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Rezensent ist Dr. Helmut Kasper, Assistent am Institut für Wirtschafts- und Verwaltungsführung sowie Wirtschaftspädagogik an der Wirtschaftuniversität Wien; Helmut Kasper arbeitet in Forschung und Lehre auf den Gebieten: Wissenschaftstheorie, Struktur- und Leistungsinnovation in Organisationen, kollektive Entscheidungsprozesse, Lern- und Lehrevaluation und Organisationsentwicklung.
aus Harvard Business manager 3/1983

Führungslehre.
Von Dr. Rolf Wunderer, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalwesen und Unternehmensführung, an der Universität Essen, und Dr. Wolfgang Grunwald, wissenschaftlicher Assistent am Institut für Unternehmensführung, Fachrichtung Unternehmenspolitik, an der Freien Universität Berlin. Walter de Gruyter Verlag, Berlin/New York, 1980, 526 Seiten, DM 98,-; öS. ca. 745,-; sfr. 82,75.

Vorbemerkung: Dem wissenschaftlich interessierten Praktiker, der sein Alltagshandeln in Organisationen beziehungsweise ganz spezifisch sein Verhalten gegenüber Untergebenen, Kollegen und Vorgesetzten kritisch refliktieren will, bieten sich pseudowissenschaftliche Fachliteratur und anerkannte, seriöse wissenschaftliche Literatur ebenso an wie Wirtschaftsuniversitätslehrgänge, einschlägige Kurse, Seminare und, was es sonst noch an Weiterbildungsveranstaltungen gibt. Mitunter drängen sich dabei Erklärungen auf, die nicht in Einklang zu bringen sind mit dem, was früher in Hörsälen gelernt und/oder an beruflicher Erfahrung gesammelt wurde. Angesichts der Fülle von Informationen geht es nicht allein darum, das Allerneueste zu erfahren, sondern es auch einreihen zu können. Der Praktiker will zumeist mit den Aussagen und Behauptungen, die - jede für sich - zunächst sehr plausibel klingen, nicht allein gelassen werden. Das, was er im Grunde genommen sucht, ist eine Art "Führung durch die Führungsliteratur", die verschiedene Erklärungsansätze miteinander verknüpft oder sie ausschließt und bewertet. Genau das, eine enzyklopädisch aufbereitete Bewertung von Führungslehre, bieten Wunderer und Grunwald mit ihrem zweibändigen Werk, das nach eigener Vorgabe "alle relevanten theoretischen wie empirischen Forschungsergebnisse der betriebswirtschaftlichen, der sozialpsychologischen und teilweise betriebssoziologischen Literatur" (Seite V) zusammenfassen soll. Dabei konzentriert sich der Band I auf "Grundlagen der Führung", während der in der nächsten Ausgabe von HARVARDmanager zu besprechende Band II die "kooperative Führung" behandelt. Inhalt: Das Kompendium, das vornehmlich Wissenschaftler, Studenten, wissenschaftlich interessierte Praktiker und - aus welchen Gründen auch immer - ausdrücklich den öffentlichen Dienst (Seite VII) ansprechen will, umfaßt im ersten Band neun Kapitel. Einleitend (Kapitel A) registrieren die Autoren die Ablösung tendenziell autoritär strukturierter bürokratischer Führungsformen durch kooperative Ansätze. Sie begreifen kooperative Führung als Teilaspekt der Humanisierung des Arbeitslebens, als eine "erfolgreiche Führungsform bei nüchterner Einschätzung ihrer Möglichkeiten und Grenzen" (Seite 9). Gleich zu Beginn werden auch die vier Analyseebenen Individuum, Gruppe, Organisation und sozio-kultureller Kontext skizziert. Die wissenschaftstheoretische Grundhaltung der Autoren ist Inhalt des Kapitels B. Man bekennt sich insofern zum Kritischen Rationalismus, als man von der Perspektivität, Selektivität und von der Vorläufigkeit aller wissenschaftlichen Erkenntnis ausgeht und jeglichem Dogmatismus, etwa in Form eines absoluten