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Essay Das Ende der Gurus - vorläufig

MOTIVATIONSTRAINER : Selbst ernannte Motivierungsspezialisten wie Jürgen Höller sind nicht mehr angesagt. Statt um esoterische Erfolgslehren geht es jetzt um rationale Strategien für die betriebliche und persönliche Weiterbildung.
Von Walter Simon
aus Harvard Business manager 4/2003

Deutschlands Berufsmotivatoren müssen sich nun selbst motivieren. Das Interesse an ihren Hypno- und Suggestionsrezepten schwindet. Die Verhaftung des "Nationalmotivators" Jürgen Höller und die Pleite des "Moneymakers" Bodo Schäfer nahmen auch Erfolgspropheten von Emile Ratelband über Ulrich Strunz und Jörg Löhr bis hin zu Nikolaus Enkelmann und Anthony Robbins die Glaubwürdigkeit. Die erfolglos Erfolg Suchenden sind enttäuscht und demotiviert. Die Motivations-Anabolika der Illusionsverbreiter, ein Gemisch aus Esoterik, positivem Denken, vermeintlicher Erfolgslehre und Motivationsclownerie mit viel Gebrülle, Gehopse und sich selbst applaudierendem Geklatsche hat sich zu guter Letzt als unwirksam erwiesen.

Jetzt geht es darum, nüchtern die Themen Motivation und Erfolg zu betrachten. Ziel der Verantwortlichen in der betrieblichen Weiterbildung muss es nun sein, realistische Strategien für die Mitarbeiter im Unternehmen zu entwickeln - diesseits aller überdrehten Versprechen der Motivationsgurus.

Wer die Bücher der Multifunktions-, Motivations-, Persönlichkeits- und Erfolgstrainer liest oder deren Erfolgsshows besucht, erkennt: Sie alle schöpfen aus dem gleichen Quell. Sie bewegen sich im Fahrwasser der Verheißungen und Versprechungen, der Vereinfachungen und Übertreibungen. Esoterik und positives Denken bilden dabei den geistigen Überbau. Sie sollen motivieren, die Persönlichkeit weiterentwickeln und so den Erfolg auslösen. Das Ganze wird dann noch mit einer Prise Vision und Ziele gewürzt und mit etwas Wahrnehmungspsychologie angereichert, um das Schlechte als Gutes wahrzunehmen.

Esoterisches Evangelium

Deutschlands Motivationstrainer sind wichtige Repräsentanten der esoterischen Subkultur. Als Vorkämpfer des Wassermann-Zeitalters übertrugen sie den Esoterik-Bazillus auf ihre Jünger und Gläubigen im Management. Salbungsvoll gaben sie ihr Geheimwissen aus ihrem Hokuspokus-Bauchladen preis und animierten zum Trip nach innen.

Massengesellschaft, Globalisierung und ein kühler Hightech-Alltag, der Zwang zum Mithalten in der Turbogesellschaft und die Informationsüberflutung, all das hat die Fluchtbewegung nach innen ausgelöst. Geschäftemacher bieten Esoterik als Fahrplan für den Seelentrip, aber auch als Gebrauchsanleitung für Selbstmotivation und Berufserfolg an. Die Heilslehren dienen zugleich als Sofortlöser für die Alltagsprobleme der methodisch Obdachlosen und Leichtgläubigen.

Mancher Manager mag Verständnis für das übersinnliche Sehnen haben, aber professionelle Personalentwickler sollten ihre Seminarteilnehmer auf das Diesseitige, das Konkrete und Veränderbare hin orientieren. Betriebliche Weiterbildung muss arbeitsmethodisches, fachliches oder kommunikatives Know-how vermitteln, nicht aber das Erspüren von obskuren Vibrationen und Schwingungen. Mitarbeiter müssen für das Informations- und Hightech-Zeitalter, für Veränderungen und Innovationen sensibilisiert und mobilisiert werden.

