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Unternehmensverfassung Corporate Governance außer Kontrolle

Die Regelungswut wird langfristig mehr schaden als nutzen.
aus Harvard Business manager 3/2005

Jahrzehntelang reichten Kaufmannsehre in Verbindung mit den Aktiengesetzen und gängigen Anstellungsverträgen, damit Vorstände im Interesse ihrer Firmen und deren Eigentümern handelten. Seit einiger Zeit genügt das offenbar nicht mehr. Ständig fordern "selbstlose" Experten neue Corporate-Governance(CG)-Regeln, um Manager zu effizienter Unternehmensführung zu zwingen.

Woher der Sinneswandel? Mitte der 70er Jahre - einer Dekade mit ausufernden Managergehältern, historisch tiefen Renditen und vielen Börsenskandalen - entdeckten Vordenker der Ökonomie vor dem Hintergrund ihres pessimistischen Menschenbildes eine Konspiration: Kapitalgeber - insbesondere Kleinaktionäre - börsennotierter Unternehmen würden von deren Managern seit Jahrzehnten skrupellos ausgebeutet.

Die CG-Diskussion wird von dieser Grundannahme dominiert. Die neoliberale Argumentation und die angloamerikanisch geprägte Sichtweise werden zur alleinigen Doktrin der Unternehmensführung, jede alternative Meinung diskreditiert. Studenten der Wirtschaftswissenschaften bekommen bereits beigebracht: Manager sind weder fähig noch willens, das ihnen überlassene Kapital optimal zu investieren. Sie vergeuden und stehlen es, werden sie nicht kontrolliert und wird ihr Verhalten nicht durch monetäre Anreize gesteuert. Die Konsequenzen sind:

Misstrauen und Regulierungsmanie. Mit dem vordergründigen Ziel des Aktionärsschutzes werden ständig neue Gesetze, Kodices und Vorschriften erlassen. Existierende Überwachungsinstitutionen (Wirtschaftsprüfer, Aufsichtsrat) werden von neuen Über-Überwachungsorganen kontrolliert. In Europa wetteifern nationale Regierungen und EU-Behörden um den Preis für die detailliertesten und härtesten Vorschriften.

Am Beispiel der USA kann man sehen, wie gleichermaßen aufwändig und ineffizient die Regelwerke sein können. Enron & Co. beweisen nicht die Richtigkeit der auf ökonomischer Theorie gründenden Maßnahmen, sondern deren Fehlerhaftigkeit. Bezeichnenderweise sind die meisten deutschen Worldcoms wie EMTV im als am fortschrittlichsten gefeierten 'Neuen Markt' aufgetreten. Statt es hier zu Lande besser zu machen, wird die angloamerikanische Vorliebe für Überwachung und Kontrolle, die empirischen Befunden nach drei- bis viermal so hoch ist wie beispielsweise in Deutschland oder Schweden, unreflektiert imitiert. Wer trägt die - verborgenen - Kosten? An erster Stelle die Firmen und deren Eigentümer.

Fehlgeleitete Anreize. Ökonomischer Logik folgend, strengen sich Menschen - also auch Manager - nur an, wenn sie durch Geld dazu motiviert

werden. Diese Fehleinschätzung des Taylorismus feiert in der neuen CG-Lehre fröhliche Urständ. Die marktwertorientierten Vergütungssysteme, die die Ausbeutung der Aktionäre verhindern sollten, hat sie in Form von bis zu neunstelligen Jahresgehältern erst richtig möglich gemacht. Trotz leistungsorientierter, zielkompatibler Vergütung haben sich beispielsweise 500 Enron-Manager kurz vor der Pleite noch eifrig selbst bedient. Nun geht die Klage wider die gierigen Manager, wird Neid geschürt, Kontrolle und Einkommensdeckelung verlangt.

Besserwisserei und Haftungsansprüche. Da Manager das ihnen zur Verfügung gestellte Kapital suboptimal einsetzen, müsse man eingreifen. Doch wer wüsste ex ante eine bessere, gar die optimale Verwendung? Wissen die Analysten oder der 'Markt' mehr als die Unternehmensführung? Wohl kaum, sonst könnten sie ja nicht von den Managern hintergangen werden. Mit der Objektivität des Marktes ist es auch nicht so weit her. Mit dem Argument, "Das hätte das Management aber wissen müssen", lässt sich nun jedoch aussichtsreich klagen. Dagegen kann sich das Management versichern, die explodierenden Prämien tragen aber letztlich wieder die Aktionäre.