Wahrheitsanspruchs, eine deutliche Abfuhr erteilt. Im Gegensatz zu den kritischen Rationalisten verweisen die Verfasser aber eine "wertneutrale Wissenschaft" ins Reich der Utopie und bekennen, daß auch bei ihrem Vorhaben "erkenntnisleitende" Interessen eine Rolle spielen, die daher auch zu deklarieren sind. Das Buch will zwar alle in den Sozialwissenschaften bevorzugten Paradigmata widerspiegeln, bekennt sich dann aber doch eher zur "naturalistischen Sichtweise", also zum allgemein-geschichtsübergreifenden positivistischen Denken, zu Naturgesetzen, zur Wertfreiheit. Angekündigt wird auch eine "gewisse konservative Grundhaltung" (Seite 18). Nach einer sorgfältigen Begriffsdefinition und -abgrenzung von Führung gegenüber ähnlichen und verwandten Begriffen im Kapitel C folgt im Kapitel D die Darstellung von Menschenbildern, von idealtypisch formulierten Konzeptionen, die Einfluß auf Führungstheorien üben. Geboten wird ein geschichtlicher Überblick, dessen Zeithorizont von 520 vor Christi Geburt bis in die Gegenwart reicht. Dargestellt werden Menschenbildkonzepte des "ökonomischen", "sozialen", "nach Selbstverwirklichung strebenden" und des "komplexen" Menschen - und dies jedesmal einigermaßen umfassend. Eine Reihe von Führungstheorien (Eigenschafts-, Rollen-, Situations-, Motivations-, Verhaltens- und Interaktionstheorien) sind das Thema im Kapitel E. Zur Sprache kommen auch psychoanalytische Beiträge. Ergänzt werden die Ausführungen durch eine wissenschaftstheoretische Bewertung der zuvor in ihren Grundzügen beschriebenen Führungstheorien, wobei der den wissenschaftstheoretischen Gütekriterien am ehesten entsprechenden Interaktionstheorie Präferenz eingeräumt wird. Im selben Atemzug werden alle anderen Theorien im komplementären Verhältnis zu ihr positioniert, weshalb auch sie in die späteren Überlegungen noch einfließen sollten. Daran anschließend befassen sich Wunderer und Grunwald mit Motivationstheorien, deren genaue Beschreibung Kapitel F in Anspruch nimmt. Besonders starke Beachtung finden die Bedürfnishierarchien von Maslow und Alderfer sowie die Zwei- Faktoren-Theorie von Herzberg. Berücksichtigt sind auch neuere, kognitive Motivationsansätze beziehungsweise Theorien der Leistungsmotivation. Auf Führungsstile konzentriert sich Kapitel G. Als Führungsstil gilt "zeitlich überdauerndes und in bestimmten Situationen relativ konsistentes Führungsverhalten eines Vorgesetzten gegenüber Mitarbeitern" (Seite 219). Nach den klassischen Führungsstilen von Lewin (autokratischer, demokratischer und Laissez-faire-Führungsstil) präsentieren die Autoren verschieden dimensionierte idealtypische Führungsstiltheorien, zum Beispiel das zweidimensionale Modell von Blake und Mouton und den vieldimensionalen Ansatz von Lattmann. Es fehlen auch nicht die Ohio- und Michigan-Gruppe, Fiedlers Kontingenzmodell und das Modell von Shapira. Das Resümee: Führungsklassifikationen genügen nicht den Ansprüchen eines wissenschaftlich fundierten Konzepts, erfüllen als vorläufige Beschreibungskategorien aber immerhin Ordnungs- und Orientierungsfunktion. Managementkonzeptionen, inklusive komprimiertem historischen Werdegang, füllen Kapitel H. Anspruch und Wirklichkeit solcher Konzepte werden geprüft. Das Harzburger Modell ("Management by Delegation") wird beispielsweise als bürokratisches Delegationskonzept identifiziert, auch MbO (Führung durch Zielvereinbarung) muß sich den Vorwurf gefallen lassen, kein integratives und in sich widerspruchsfreies Führungsmodell zu sein. Das den ersten Band abschließende Kapitel I setzt sich mit Organisationsstrukturen