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Kolumne Der feine Unterschied

aus Harvard Business manager 3/2008

Seit der großen Aufregung über den "Mythos von der Leistungselite", den der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann in einer umfangreichen Studie entlarvt zu haben glaubte, bewegt der Begriff des "Habitus" die Gemüter. Gemeint ist die Art und Weise, wie man sich, gewissermaßen geheimbündlerisch, wechselseitig in bestimmten Attitüden signalisiert, wes Gruppengeistes man meint zu sein. Das ist ein hübsches Spiel der Macht: Denn nur, so Hartmann, wer sich fähig zeige, fast unsichtbare Zugehörigkeitsinsignien virtuos zu handhaben, werde auch dazugehören.

Ein berühmter französischer Kollege des deutschen Soziologen, Pierre Bourdieu, hat diesen Tatbestand gar zum Kerngegenstand seines Lebenswerks gemacht, das in der Publikation gipfelte: "Die feinen Unterschiede". Ein schöner Titel, der uns ermuntert, beim Flanieren durch die Alltagswelt des Business ein wenig aufmerksamer hinzuschauen. Wenn man nun wirklich ganz genau hinsieht, offenbaren sich tatsächlich zwar kleine, aber doch signifikante Unterschiede. Zum Beispiel beim Nadelstreifen, präziser, beim Nadelstreifenanzug, hier: beim männlichen Nadelstreifenanzug. Auf diesem Gebiet hat, und nun kommt die Überraschung, eine Enteignung stattgefunden, ein Symboltransfer von geradezu revolutionärem Ausmaß. Der Nadelstreifen, bedeutungsschwangeres Symbol der Arriviertheit, wird heute in der jungen Generation der ungeduldigen Nachwuchskräfte nicht nur kopiert, nein: er wird modifiziert, auf eine Weise, die einen ganz anderen Anspruch als die klassische Attitüde älterer Manager demonstriert. Die tragen den Nadelstreif in schweres anthrazitfarbenes Tuch kaum sichtbar silbern eingewebt, im dreiteiligen Anzug mit Weste natürlich, und selbst-verständlich mit einer Bund-faltenhose, mit Aufschlägen am Fußende. Sommers darf es auch ein helleres Grau sein, nachtblaue Variationen werden ebenfalls erlaubt.

Derlei farbliche Konventionen ignoriert die junge Garde unbekümmert und geht auch sonst recht munter um mit dem Anspruch auf das überkommene Führungssymbol, kombiniert alle erdenklichen Farben mit einem weit kräftiger aus-geprägten Nadelstreifen als in den klassischen Modellen: Türkis findet sich nun auf Braun, Schwarz auf hellem Beige. Doch ist das längst nicht alles: Man hat den Anzug einer Diät unterzogen. Ohne Bundfalte umfasst die Hose nun asketisch schlank den Leib und fällt röhrenförmig ohne Aufschlag auf den Schuh. Eine gewisse Windschnittigkeit zeigt sich in dieser Variante, und genauso gehen sie auch, die Jungen. Meist mit einem Rollkoffer hinter sich. Erst später, in ernsteren Etappen der Karriere (wenn's denn auch ein wenig zwickt um die Mitte herum), wechselt man zum Klassiker. Der Anspruch indes wird schon in Jugendjahren kraftvoll symbolisiert.

Dass der Nadelstreifenanzug seit geraumer Zeit auch für Frauen tragbar geworden ist, liefert in dieser Philosophie ein weiteres und wichtiges Indiz des Wandels. Allerdings ist zusätzlich zu vermerken, dass sich im Laufe der weiblichen Karriere das Grundmuster nicht verändert: Die Kolleginnen tragen von Anbeginn die farblich gedeckte Variante. Was das bedeuten mag, muss noch ergründet werden. n

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