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Verteidigen Sie Ihre Forschung Dein Kunde, Dein Entwickler

DIE STUDIE: Produktneuheiten von Unternehmen sind gut, Innovationen von Konsumenten oft besser - sagt Eric von Hippel, Professor an der MIT Sloan School of Management. Der Innovationsforscher beruft sich dabei auf internationale Studien, die etwa darlegen, dass allein in Großbritannien Endverbraucher rund 2,3-mal so viele Innovationen auf den Markt bringen wie alle britischen Unternehmen zusammen. Ums Geld scheint es den Tüftlern dabei nicht zu gehen: Nur 2 Prozent ließen ihre Erfindung patentieren.DIE THESE: Konsumenten sind eine unterschätzte Ideenquelle. Sie sind den Markttrends häufig voraus, arbeiten kostenlos und teilen ihre Erfindungen offenbar gern.
aus Harvard Business manager 1/2012

Professor Hippel, entstehen Innovationen wirklich auch dann, wenn sie nicht geschützt sind und kein Geld bringen?

VON HIPPEL Fraglos. Sogenannte Nutzerinnovationen - also Produkte, die von Konsumenten oder Firmen auf den Markt gebracht wurden, die diese primär für den eigenen Gebrauch und nicht aus kommerziellem Interesse entwickelt haben - gewinnen sogar immer mehr an Bedeutung. Die Gründe dafür sind vielgestaltig: Einer sind die sinkenden Kosten. Weil Technologien immer billiger werden, wird es auch für Nutzer immer kostengünstiger, sich die Produkte zu schaffen, die sie haben wollen. Nur eine kleine Gruppe von ihnen schützt ihre Entwicklungen vor Imitatoren mit Patenten oder anderen Mitteln. Trotzdem gibt es immer mehr Nutzerinnovationen.

Warum sollte Tüftlern der Schutz ihrer Ideen egal sein?

VON HIPPEL Anders als kommerzielle Entwickler sind private Tüftler in aller Regel von der inneren Motivation getrieben, den persönlichen Nutzen zu maximieren. Sie erwarten im Grunde gar keinen finanziellen Gewinn von ihrer Erfindung. Erstaunlicherweise scheint es den Nutzerinnovationen nicht zu schaden, wenn sie vervielfältigt und kopiert werden - im Gegenteil: Es scheint ihnen sogar zu helfen.

Nehmen wir etwa an, ich hätte ein neues Mountainbike erfunden und würde es jeden Tag fahren. Ich hätte es gebaut, um es zu fahren. Der Lohn meiner Arbeit wäre die Steigerung meines privaten Fahrvergnügens. Glücklich würde ich mit meinem selbst gebauten Rad durch die Stadt fahren. Menschen würden es sehen, ausprobieren und mir Fragen dazu stellen. Vielleicht würde sich einer von ihnen irgendwann anschicken, mein Fahrrad nachzubauen. Würde mir das schaden? Nein. Es würde nur meine Reputation steigern. Und wer weiß, mit ein bisschen Glück würde mein Nachahmer an der Kopie meines Rades eventuell sogar kleine Verbesserungen vornehmen, die ich im Gegenzug bei meinem Rad übernehmen könnte. Selbst wenn dieser jemand ein Fahrradhersteller wäre, der aus meinem Rad ein kommerzielles Produkt machen und damit viel Geld verdienen würde, würde mich das möglicherweise kränken, aber an meinen ursprünglichen Beweggründen, für mich selbst ein Rad zu entwickeln, nichts ändern. Zumal ich den von mir anvisierten Gegenwert meiner Arbeit ja ohnehin schon erhalten hätte.

Bei von Nutzern gegründeten Firmen funktioniert dieses Beispiel genauso: Stellen Sie sich eine Firma vor, die eine Maschine erfunden hat, die den eigenen Produktionsprozess vereinfacht. Mein Forschungskollege Jeroen de Jong und ich haben beobachtet, dass Firmen in solchen Fällen häufig ihren Zulieferern die Erfindung kostenlos überlassen. Warum? Weil sie in aller Regel profitieren, wenn die Zulieferer ihre Innovation kommerzialisieren: Sie müssen die Maschinen, die sie benötigen, nicht mehr allein herstellen.