auseinander und ist mit 128 Seiten am umfangreichsten ausgefallen. Das klassische Bürokratiemodell von Weber wird an erster Stelle behandelt, diskutiert wird außerdem das Aston-Konzept, mit ihm eng verflochten auch die Rollentheorie. Darüber hinaus kommen Umweltbeziehungen, politisch-gesellschaftliche und organisationsbezogene Normen sowie Organisationsprinzipien zur Sprache. Kritische Würdigung: Zweifellos liegt hier ein Nachschlagewerk vor, das für sich zu Recht in Anspruch nehmen kann, alles Wissenswerte über die Führungsthematik zu subsummieren. Das Kompendium bietet einen bemerkenswert dichten Überblick über den komplexen Themenbereich und ist in seiner Art wohl auch einmalig. Neu an dieser Enzyklopädie ist insbesondere der Umstand, daß hier auch eine Bewertung der angeführten Wissenstatbestände vorgenommen wird, die dem Leser eine Orientierungshilfe anbietet. Viel Verständnis bringt das Buch all jenen entgegen, die an einer problemorientierten selektiven Lektüre interessiert sind: Die dem Buch vorgeschaltete Lesehilfe, das ausführliche Stichwortund Autorenregister erlauben einen gezielten Zugriff zur jeweils gewünschten Spezialthematik. Ebenso hilfreich ist die jeweils zu Kapitalbeginn stehende Zusammenfassung. Grundsätzlich gutzuheißen ist auch die äußerst umfassende wissenschaftstheoretische Darstellung, die den Rahmen einer Absicherung bei weitem sprengt. Trotz des ausdrücklichen Bekenntnisses zum Kritischen Rationalismus bleiben eine Reihe von Fragen offen beziehungsweise einander widersprechend. Denn in einem wichtigen Punkt - in der Frage der Wertfreiheit - sprechen sich die Autoren dezidiert für eine wertbezogene Betrachtungsweise aus, ja bekennen sich sogar zu subjektiven Werturteilen, die auch - siehe "Bewertungen" in vielen Kapiteln - durchgezogen werden. Nicht genug damit, daß sie auf diese Weise einem der wichtigsten Auffassungen des von Werturteilsfreiheit ausgehenden Kritischen Rationalismus völlig widersprechen, gehen Wunderer und Grunwald weit über den von den kritischen Rationalisten gesteckten Rahmen hinaus, indem sie zumindest verbal auch auf die gesellschaftstheoretische Ebene zurückgreifen. Dieser Betrachtungsaspekt kommt zwar nicht im Rahmen der wissenschaftstheoretischen Ausführungen zur Sprache, wohl aber im vorangehenden Kapitel. Dort engen die Autoren nämlich das über kooperative Führung Gesagte auf westeuropäische Industriestaaten ein und grenzen es von kooperativer Führung in osteuropäischen Staaten deutlich ab. Diese Abgrenzung wird damit begründet, daß dort "andersartige gesellschaftliche Rahmenbedingungen" (Seite 8) herrschen, die einer gesonderten Analyse bedürfen. Ganz so deutlich fällt die Abgrenzung gegenüber etwa amerikanischen Untersuchungen nicht aus; dennoch wird auch hier vor einer uneingeschränkten Übernahme auf europäische Verhältnisse gewarnt. Mit diesem Hinweis auf gesellschaftstheoretische Hintergründe nähern sich die Autoren schon sehr stark der kritischen Theorie. Da sie sich in der Folge aber dann eigentlich immer sehr eng am Kritischen Rationalismus orientieren - bis auf die immer wieder vorgenommenen "Bewertungen" - , lassen sie die gesellschaftstheoretische Ebene völlig außer acht. Eine solche Vorgehensweise scheint mir nicht gerade konsequent zu sein. Man kann sich daher des Eindrucks nicht erwehren, daß die Autoren wider besseren Wissens dem dominierenden Paradigma, dem Kritischen Rationalismus, Beachtung zollen wollten und es nur in einem einzigen Punkt - bei den "Bewertungen" - zu durchlöchern wagten. Was die wissenschaftstheoretischen