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Motivation Das wird Sie runterziehen!

MOTIVATION: Millionen Menschen benutzen Fähnchen, Poster, Bücher und andere Produkte der Motivationsindustrie, um ihren Arbeitseifer zu steigern. Der Unternehmer und Professor Lawrence Kersten findet das wahrlich deprimierend und hält dagegen.
aus Harvard Business manager 6/2004

Lawrence Kersten, ehemals Professor für Unternehmenskommunikation, ist kein Freund von kreisenden Adlern, majestätischen Bergkuppen oder anderen Symbolen der Motivationsindustrie.

Er hat genug von pathetischen Ausrufen nach "Leadership!", "Ehrgeiz!" und "Erfolg!" Und er ist skeptisch gegenüber solch beliebten Motivationsprogrammen wie "Fish!". (Diese Managementphilosophie soll Firmen in die Geheimnisse von Fischhändlern in Seattle einweihen, die ganz bewusst entgegen ihrer Intuition handeln.)

Stattdessen hat sich Lawrence Kers- ten entschlossen, dem bunten Treiben einen Dämpfer zu verpassen. Gemeinsam mit Justin und Jef Sewell gründete er 1998 in Austin, Texas, die Firma Despair, Inc. Das Unternehmen vermarktet "Demotivationsprodukte", die etwa garantieren, die "Kraft der Mittelmäßigkeit zu entfesseln" (siehe auch Foto rechts).

Im Angebot finden sich auch Poster, die für Anti-Werte wie "Arroganz" und "Unverantwortlichkeit" werben, sowie Erinnerungskarten mit der Aufschrift "Fehler: Es könnte sein, dass der Sinn deines Lebens nur darin besteht, anderen als Warnung zu dienen."

Despair, Inc. ist einerseits ein echtes Wirtschaftsunternehmen, andererseits aber auch eine beißende Satire auf jene inhaltslosen Floskeln, aus denen viele Motivationsprogramme bestehen. Kerstens erstes Buch, "The Art of Demotivation" (dt.: "Die Kunst der Demotivierung") erscheint in diesem Sommer. Zu beziehen ist es über die Homepage www.despair.com.

Warum haben Sie etwas gegen Motivation?

KERSTEN Vorsicht, Fangfrage! Ich habe nichts gegen Motivation, falls Sie tatsächliche Inspiration meinen, ein von bestimmten Werten gekennzeichnetes Bestreben, ein Ziel zu erreichen, oder gut gemeinte Anreize dazu. Aber viele Motivationsgurus reißen ihre Opfer in einem Wirbel der Selbstverherrlichung mit, bis ihnen schwindelig wird. Dann schicken sie sie in ihre Jobs zurück und sagen "Los jetzt!".

Manchmal tragen sie ihnen auf, härter zu arbeiten, manchmal, netter zu sein. Aber der Ablauf ist immer der gleiche: Sie blasen sie mit Emotionen auf und reden ihnen ein, nun seien sie für den Erfolg gerüstet. Die vor Energie nur so sprühenden Opfer geben daraufhin übertriebene Erklärungen ab, was sie alles erreichen wollen. Und dann machen sie genauso weiter wie zuvor. Der einzige Unterschied ist, dass sie jetzt glauben, sie könnten "es schaffen". Doch schon bald kratzt die Realität an ihrem Selbstbewusstsein. Und selbstverständlich gibt es dann genügend Bücher und Kassetten, die sie kaufen können, um dieses "magische Gefühl" des Motiviertseins wiederzuerlangen. Zumindest bis zum nächsten Seminar.

Aber tausende Menschen schwören, Bewegungen wie "Fish!", die auf einige der Philosophien zurückgreifen, über die sich Despair, Inc. lustig macht, hätten sie tatsächlich auf einzigartige Weise energetisiert.

KERSTEN Ebenso sind tausende von Menschen begeistert von Hometrainern und Diätprogrammen, die sie über einen Werbesender gekauft haben. Gleichwohl sind mittlerweile Personenwaagen auf dem Markt, deren Anzeige bis 1000 Pfund geht.