Wenn die betriebliche Weiterbildung Menschen spirituell helfen will, dann sollte sie allen transzendentalen Plattheiten Einhalt gebieten und den Mitarbeitern zeigen: Das kosmisch Übersinnliche und Jenseitige bringt ihnen nichts. Der spiritistischen Illusionskultur des vergangenen Jahrzehnts ist jetzt eine Kultur des vernunftbasierten Denkens entgegenzustellen.

Tschakkaa, du schaffst es!

Die meisten der Show-Motivatoren stehen in der Tradition der Think-positive-Bewegung, die ihre Heilsbotschaften nun schon seit 130 Jahren verbreitet. Sie propagieren einen stark vereinfachenden Psycholiberalismus: Ich denke positiv, also bin ich erfolgreich.

Positiv zu denken ist grundsätzlich vernünftig. Aber solch eine Geisteshaltung muss von realistischen Zielen ausgehen. Verheißungen etwa der Art "Alles ist machbar" drohen, das Bewusstsein zu trüben. Die Empfehlung des inhaftierten Jürgen Höller, schlechte Informationen einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, verstärkt diese Gefahr noch. Denn negative Informationen, so Höller, beeinträchtigten das Wohlbefinden. "Sorge dich nicht, lebe." Dale Carnegie, der wohl erste amerikanische Motivationstrainer (gestorben 1955), lässt grüßen: Wer aber das Leid und Elend dieser Welt ignoriert oder positiv uminterpretiert, entlarvt sich als Feind von Menschlichkeit und Fortschritt. Zu dieser Sorte von Menschen gehören unsere Motivations-Positivpropagandisten. Wer zudem noch, wie Höller, behauptet, jeder Misserfolg eines Menschen sei verdient, ist ein Zyniker. Sein eigenes Scheitern zeigt: Es ist eben nicht alles möglich.

Motivation statt Manipulation

Unsere Star-Motivatoren - oder sollten wir besser von Motipulatoren sprechen? - sollten sich schleunigst in die Motivationstheorie einlesen, um endlich zu begreifen, dass Motivation etwas mit Feedback, Anerkennung, Bedürfnissen, helfendem Dialog, persönlichen Fähigkeiten, Wertschätzung, sozialer Verstärkung, mit einem klaren Wertesystem und gegebenenfalls einer helfenden Hand zu tun hat.

Das Problem unserer Wirtschaft ist nicht die Motivation von Mitarbeitern, sondern deren ständige Demotivation durch Vorgesetzte. Der Ursprung jeder Form der Motivation von außen beruht auf dem misstrauischen Glauben, die Mitarbeiter hielten einen Teil ihrer Leistungskraft zurück. Diesen wichtigen Hinweis von Reinhard Sprenger in seinem Buch "Mythos Motivation" unterschlagen unsere Motivationspropagandisten. Nach kräftiger Demotivation durch ihre Vorgesetzten werden Mit-arbeiter zwecks Schnellmotiva-

tion in den Motivations-Durchlauferhitzer eines Höller oder Ratelband geschickt. Der Kreislauf von Demotivation,

Motivation und Demotivation beginnt wieder von vorn. Sprenger sagt: "Die Motivierung ist also die Krankheit, für deren Heilung sie sich hält."

Die häufig gestellte Frage, was einen guten Motivationstrainer von einem schlechten unterscheidet, geht an der Sache vorbei. Motivationstraining ist per se fragwürdig, denn Motivation ist eine Führungsaufgabe. Sie ist nicht an einen Motivationsdompteur delegierbar. Der beste Weg, seine Mitarbeiter zu motivieren, besteht darin, sie nicht ständig zu demotivieren.

Bekannte und unbekannte Motivationstrainer jedweder Provenienz sehen die entscheidenden Erfolgsfaktoren in der menschlichen Psyche. Bei ihrer Fixierung auf das einzelne Individuum blenden sie die Dynamik und Komplexität des Erfolgsgeschehens aus. Vor allem die soziale Sphäre, der Beruf, die Familie und die Arbeit selbst sind die entscheidenden Motivatoren. Darum sind massensuggestive Effekte, auf die ein Höller in seinen Veranstaltungen setzte, ohne Fundierung durch eigene Erkenntnis und soziale Verstärkung wirkungslos. Leistungsträger lassen sich eben nicht im Rahmen von Massenkundgebungen im Schnellverfahren programmieren.