Ausführungen selbst anlangt, werden zwar alle relevanten Begriffe angeführt und erklärt, es muß aber bezweifelt werden, ob ein wissenschaftstheoretisch unbedarfter Leser dadurch in die Lage versetzt wird, wichtige Zusammenhänge zu erkennen. Trotz des Umfangs der Dokumentationsarbeit fehlen wesentliche neue Erkenntnisse zum Bereich der Macht- und Autoritätsproblematik, zur beruflichen Sozialisation und zum Herrschaftsaspekt der Führung. Ebenso vermißt man eine Wiedergabe der organisationsorientierten Arbeiten von französischen Forschern und Ausführungen über das "Führenlernen in Managementseminaren". Positiv hervorzuheben ist der Tatbestand, daß im Kapitel über Führungstheorien auch psychoanalytische Beiträge erwähnt werden und das nötige Vokabular zum Sprachverständnis der Tiefenpsychologie mitgeliefert wird. Die Bewertung ist jedoch etwas zu billig geraten, wenn diesen Ansätzen lediglich zugestanden wird, "Verständnis für jene subtilen Führungsprozesse zu fördern, die mit rein sachlogischen und empiristischen Verhaltenserklärungen nur unzureichend erfaßt werden können" (Seite 164). Diese Aussage greift entschieden zu kurz und bleibt auf den rein methodologischen Rahmen beschränkt. Ein dermaßen umfangreiches Werk verleitet zu kritischen Anmerkungen. Dabei darf jedoch nicht der prominente Stellenwert, der diesem Buch aufgrund seiner breiten und tiefen Aufarbeitung gängiger und akzeptierter Ansätze und Theorien zukommen sollte, übersehen werden. Es kann generell als eine brauchbare Fundgrube für interessierte Führungskräfte gewertet werden.

Management zwischen Vision und Mittelmäßigkeit.
Von Dr. Rolf Berth. C. E. Poeschel Verlag, Stuttgart, 1981, 274 Seiten, DM 62,-; öS. ca. 471,-; sfr. ca. 53,-.

Vorbemerkung: Praktisches und Neues zum Thema Kreativität - für welchen Verantwortlichen in der Wirtschaft wäre dies nicht sehr willkommen in einer Zeit der Stagnation, wo ausschließlich Ideen- und Einfallsreichtum den Erfolgsweg zu ebnen scheinen? Um so verlockender muß daher ein Buch sein, das sich wie Berths "Management zwischen Vision und Mittelmäßigkeit" hauptsächlich mit Fragen und Problemen der Kreativität - vornehmlich im Marketingbereich - auseinandersetzt und für sich beansprucht, gleichzeitig mit praktischen Ratschlägen auch den theoretischen Rahmen anbieten zu können. Letzterem wird allerdings nur der Stellenwert eines "Mittels zum Zweck" zugestanden. Inhalt: Der Anspruch des Buchs ist einfach formuliert: Ein Marktmodell soll entwickelt werden, das geeignet ist, sowohl den Markt als auch die Wirkung kreativer Lösungen in diesem Markt quantitativ meßbar darzustellen. Entsprechend dieser Zielsetzung ist der erste Buchteil einem stark psychologisch ausgerichteten Marktmodell gewidmet; Teil zwei setzt sich mit dem Phänomen der Kreativität auseinander; und der dritte und letzte Teil thematisiert Kreativitätstechniken in Unternehmen und deren Auswirkungen. Nach einem dezidierten Bekenntnis zu den Auffassungen Poppers und zu einer liberalen Grundhaltung präsentiert Berth ein Modell, das vom Markt als "Pflanzgarten der Kreativität" (Seite 22) und vom Abbau psychischer Energie als zentrale Elemente ausgeht. Ausdifferenziert werden eine Welt der Güter und eine Welt der Antriebe, die nach Berth jeweils ähnlich strukturiert sind. Seine "multifunktionale Feldskalierung" (MFFS) beruht auf der zentralen Annahme, daß produktspezifische Antriebsdimensionen über den Kauf eines Produkts entscheiden. MFFS zeigt eine Möglichkeit auf, solche Dimensionen, in die auch Bedürfniskategorien eingeflossen sind, zu lokalisieren und