Eine der Hauptideen von "Fish!" ist ein in der Motivationsindustrie ewig wiederkehrender Lieblingsgedanke, nämlich dass man in der Lage ist, seine Einstellung den Dingen gegenüber selbst zu wählen. Nach dem Motto: "Du kannst dich entscheiden, positiv zu denken, egal, unter welchen Umständen - wenn du nur willst." Das war schon immer ein Renner in der Motivationsindustrie. Der Gedanke stammt aus Viktor Frankls Buch "Man's Search for Meaning" (dt.: "Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn"). Darin beschreibt der Autor seine Erfahrungen als Gefangener eines Konzentrationslagers im Zweiten Weltkrieg.

Für jemanden, der sich in einem Zustand der absoluten Unterdrückung wiederfindet, ist es logisch zu versuchen, das Beste daraus zu machen. Allein, um bei Verstand zu bleiben. Viele Menschen wähnen sich in ähnlichen Situationen: Sie stecken in Jobs fest, die sie nicht mögen. Sie sehen sich machtlos, irgendetwas an ihrer Lage zu ändern. Der Gedanke, sie könnten selbst entscheiden, positiv zu denken, und dass ihre Firma daran interessiert sein könnte, dass sie bei der Arbeit Spaß haben, gibt ihnen Hoffnung.

Andere hingegen möchten ihre Situation lieber verbessern. Wer sich den ganzen Tag mit nörgelnden Kunden herumschlägt, hat vielleicht irgendwann die Nase voll davon. Für diese Leute ist die "Fish!"-Philosophie vielleicht nichts anderes als ein stilles Übereinkommen, den Sündenbock für die schlechten Leistungen der Firma zu spielen. Ich würde von jenen Menschen entweder erwarten, dass sie auf ihre Firma Druck ausüben, verlässlichere Produkte herzustellen, oder sich einen neuen Job suchen.

Aber unsere innere Einstellung wird doch von unserer Umgebung beeinflusst? Warum werden meine Perspektiven dann nicht automatisch besser, wenn ich mich positiven Botschaften aussetze?

KERSTEN Wenn sich einzelne Menschen freiwillig mit Motivationsartikeln umgeben, die sie inspirierend finden, könnte sich das unter Umständen ein wenig positiv auswirken. Sie erinnern sie an Werte oder Prinzipien, die für sie wichtig sind. Aber wenn ein Unternehmen seine Mitarbeiter mit "inspirierenden" Sinnsprüchen und Idealen überschüttet, schwingt die Erwartung mit, auch dementsprechend zu handeln.

Die Mitarbeiter erwarten ihrerseits natürlich, dass sich die Führungskräfte ebenfalls an die Vorgaben halten. Doch weil viele Manager dies nicht tun, werden die Mitarbeiter womöglich zynisch und kritisch. Das wissen wir von Kunden, die unsere Produkte als eine Art sanfte Rebellion gegen diese institutionelle Heuchelei benutzen. Und wo Motivationsprodukte nicht zu Zynismus führen, entsteht zumindest häufig Gleichgültigkeit. Was auch nicht besser ist.

Was halten Sie von der so genannten Positiven Psychologie?

KERSTEN Der Gedanke, die positiven Bereiche des menschlichen Lebens zu studieren, gefällt mir im Prinzip gut. Das Konzept des völligen Aufgehens in einer Tätigkeit, der "Flow", wie es der Psychologe und Glücksforscher Mihaly Csikszentmihalyi nennt, hat mich schon immer interessiert. Seit Jahrzehnten produzieren Wissenschaftler bergeweise Material zu Themen wie Zufriedenheit am Arbeitsplatz, warum Angestellte krankfeiern, Motivation, optimale Teambildung, Zielsetzung und Organisationsstrukturen. Auf die eine oder andere Art und Weise stecken da überall die Glaubenssätze der Positiven Psychologie schon drin. So neu ist das Ganze also gar nicht.

