen. Hammermill wiederum erwarb 1990 von der deutschen Firma Steinbeis Temming Papier die Lizenz für das Verfahren zur Herstellung von Unity DP; seit über einem Jahrzehnt produziert Steinbeis dasselbe Papier für den deutschen Markt. Als Hammermill sich die Lizenz kaufte, waren

selbstverständlich noch weitergehende wirtschaftliche Überlegungen im Spiel. Da das Lizenzabkommen mit Steinbeis exklusiv ist, verhilft es International Paper zu einer einträglichen Nische auf dem wachsenden Markt für umweltfreundliche Produkte. Darüber hinaus hatte auch International Paper wie viele andere alte Branchenriesen - seinen Anteil an Umweltkatastrophen. Ein Wechsel zu umweltfreundlicheren Produkten sollte schon über das Image dem Unternehmen helfen, seine Kunden zu erhalten ganz abgesehen von der Tatsache, daß die Verarbeitung der Holzpulpe, die zur Herstellung von reinem Zellstoffpapier erforderlich ist, recht gefährliche Abfälle verursacht, deren Entsorgung immer kostspieliger wird. Beispielhaft für eine F+E-Allianz ist auch Coca- Colas Partnerschaft mit Hoechst Celanese. Über das Glas- und Aluminiumrecycling hinaus hat Coca-Cola in die Entwicklung einer 2-Liter-Getränkeflasche investiert, die einen 25prozentigen Anteil an rückgewonnenen Kunststoff enthalten soll. Coca-Cola ist dabei, eine ganze Palette umweltfreundlicher Produkte herzustellen. Besonders hegt den Topmanagern daran, den Vorbehalten entgegenzutreten, die in der Öffentlichkeit gegenüber recyceltem Kunststoff und der Möglichkeit kursieren, Kunststoff umfassend wiederzuverwerten. Für Coca-Cola entwickelte Hoechst Celanese daher eine neue Technik, um auch weiterhin der Hauptlieferant von Plastikflaschen für den Getränkegiganten zu bleiben. Dieser übernahm im Gegenzug einen Gutteil der F + E-Kosten und überließ Hoechst die Rechte an der neuen Technik. Von der Food and Drug Administration (FDA) wurde der neuartige Getränkebehälter für seinen Verwendungszweck zugelassen, bei dem das Material direkt mit einer Trinkflüssigkeit in Berührung kommt. Das innovativ gestaltete Behältnis schließt den Recyclingkreislauf, da derselbe Kunststoff, der zur Herstellung der Flaschen verwendet wird, in Coca-Colas Herstellungsprozeß wieder eingespeist und für das gleiche Produkt erneut verwendet werden kann. Um die FDA von der Verbraucherfreundlichkeit der Neuheit zu überzeugen, mußte Coca-Cola nachweisen, daß jede Möglichkeit einer Verunreinigung und schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit ausgeschaltet waren. Diese Pionierleistung von Coca-Cola führte dazu, daß einige veraltete Vorschriften zum Hygienestandard von Behältern aus wiederaufbereiteten Stoffen geändert wurden. Inzwischen sind noch weitere aus Altplastik hergestellte Lebensmittel- und Getränkebehälter auf dem Markt oder in der Entwicklung. Der Weg von Bell Atlantic, privatwirtschaftliche und öffentliche Interessen zu verknüpfen, stellt eine interessante Variante der Aufteilung von F+E-Kosten dar. Als Versorgungsunternehmen unterliegt der Telephonkonzern weit mehr gesetzlichen Bestimmungen als Privatunternehmen. Dementsprechend hat Bell neuartige Verfahrenstechniken entwickelt. So investierte Bell nicht nur in den Einsatz von Recyclingpapier bei seinen Telephonbüchern, sondern vergrößerte auch seine Ressourcen, indem es die Bücher selbst recycelbar macht. So wird bei ihnen jetzt auf jenen Kleber verzichtet, der den Prozeß der Wiederaufbereitung des Papierbreis buchstäblich verkleistert hatte. Darüber hinaus hat das Unternehmen die Hochglanzumschläge abgeschafft. Freilich können Bell Atlantic und andere Versorger jederzeit die Benutzertarife erhöhen, um zusätzliche F+E-Kosten abzudecken. Dieser öffentlich-private Kostenmix ist etwas heikel. Andererseits kann dieses Vorgehen dazu beitragen, den Wandel in einer so komplizierten wirtschaftlichen Frage wie dem Recycling stärker voranzutreiben. Bell hat sich finanziell auch dafür engagiert, in seinem Versorgungsgebiet mit Partnerkommunen die Wiederverwertung der Telephonbücher gemeinsam zu betreiben. Vor Ort sorgen kommunale Recycling-Koordinatoren für das Einsammeln und die Öffentlichkeitsarbeit, während Bell den Transport zu den Abnehmern bezahlt und garantiert, daß die abgeholten Telephonbücher nicht auf der Deponie landen. Eines der größten Erfolgsbeispiele für eine öffentlich-privatwirtschaftliche Zusammenarbeit, basierend auf einer wegweisenden Innovation, führt uns nach Seattle. Dort gibt es die kleine, aber sehr agile Firma Recycled Plastics Marketing. RPM kam mit der Stadt Seattle überein, Abfallkompostierer für Seattles ehrgeiziges Müllbeseitigungsprogramm herzustellen. Die Behälter von RPM bestehen zu 100 Prozent aus wiederverwertetem Kunststoff, wobei die Neuartigkeit darin liegt, daß er aus HDPE-Milchflaschen gewonnen wird, die zunächst im Zuge der städtischen Abfallverwertungsmaßnahmen aufbereitet werden. RPM kann sich so auf die Materiallieferungen für sein Produkt verlassen, die Stadt wiederum garantiert die Abnahme einer großen Zahl von Kompostierern, die kostenfrei an die Einwohner verteilt werden. Doch mit diesem Verfahren wird die Müllmenge gesenkt, was auch die städtischen Kosten der Müllentsorgung vermindert.