sie zueinander in Beziehung zu setzen. Auf diese Weise sollen handlungsrelevante Meinungen geortet und nutzbar gemacht werden. Die am Markt befindlichen Produkte können anhand solcher Bedürfnisstrukturierungen eingestuft und über ein zu errechnendes Kräftepotential miteinander verglichen werden. In diese Berechnung schließt der Autor auch symbolische und unbewußte Bedürfnisdimensionen ein, ganz unter der Prämisse, besser auch solche mit einiger Unvollkommenheit versehene Verhaltensweisen mit ins Kalkül zu ziehen, als sie völlig zu ignorieren. Das zunächst auf Individuen abgestellte Modell erweitert Berth auch auf Gruppen. Die Ausführungen über Kreativität sind sehr stark von einer (tiefen-)psychologischen Sichtweise geprägt. Unter anderem bezieht sich der Autor auf Kubie, der seinerseits auf den drei Bewußtseinsebenen Freuds aufbaut und dessen Modell mit "Regression im Dienste des Ich" umschrieben wird. Diesen Ansatz korrigiert Berth: Während bei Kubie nach dem Wegfall der Verstandeskontrolle "freie Assoziationen" aktiviert werden können, übernimmt nach Berths Auffassung in einem solchen Falle das Unbewußte die Steuerung des Denkens. Auch kreatives Denken wird von Bedürfnissen und Zwängen gesteuert "wie alles Geschehen in der menschlichen Psyche" (Seite 146) - so lautet ein Kernsatz in diesem Zusammenhang. Haupthindernisse der Kreativität sind Klischees - zementierte Haltungen und Verhaltensweisen - , die durch Verdrängung, Automatisierung und Bewußtseinsentlastung ins Unbewußte sowie durch extreme Bewußtseinsmachung entstehen. Der Verfasser zieht den Schluß, daß sich durch die Regression die Denkmotivation verändert. Diese psychologische Sichtweise wird durch soziologische Aspekte ergänzt, wobei die Gesellschaft als prinzipiell "kreativitätsfeindlicher Faktor" gilt, die bestenfalls kleine und oberflächliche Verbesserungen duldet, grundlegende Änderungen aber als von nicht tolerierbaren "Spinnern" kommend bewertet. Neuland betritt Berth in der Betrachtung der Psychotherapie als allgemeiner Beziehungslehre zwischen Personen, die nicht nur auf den pathologischen Bereich beschränkt bleibt, sondern auch in den Dienst der Kreativität gestellt werden kann. Die Analysetechnik (gedacht als Heildialog) kann auch in einen "Kreativdialog" umfunktioniert werden, in einen dynamischen Dialog, bei dem die Abwehrmechanismen (Regression, Verdrängung, Sublimierung, Rationalisierung und so weiter) zugunsten von Kreativität aktiviert werden. Angestaute Impulse und Abwehrmechanismen können auch - wie Berth anhand von Beispielen zu zeigen versucht - zu ungewöhnlichen, neuen Gedankengängen führen. Um das erweiterte Denken gezielt zu fördern, bedarf es nach Berth Techniken, die im dritten Buchteil dargelegt werden. Der Autor warnt vor Überschätzung der Gruppenarbeit, verweist auf ein fruchtbares individuelles "Sich-Verbeißen" und empfiehlt wiederum den "analytischen Dialog", in dem der Patient das "schweifende Denken" praktiziert und der Therapeut - arbeitsteilig - dieses Denken analysiert. Die Frage, wie kreative Leute zu orten sind, füllt einen Großteil dieses Buchabschnitts. Berth beschränkt sich dabei im wesentlichen auf drei Eigenschaften, stellt die Verbindung zu Freud her und zählt ein paar Tests zur Überprüfung dieser herausgegriffenen Eigenschaften auf. Das Buch schließt mit Rentabilitätsuntersuchungen und einem "Offenen Brief an schöpferische Zeitgenossen". Kritische Würdigung: Die Zielgruppe für Berth sind Praktiker, denen die "Überwindung von Mittel- und Durchschnittlichkeit" (Seite 1) ein Anliegen ist. Konsequenterweise