Persönlichkeit entwickeln

Die esoterische Fluchtbewegung nach innen verbunden mit dem brutalen Erfolgsprimat der Leistungsgesellschaft zielt darauf, im neuronalen Netzwerk der Psyche unerkannte Energiequellen zu erschließen. Unsere hydraköpfigen Mehrzweck-Motivations-Persönlichkeits-Erfolgstrainer sagen, wo im Ego zu bohren ist. Mit diesen neuen Energien, so ihre Verheißung, bekommen wir die Hilflosigkeit gegenüber den Anforderungen des Alltags in den Griff. Nicht der Erfolg ist zu suchen, sondern der Erfolg sucht sich die Persönlichkeit.

Wer Persönlichkeiten entwickeln will, der muss zunächst die Frage beantworten, was ist Persönlichkeit? Die Antwort wirft neue Fragen auf: Sollen wir den Begriff psychologisch, medizinisch oder soziologisch definieren? Je nach Zuordnung fällt die Definition anders aus. Entsprechend unterschiedlich sind die konkreten Entwicklungskonzepte.

Die exakte Beschreibung von Persönlichkeit ist wichtig: Denn was unterscheidet ein Persönlichkeitsseminar von einem Führungs-, Kommunikations-, Verkaufs- oder Kreativitätsseminar. Entwickelt ein Führungs- oder Kreativitätsseminar letztendlich nicht auch die Persönlichkeit? Es ist ehrlicher, einem Seminar ein fundiertes Thema wie Führung oder Verkauf zu geben, statt sehr diffus von einem Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung zu sprechen.

Es stellt sich überhaupt die Frage, ob es eine Persönlichkeit als solche, sozusagen als Extrakt verschiedenartiger Merkmale, gibt. Persönlichkeit hat ihr besonderes Gepräge, je nachdem, in welchem Bereich sie sich realisiert. Sie offenbart sich in den sozialen Rollen der Individuen. Wer diese professionell ausfüllt, wird feststellen: Es ist unmöglich, sich nicht zu entwickeln. Der Mensch wächst an und mit seinen Aufgaben. Darum verfügt der Vorgesetzte über die besten Möglichkeiten der Persönlichkeitsentwicklung, indem er fordert und fördert. Das bewirkt mehr als eine meditative Nabelschau.

Jedes Stück Delegation und jeder Vertrauensvorschuss ist ein wertvoller Entwicklungsimpuls. So wie das Umfeld Persönlichkeit verhindert, kann es auch helfen, diese aufzubauen. Insofern ist die Persönlichkeit kein dem Individuum innewohnendes Abstraktum, sondern das Resultat gegebener gesellschaftlicher Verhältnisse. Wer das ausblendet, neigt zum psychologischen Reduktionismus, der letztendlich alles auf biologisch-psychologische Sachverhalte zurückführt.

Lässt sich Erfolg trainieren?

Die vermeintliche Erfolgslehre der Motivationsgurus basiert auf der Vorstellung, Erfolg beruhe auf einem Ursache-Wirkungs-Schema, ähnlich wie mechanische oder chemische Naturgesetze. Erfolg ist aber mehr als der lineare Prozess von Vision, Ziel, Planung, positivem Denken und so weiter. Es ist eine Mixtur aus Zufall, Neugier, Ehrgeiz, unter Umständen auch Mangel, System und Methode, Disziplin, Empörung, Umfeld, guten Kontakten und vielem mehr. Erfolge hängen von vielen Faktoren ab, die alle zum richtigen Zeitpunkt wirken müssen, um den Durchbruch zu erzielen.