Ein Plädoyer fürs Recycling aus
Geschäftsinteresse

Gewiß gibt es auch Unternehmen, für die ein Beitrag zum Gemeinwohl Glaubenssache ist. Die Conservatree Paper Company, sie handelt in San Francisco mit wiederaufbereitem Papier, startete beispielsweise kürzlich in 20 kalifornischen Schulbezirken ein Pilotprojekt im Rahmen des Inner-City-School-Donation-Program. Dabei unterstützt Conservatree Schulen mit Finanzproblemen, indem es ihnen Mittel in Höhe von einem Prozent des gesamten Unternehmensumsatzes stiftet. Die Schulen können sich so dringend benötigte Materialien und wiederverwertetes Papier kaufen. Aus pädagogischer Sicht bekommen die Kinder so die Gelegenheit, den vollständigen Stoffkreislauf in Aktion zu sehen - von der Sammlung am Straßenrand über den Kauf von Recyclingprodukten bis zur ihrer erneuten Erfassung. Aber privatwirtschaftlich-staatliche Programme bis zu einem solchen Maß zu koordinieren ist keine einfache Sache, egal ob das beteiligte Unternehmen nun aus öffentlichem oder eigenem Interesse handelt. Sogar in Seattle dauerte es Monate, bis nach umfangreichen, komplizierten Verhandlungen RPM und die Stadt das Programm anlaufen lassen konnten. In vielerlei Hinsicht sind die heute bestehenden Partnerschaften - auch die Buy Recycled Business Alliance ein öffentlich-privates Experiment für den sozialen Wandel. Noch gibt es allzuviel widersprüchliche Verlautbarungen von seilen der Industrie, der Umweltverbände und der Verantwortlichen für örtliche Recyclingmaßnahmen. Noch hält der Disput der Recyclingexperten an vom Sinn des Flaschenpfands bis zur Frage, wann der Deponieraum erschöpft sein wird. Da werden sich die Strategien der Regierung und der Wirtschaft zur Erreichung der jeweils gesteckten Recycling-Ziele wohl noch eine Weile öfters ändern und anpassen müssen. Dazu kommt noch etwas. Bislang haben weder Unternehmensstrategen noch Politiker harte Zahlen zur Hand, wenn sie, gestützt auf die klassische Wirtschaftstheorie, die Vorteile des Recycling genauer bestimmen möchten. Selbst wenn Fragen wie die nach der Verfügbarkeit von wiederverwertbaren Ausgangsstoffen, nach Kennzeichnungsnormen und Preisgestaltung adäquat gelöst sein sollten weiterhin ungeklärt bliebe, ob eine breite Nachfrage nach Recyclingprodukten für ein Maß an Marktstabilität sorgen würde, bei dem das langfristige wirtschaftliche Überleben der Recycling-Infrastruktur sichergestellt wäre. Die Environmental Protection Agency hat sich für die USA vorgenommen, den Abfall bis zum Jahr 2000 um 40 Prozent zu verringern. Das würde bedeuten, private Verbraucher und Unternehmen müßten etwa 80 Millionen Tonnen an Recyclingprodukten pro Jahr einkaufen. Gegenwärtig werden 20 Millionen Tonnen an Wiederverwertungsstoffen abgesetzt (zu 50 Prozent an die Wirtschaft) und in Recyclingprodukte verwandelt. Die einfache marktwirtschaftliche Mechanik von Angebot und Nachfrage reicht nicht voll aus, um die nötige Nachfrage nach Recyclingprodukten zu schaffen. Dabei bieten diese, verglichen mit ihren Konkurrenzprodukten