ist daher die Konzeption des vorliegenden Buchs sehr praxisbezogen. Der Marketingfachmann Berth bietet aufgrund seiner 25jährigen Berufspraxis eine Fülle von Erfahrungen und eine große Palette von neuen und weiterführenden Überlegungen zum Thema "Kreativität" an. Analysiert man jedoch das Werk vor dem Hintergrund der bisherigen wissenschaftlichen Erkennntnisse der Kreativitätsforschung, so werden zahlreiche Mängel sichtbar, auf die hier hingewiesen werden muß. Denn allzu groß ist bei Autoren, die aus der Praxis kommen, immer wieder die Bereitschaft, Teilaspekte und Bruchstücke - ohne Begründungszusammenhang - aus der Fülle theoretischer Postulate einfach herauszugreifen und als die Erkenntnisse schlechthin darzustellen. Sie negieren dabei nicht nur kontroverse wissenschaftliche Auffassungen und empirische Befunde, sondern verfolgen selbst den einmal gewählten Strang der wissenschaftlichen Aussagen nur unzureichend. Beispiele im vorliegenden Zusammenhang sind: 1) die völlig willkürliche Auswahl von drei Eigenschaften des "kreativen Bewerbers" (Seite 224); 2) die Orientierung an Freuds Psychoanalyse, ohne Beachtung der weiterführenden tiefenpsychologisch-orientierten Kreativitätsforschungsarbeiten; 3) die ausschließlich individualistische Sichtweise von Kreativität. Zu 1): In der Kreativitätsforschung gelten eigenschaftsorientierte Konzepte als überwunden. Zwar werden gerade in der Tradition der Intelligenzforschung immer wieder eigenschaftstheoretische Erklärungsansätze in bezug auf Kreativität vertreten, doch gelten diese - zumindest auf universitärem Boden - als überholt. Über mögliche Ursachen der Faktenresistenz der Eigenschaftstheorie in der Praxis wurden schon zahlreiche Abhandlungen publiziert. Im vorliegenden Zusammenhang ist es geradezu exemplarisch, daß ein Praktiker sich auf wenige Eigenschaften stützt und neuere Überlegungen völlig außer acht läßt. Zu 2): Bemerkenswert ist, daß Berth umfangreiche Arbeiten wie die von R. B. Cattell ("The prediction of achievement and creativity", New York, 1968), der besonders stark von der Psychoanalyse Freuds und von der eigenschaftszentrierten Theorie beeinflußt ist, ignoriert. Auch kritische Analysen dazu und Arbeiten anderer tiefenpsychologisch orientierter Kreativitätsforscher werden nicht berücksichtigt. Zu 3): Berth bezeichnet Kreativität als subjektive Angelegenheit, die in Weltanschauung und Überzeugung wurzelt. Zwar gibt er zu bedenken, daß Kreativität über das "individuell Bereichernde" (Seite 14) hinausgeht und durch Geschichte, soziale und wirtschaftliche Gegenwartsituation eine zusätzliche Dimension bekommt; diesem verbalen Eingeständnis folgen jedoch keine Konsequenzen. Selbst der eigens angeführte "soziologische Abschnitt" bleibt letztendlich auf einer individualistischen Ebene, wo zum Beispiel Angst vor Identitätsverlust und Beharrungstendenz angeführt werden. Hier fehlt die systemische Betrachtung ebenso wie eine kritische Analyse der Auffassungen über "kreative" Umwelt beziehungsweise der Aspekt des abweichenden Verhaltens (im Gegensatz zur sogenannten "wellrounded personality"). So bleibt Berth nicht der Vorwurf erspart, vorgefaßte Meinungen und Stereotypen in bezug auf Kreativität in Buchform gekleidet zu haben. Der Stil ist locker, teilweise amüsant, in jeder Phase verständlich und sorgfältig um Rückkoppelung auf die Bedürfnisse vor allem des Verkaufsmanagers bemüht. Der Autor bringt immer wieder Beweise für seine Vielseitigkeit und Belesenheit und achtet stets auf Gegenwartsbezug.

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