Die psychologischen Erfolgsrezepte der Illusions-AG sind ein Beispiel für den Versuch, die Komplexität von Erfolg zu reduzieren. Erfolg ist je nach Sachgebiet, Situation und Standort ein vieldimensionaler, widersprüchlicher Begriff, der sich psychologisch anders darstellt als im sozialen und ökonomischen Kontext. Er ist relativ, je nach Position des Betrachters und der Beteiligten.

Erfolg ist also nicht nur ein von Menschen empfundener Zustand, sondern zugleich ein sozial basierter Sachverhalt. Die Freude eines Fußballfans über ein Tor ist ein zutiefst intra-individuelles Ereignis, es hat aber einen sozialen Kontext, besonders bei Heimspielen. Der Kasseler Pädagogikprofessor Olaf-Axel Burow schreibt in seiner genussvoll zu lesenden Analyse über die Individualisierungsfalle: "Kompassnadeln gleich sind wir sozialen und kulturellen Energiefeldern ausgesetzt, die einen gewichtigen Einfluss darauf haben, wie wir unser Potenzial entfalten."

Im ultraindividuellen und sozialdarwinistischen Weltbild der Vereinfachungsideologen Höller, Ratelband, Löhr und Enkelmann gibt es keinen Platz für kollektive Kreativität und noch viel weniger für menschliche Grundwerte wie Solidarität, Ethik und Moral. Authentizität und Integrität bleiben für sie Fremdworte. Sie sollten in die Studie des Meinungsforschungsinstituts Gallup über die Arbeitsweise der amerikanischen Führungselite schauen und das Resümee verinnerlichen: "Integrität ist der erste Bestandteil, der notwendig ist, wenn jemand erfolgreich sein will."

The show must go on

Der Fall Höller und die Erfahrungen mit Motivations-, Persönlichkeits- oder Erfolgstraining der vergangenen fünf Jahre sollten für alle deutschsprachigen Wirtschaftstrainer ein Grund zum Nachdenken über ihre Rolle und Berufsethik sein. Das ist notwendig, sonst degenerieren sie sich immer mehr zu Hofnarren der Wirtschaft. Die Tatsache, dass außer dem Q-Pool 100, einem Zusammenschluss von Wirtschaftstrainern und -beratern, bisher kein bekannter Wirtschaftstrainer den Illusionsgurus widersprochen hat, zeigt das intellektuelle Dilemma der Zunft und das Fehlen eines theoretischen und ethischen Bezugsrahmens dieser Berufsgruppe.

Das ist aber schon oft gesagt und beklagt worden. Die Theaterpause der Erfolgsshows ist nur vorübergehend. Wirtschaftskrise, Zukunftsangst und Arbeitslosigkeit schüren auch weiterhin den Wunsch nach individuellen Lösungen in Form von Motivationspillen und Erfolgsrezepten. Für die Nachfrage und den Nachschub nach weiteren Angeboten oder Verpackungen ist gesorgt. Neue Showtrainer in Europa und Amerika hocken in den Startlöchern und warten auf ihren Einsatz. The show must go on. n

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SERVICE

LITERATUR

Burow, Olaf-Axel: Die Individualisierungsfalle: Kreativität gibt es nur im Plural, Klett-Cotta, Stuttgart 1999. Sprenger, Reinhard K.: Mythos Motivation. Wege aus einer Sackgasse, Campus, Frankfurt 2002.

Simon, Walter: Managementkonzepte von A bis Z, Gabal, Offenbach 2002.

Berth, Rolf (Hrsg.): Top in Training und Beratung? Konzepte deutscher Spitzentrainer, Reinhardt, München 2002.

INTERNET

www.ipw-btu.com - Homepage des Autors.

www.q-pool-100.de - Homepage des Q-Pool 100, eines Zusammenschlusses internationaler Wirtschaftstrainer und -berater.

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WALTER SIMON

ist Leiter der Business Training University, Bad Nauheim, sowie Vorstandsmitglied des Q-Pool 100 - Die Offizielle Qualitätsgemeinschaft internationaler Wirtschaftstrainer und -berater e.V.

© 2003 Harvard Businessmanager

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