aus natürlichen Rohstoffen, eine Reihe immaterieller Geschäftsvorteile, die zunehmend wichtiger werden. Aus der Marketingperspektive kann die Verwendung von Bürobedarfsartikeln aus wiederaufbereitetem Material oder die Investition in neue Technologien, bei denen rückgewonnene Grundstoffe zum Einsatz kommen, dazu beitragen, neue Kunden zu gewinnen und alte zu halten. Alle haben Anlaß, ihre Einkaufspolitik auf unterschwellige Vorurteile hin zu überprüfen. Soll man noch betonen, daß die Herstellung der Recyclingprodukte häufig weniger Energie erfordert und die Umwelt weniger belastet als bei entsprechenden Produkten aus Naturrohstoffen? Obwohl es sehr schwer fällt, das exakte Ausmaß der Umwelt- und Energieeffekte zu berechnen, läßt sich vorstellen, daß schon in naher Zukunft amerikanische Firmen und Behörden Investitionen in diese Produkte in Form eines amtlichen "grünen Meldebogens" aufführen werden. Solche Öko-Bilanzen wären dann den in vielen deutschen Firmen üblichen Sozialberichten vergleichbar und gäben detailliert Auskunft über die Energieeinsparungen sowie die Verringerung der Umweltbelastung durch den Kauf von Recyclingprodukten und die Entwicklung neuer umweltfreundlicher Fertigungstechniken. Aufs Ganze gesehen birgt Recycling in sich ein erhebliches Potential, um die Wirtschaft insgesamt anzukurbeln. So haben die Pazifikstaaten im Nordosten

der USA zum Beispiel die landesweit niedrigsten Energiekosten. Die Gebiete sind ein idealer Standort für die Papierindustrie, um in den Umbau von Fabriken zu investieren, die künftig wiederaufbereiteten Grundstoff statt reinen Zellstoff einsetzen. Und in der Tat haben bereits Hersteller wie Smurfit, International Paper, Georgia Pacific und Weyerhäuser damit begonnen. Zu dem Zweck lassen sich Holzfäller darauf umschulen, Recycling-Fahrzeuge zu fahren, Kunststoffholz zu verarbeiten, Papierstapler zu bedienen oder in Entfärbungsanlagen zu arbeiten. Die Recyclingbranche zu fördern könnte möglicherweise der Weg sein, um manche Probleme einer krankenden Binnenwirtschaft zu lösen - vorausgesetzt die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Staat sind bereit, an einem Strang zu ziehen statt sich weiter wie bisher zu bekriegen. Copyright: © 1994 by the President and Fellows of Harvard College; ursprünglich veröffentlicht in "Harvard Business Review" Nr. 6, November/ Dezember 1993, unter dem Titel "Recycling for Profit: The New Green Business Frontier". Übersetzung: Henriette Holtz.

David Biddle
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