Warum soll Einblick in erfolgswirksame Unternehmensdetails und Zukunftsstrategien nicht für alle Beteiligten von Nutzen sein? Eine objektive Beurteilung zeigt: Es profitieren vor allem institutionelle Investoren mit überlegener Information, die ihr Kapital rund um die Uhr umschichten können. Die Firmen werden dagegen gezwungen, ihre Wettbewerbsvorteile zu offenbaren. So kann die Bekanntgabe einer Wachstumsstrategie mittels Zukäufen Konkurrenten und Spekulanten anlocken, die den Kaufpreis in die Höhe treiben.

Roadshows, Grillpartys, permanente Berichterstattung und leichtere Klagen werden weder zur Aktionärsdemokratie führen, noch sind sie Garant für eine erfolgreiche Unternehmensführung - im Gegenteil. Vorstände und Aufsichtsräte widmen unter diesen Bedingungen der Außendarstellung zu viel kostbare Zeit. Sie wählen die Strategie, die sich gegenüber den mächtigen Anteilseignern am einfachsten rechtfertigen lässt. Symptome dafür: Modekonzepte, Massenentlassungen, Mergers & Acquisitions, alles, was die Börse honoriert - und nebenbei auch die eigene Tasche füllt.

Spielverderber werden ausgebootet. Eine zugegebenermaßen zugespitzte ökonomische Argumentation besagt: Um Deutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen, muss es für internationale Kapitalanleger attraktiv sein. Um sie in einer globalisierten Welt anzulocken, müsse man etwa Arbeitnehmervertreter entrechten, Aufsichtsräte anders besetzen und freizügige Übernahmegesetze schaffen.

Leuchtet diese Logik nicht ein? Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger für Wirtschaft, ist zunehmend skeptisch. Er sieht beispielsweise im Verkauf von Banken an ausländische Besitzer einen Grund für die argentinische Krise. Er fordert eindringlich eine steuernde Rolle des Staates beim Management der Globalisierung.

Offensichtlich sind die Interessenlagen und Lösungen doch nicht so simpel. Die neoliberale Therapie nützt den Ärzten mehr als den Patienten und hat oft verschwiegene Nebenwirkungen:

Selbsterfüllende Prophezeiungen. Sind alle Manager skrupellose, selbstherrliche Opportunisten? Sicher nicht. Doch werden die schwarzen Schafe zum Maßstab genommen. Die CG-Logik verstärkt den Eindruck, dass Manager Heuchler, Ausbeuter und Betrüger sind. Gleichzeitig wird Glauben gemacht und an Business Schools gelehrt, dass man mit Eigennutz am weitesten kommt. Wen wundert es da, wenn das findige Ausnützen von Kontrolllücken und schließlich der angerichtete Schaden zunimmt?

Machtspiele. Während die Abschaffung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb mit der Mündigkeit des Käufers begründet wurde, muss der Anleger anscheinend immer besser geschützt werden. Sind die Aktionäre wirklich so unmündig und machtlos? Was unterscheidet die Versprechen der Autoverkäufer von denen der Finanzberater? Auf risikofreie Gewinne zu vertrauen ist dumm oder fahrlässig. Der Ruf nach Vater Staat, wenn man sich die Finger verbrannt hat, ist heuchlerisch.

Eine CG, die von einem Primat des Kapitals ausgeht, ist ebenso durchsichtig wie kurzsichtig. Erschreckend ist der unbeirrbare Glaube an die eindeutige Bestimmbarkeit menschlichen Verhaltens, unternehmerischer Entscheidungen und die Effizienz bürokratischer Regulierungen, der im Gegensatz zu vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen steht. Ob Wirtschaftssysteme so wettbewerbsfähiger werden oder sich ins Abseits manövrieren, bleibt abzuwarten. Noch ist nicht bewiesen, dass Unternehmen, die sich einer solchen CG unterwerfen, langfristig erfolgreicher sind. n

Michael Nippa
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