Aber ich habe noch immer so meine Bedenken. In der Anwendung wird die Positive Psychologie manchmal auf die sehr einfachen Grundprinzipien des positiven Denkens reduziert. Das geht dann im Grunde in die gleiche Richtung wie bei jenen Leuten, die immer dazu aufrufen, endlich die vielen ungenutzten menschlichen Potenziale auszuschöpfen - in neuer Verpackung, mit aktualisierten, pseudowissenschaftlichen Argumenten. Diese Interpretation ist nicht im Sinne Martin Seligmans (Professor der University of Pennsylvania in Pittsburgh und Hauptvertreter der Positiven Psychologie), ich weiß, aber manche Leute wenden seine Theorie nun mal so an.

Dann gibt es außerdem eine begriffliche Lücke zwischen den hedonistischen Konzepten, auf denen einerseits ein großer Teil des Denkens in der Positiven Psychologie beruht, und andererseits dem Streben nach Weisheit und Reife. Letzteres verlangt, dass man sich selbst zurücknimmt. Positive Psychologie kann nur dann so funktionieren, wie Seligman und andere sich das wünschen, wenn man sich vom Gedanken des "hedonistischen Kalküls im Alltag" verabschiedet.

Und schließlich besteht die positive Psychologie zu einem großen Teil aus Anmaßung. Verfechter dieser Theorie sind der Meinung, sie könnten Religion und Philosophie einfach ersetzen, indem sie auf der Grundlage der experimentellen Psychologie die Regeln für ein "gutes Leben" entwerfen. Aber dieses Denken schießt weit über das Ziel hinaus. Das menschliche Streben und Hoffen ist von Natur aus viel zu individuell, und wir verfügen gar nicht über die wissenschaftlichen Methoden, um Begriffen wie "Weisheit" und "Sinn" gerecht zu werden. Ich denke, die Bewegung sollte ihre Ziele etwas niedriger ansetzen.

Aufgabe der Satire ist es, Probleme zu lösen, indem sie darauf aufmerksam macht. Genau wie Dilbert und einige Filme und Fernsehsendungen zeichnet Despair, Inc. jedoch ein sehr trostloses Bild davon, wie es Angestellten an ihrem Arbeitsplatz ergeht. Helfen Sie trotzdem, Dinge zu verbessern?

KERSTEN Ich denke schon. Manche Menschen lernen tatsächlich durch Satire und ergreifen die Initiative, um an ihrer Situation etwas zu ändern. Eine Verkaufsmanagerin von IBM sagte uns, sie habe unseren "Apathie-Demotivator" motivierend gefunden. Das ist ein Bild eines mit Spinnenweben überzogenen Telefons. Darunter steht der Satz "Apathie - wenn wir uns nicht um unsere Kunden kümmern, hören sie vielleicht auf, uns auf die Nerven zu gehen." Immer, wenn Forderungen und Beschwerden seitens der Kunden sie frustrieren, erinnert sie diese Botschaft daran, dass es besser ist, schwierige Kunden zu haben als gar keine.

Sie sagten, einige Menschen hielten Ihre Produkte sogar für gefährlich. Was, glauben Sie, ist der Grund dafür?

KERSTEN Ich denke, viele dieser Menschen sind insgeheim Zyniker, die versuchen, sich einen kleinen, zerbrechlichen Anschein von Optimismus zu bewahren. Und die finden unsere Waren bedrohlich. Zu einer anderen Gruppe gehören wahrscheinlich Unternehmensberater und Personaltrainer, die genau diese Leute hinsichtlich ihres Zynismus "behandeln" und Angst haben, ihre Klienten könnten wegen unserer Produkte vom "Optimismuszug" abspringen. Wieder andere teilen einfach nicht unsere Art von Humor.

Wie motivieren Sie Ihre eigenen Mitarbeiter bei Despair, Inc.?

KERSTEN Ähem, kein Kommentar. Sagen wir mal so: Es geht in Richtung absoluter Unterdrückung. n

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Mit LAWRENCE KERSTEN sprach Leigh Buchanan, Redakteur der "Harvard Business Review".

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© 2004 Harvard Business School Publishing

Nachdruck-Nr. 200406012

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