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Der Rat meines Lebens Den Mund halten

Welche Erlebnisse haben Topmanager geprägt? Was haben sie von Mentoren gelernt? Das beleuchten wir in dieser Serie. Diesmal erzählt Maureen Chiquet, Global CEO des Mode- und Kosmetikkonzerns Chanel, wie ihr früherer Chef aus der Dauerrednerin eine gute Zuhörerin machte.
aus Harvard Business manager 12/2008

In den ersten Jahren meiner Karriere arbeitete ich als Einkäuferin für Damenjeans beim US-Modekonzern The Gap. Ich wählte mit Designern neue Styles für die Läden aus, ermittelte mit Materialplanern, wie hoch unser Lagerbestand sein musste, und plante in Zusammenarbeit mit einem Beschaffungsteam die Produktion.

Ich hatte ein Jahr in dieser Position gearbeitet, als ich mir einen - wie ich fand - genialen neuen Style einfallen ließ: eine Röhrenjeans mit etwas weiterem Bein und einer tollen neuen Waschung. Die Marktforschung und mein Instinkt sagten mir, dass das Modell ein Renner werden könnte. Eines Tages rief mich unser CEO Mickey Drexler - heute der Chef von J. Crew - aus einem Konferenzraum an und fragte, ob ich meine Idee vor ihm und dem Marketingchef präsentieren könne. Natürlich war ich bereit - und ziemlich stolz auf meinen Plan. Dem Marketingchef gefielen die Modelle, und er begann sofort aufgeregt über Ansätze für die Vermarktung zu sprechen. Mickey dagegen war sich nicht so sicher. "Sollten wir diese Waschung nicht besser für unsere Classic-Fit-Jeans verwenden?", fragte er.

Nun, ich war eine selbstbewusste junge Einkäuferin: Ich wusste, was in der Modewelt angesagt war, was als cool galt und was wir in unseren Läden haben mussten. Anstatt mich zu fügen, begann ich also meine Vorstellungen zu erörtern. Ich fand alle möglichen Gründe dafür, warum genau diese Waschung und dieser Schnitt zusammengehörten. Mickey stellte eine Frage nach der anderen, in zunehmend lautem und ärgerlichem Ton. Schließlich hielt ich meinen Mund und schlich niedergeschlagen zurück in mein Büro.

War ich jetzt meinen Job los, weil ich einem der berühmtesten Einzelhandelschefs des Landes frech gekommen war? Doch ein paar Minuten später rief er mich wieder an. "Maureen!", brüllte er. "Ich gebe Ihnen jetzt einen guten Rat: Sie sind eine hervorragende Einkäuferin. Aber Sie müssen lernen zuzuhören!" Natürlich hatte Mickey recht mit seinem Vorschlag, die neue Waschung für unsere Classic-Fit-Jeans zu verwenden, und letztendlich brachten wir dieses Modell sehr erfolgreich auf den Markt. Auch 20 Jahre danach beeinflusst seine Standpauke noch immer, wie ich über die Produkte meines Unternehmens denke und wie ich mit Mitarbeitern und Kunden umgehe.

Im Einzelhandel - ebenso wie in anderen Branchen - ist es wichtig, eine starke Meinung zu haben und sie erfolgreich zu präsentieren. Aber um erfolgreich zu führen und als Chef eines Unternehmens echte Ergebnisse zu erzielen, müssen Sie zuhören können. Sie sollten immer wieder Fragen stellen und verschiedene Meinungen zusammentragen. Bleiben Sie so bescheiden, dass Sie auch einmal Ihre Meinung - über ein Produkt oder eine Person - ändern können.

Jedes Mal, wenn ich eine Chanel-Boutique besuche, frage ich die Mitarbeiter, was sich gut verkauft, worauf die Kunden abfahren und was wir anders machen sollten. Ihre Beobachtungen helfen mir, meinen eigenen Überlegungen mehr Tiefe zu verleihen - und manchmal ändern sie sogar meine Meinung über eine Ware oder eine große Strategie.

Auch im Büro verbringe ich 75 Prozent meiner Zeit damit, Berichte meiner Mitarbeiter anzuhören. Und ich verabrede mich regelmäßig mit Geschäftspartnern in aller Welt, um ihre Sichtweise zu erfahren. Ich suche mir Informationen aus so vielen Quellen wie möglich zusammen. So klicke ich etwa bei Youtube rein, um zu sehen, was sich die Leute so anschauen. Ich halte Augen und Ohren offen auf der Suche nach Trends in Kultur, Kunst, Film und Theater.

Natürlich hat es auch Nachteile, ständig zuzuhören: Manchmal merke ich, dass mir die Leute nur das erzählen, was ich hören soll. Aber letztendlich ist das, was vorteilhaft fürs Geschäft ist, auch für mich persönlich gut - mich mit talentierten Teams zu umgeben und auf meine Expertise zu vertrauen. Hätte ich damals nicht auf Mickey gehört, hätte ich mir in meiner Anfangszeit bei Chanel nicht selbst einen Maulkorb verpasst und den Leuten zugehört, dann wäre ich sicher nicht lange auf der Erfolgsspur geblieben. n

Maureen Chiquet
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