Es gibt aber doch Fälle, in denen es sich sehr wohl auszahlt, die eigenen Ideen zu schützen. Ein Unternehmen wie Gillette wird seine neuesten Rasiererinnovationen sicher nicht kostenlos auf den Markt werfen.

VON HIPPEL Das ist richtig. Gillette ist in dieser Beziehung zugeknöpft. Kein Wunder: Die perfekte Klinge ist für das Unternehmen ein echter Wettbewerbsvorteil. Wir beobachten, dass das freie Teilen der eigenen Ideen aufhört, wenn Rivalitäten ins Spiel kommen. Es ist anzunehmen, dass ein Profiradler kurz vor dem nächsten Wettkampf der Öffentlichkeit wohl kaum seine neueste Fahrradentwicklung präsentieren wird. Genauso wie ein Unternehmen, das davon ausgeht, dass die neu entwickelte Produktionsmaschine Wettbewerbsvorteile einspielt, diese nicht einfach so der Konkurrenz überlässt.

Nutzer und Konsumenten sind aber nur sehr selten Konkurrenten - und unsere Erhebungen zeigen, dass sie ihre Erfindungen in der Regel gern kostenlos zur Verfügung stellen.

Dieser Denkansatz ist eine radikale Abkehr von den bisherigen Theorien.

VON HIPPEL Das stimmt. Seit Joseph Schumpeter und dem Jahr 1934 teilen Ökonomen und Politiker die Überzeugung, dass Innovationstätigkeit nur von Unternehmen erwartet werden kann, die damit später Geld verdienen wollen. Ohne den Schutz geistigen Eigentums, so die kollektive Überzeugung, würde es zu einer nicht einzudämmenden Zahl von Raubkopien kommen, die ihrerseits wiederum zu sinkenden oder verschwindenden Profiten führen würden - was schlussendlich Unternehmen die Motivation nehmen würde, Innovationen zu entwickeln. Leidtragende wäre am Ende die Gesellschaft, die nicht mehr die Erfindungen bekommen würde, die sie zur Weiterentwicklung braucht.

Zugleich haben Ökonomen jedoch immer gewusst, dass geistige Eigentumsrechte immer auch ein Pakt mit dem Teufel sind. Die Gesellschaft zahlt einen hohen Preis, wenn sie Menschen und Unternehmen Monopolrechte gewährt: Es ist bekannt, dass Monopolisten ihren Patentschutz nutzen, um höhere Preise durchzusetzen und nachfolgende Innovatoren abzuwehren.

Aber die Rechte an geistigem Eigentum und die Profite daraus sind das Schmieröl unserer Wirtschaft. Wenn sie sich nicht mehr auszahlen, wird es kein Wachstum mehr geben.

VON HIPPEL Es gibt viele Dinge, mit denen Unternehmen sich am Markt profilieren können: durch ihre Marke, Exzellenz in der Produktion, Service, Distribution und so weiter. Man kann auf dieser Basis eine sehr gesunde Wirtschaft schaffen.

Glauben Sie wirklich, dass die Industrie statt auf die eigene Forschungsabteilung auf Endverbraucher als Entwickler setzen sollte?

VON HIPPEL Meinen Sie das ironisch? Unternehmen nutzen und wachsen doch schon längst mithilfe ihrer Nutzer. Der Anteil von Erfindungen von Konsumenten an der wirtschaftlichen Entwicklung ist bisher nur noch nicht gemessen worden, weil es ihn theoretisch gar nicht gibt - zumindest wenn man der traditionellen Theorie glaubt. Nun ist es meinen Kollegen und mir aber gelungen, ihn auf Landesebene in etlichen Studien nachzuweisen. Die Fakten sind eindeutig: Nutzer sind ein wichtiger Quell, wenn es um freie Ideen und Erfindungen geht, die Konsumgüterhersteller und Industrieunternehmen aufgreifen und verbessern. Bisher ist mir übrigens noch kein Unternehmen untergekommen, das sich darüber beschwert hat.

Haben die Unternehmen diesen Paradigmenwechsel bereits vollzogen?

VON HIPPEL Einige ja, andere nicht. Am Ende werden es alle sein. Nehmen Sie etwa ein Unternehmen wie Twitter, das sich mit seinem Geschäftsmodell schon heute auf seine Kunden verlässt. Twitter weiß, dass die meisten neuen Funktionen von seinen Kunden entwickelt werden, greift diese dann bloß auf und macht sie zu Geld.

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