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Wissensgesellschaft Boom der Denker

Outsourcing kostet Arbeitsplätze, so eine gängige These. Das Gegenteil ist der Fall. Denn an kreativer Arbeit wird es nie mangeln. Aber der Traum vom Denkerstaat wird nur wahr, wenn massiv in Bildung investiert wird.
aus Harvard Business manager 7/2005

Der Trend zum Outsourcing gibt immer mehr Anlass zur Sorge, weil zunehmend auch anspruchsvolle intellektuelle Aufgaben ausgelagert werden. Waren zunächst eher untergeordnete Bereiche der Wissensarbeit - wie Sekretariatsaufgaben, Kundenservice oder das Eingeben von Daten in den PC - betroffen, so folgten bald anspruchsvollere Tätigkeiten wie Computerprogrammierung, das Versicherungsgeschäft, Schadensbearbeitung oder medizinische Schreibarbeiten. Inzwischen werden auch Jobs wie Röntgendiagnostik, Softwareprogrammierung, Softwaretechnik und sogar einige Aufgaben aus dem Forschungs- und Entwicklungsbereich ins Ausland exportiert.

Werden so nicht über kurz oder lang die meisten intellektuell anspruchsvollen Jobs amerikanischer Unternehmen in Länder ausgelagert, in denen die Arbeit billiger ist? Die kurze Antwort lautet: niemals. Die etwas längere Antwort berücksichtigt die Tatsache, dass es heute in den USA viel mehr Wissensarbeit zu erledigen gibt als vor einem Jahrzehnt. Und wir können davon ausgehen, dass dieses Pensum in den nächsten zehn Jahren noch einmal zunehmen wird.

Ein Teil dieser Arbeit wird sogar von Unternehmen außerhalb der USA importiert. Global operierende Konzerne fragen sich bei der Planung ihrer Niederlassungen vor allem, wo sie optimal qualifizierte Mitarbeiter für möglichst wenig Geld finden. Deshalb ist die exzellente Qualität der führenden amerikanischen Forschungseinrichtungen ein großer Segen für die Wissensarbeiter des Landes. Nicht weit weg von meinem Wohnort Cambridge, Massachusetts, gibt es zum Beispiel ein Forschungs- und Entwicklungsgebiet mit einer Vielzahl von nicht amerikanischen Software- und Biotech-Unternehmen, die nur darauf warten, einige der in Harvard und am MIT ausgebildeten Köpfe für sich zu gewinnen. Ich nehme an, dass diese Unternehmen einen hohen Preis für entsprechende Qualifikationen zahlen, wobei diese jeden Cent wert sind.

Auf der anderen Seite sind da Unternehmen wie Siemens, Nokia und General Electric, die verschiedene produktionsbezogene Forschungsprojekte in China starten und dabei beträchtliche Kosten einsparen. Diese Arbeit erfordert keine Harvard- oder MIT-Qualifikation und sollte in der Nähe der Orte erledigt werden, an denen ihre Ergebnisse angewandt werden - also in diesem Fall im Umkreis der ausgedehnten Produktionszentren Chinas.

Die Nähe zum Kunden - darauf kommt es an. Hier haben amerikanische Wissensarbeiter einen weiteren Vorteil auf ihrer Seite: Sie leben in unmittelbarer Nachbarschaft zu einigen der reichsten und anspruchsvollsten Kunden der Welt. Je mehr Produkte überdies zu kostengünstig produzierten Massengütern werden, desto stärker wird auch die Nachfrage - sowie die Bereitschaft, entsprechendes Geld auszugeben - nach zusätzlichen Angeboten, speziellen Anwendungen und neuen Designs und Ideen. Weil ich zum Beispiel jetzt auch über das Internet mit Aktien handeln kann, muss ich mich nicht länger auf einen Broker verlassen. Sehr wohl aber benötige ich die Hilfe eines Finanzberaters, der den Markt besser kennt als ich, der meine Risikobereitschaft kennt und meine finanziellen Bedürfnisse versteht.

Auch IBM hat in seiner Geschichte

nach immer neuen Gewinnmöglichkeiten gesucht und seinen Geschäftsschwerpunkt sukzessive von Hardware über Software hin zu Dienstleistungen verlagert, je mehr die jeweiligen Unternehmensangebote Teil des Massenmarktes wurden. Heute konzentriert sich das Unternehmen auf spezialisierte Lösungen, Beratung und individuelle Kundenanwendungen - die nächsten Sprossen auf der Innovationsleiter.

Alles in allem sprechen die erstklassige Forschungsinfrastruktur in den

USA, die zunehmend anspruchsvollen amerikanischen Kunden und ihr wachsender Appetit auf immer ausgeklügeltere Produkte und Dienstleistungen dafür, dass die Zahl der Wissensarbeit hier zu Lande weiter steigen und nicht abnehmen wird. In der Tat hat die Zahl der IT-bezogenen "Wissensarbeitsplätze" in den USA zwischen 1999 und 2003 (das letzte Jahr, für das uns Daten vorliegen) zugenommen. Auch die IT-Löhne stiegen in diesem Zeitraum (bereinigt um Inflation und Konjunkturzyklus). Die Gehälter von Hochschulabsolventen übertreffen weiterhin die Gehälter derer, die lediglich mit einem High-School-Abschluss aufwarten können; die Gehälter der Hochschulabsolventen mit Berufsausbildung steigen noch schneller. Bei sinkender Nachfrage nach Wissensarbeit wäre mit dem genauen Gegenteil zu rechnen.

Kein Grund, rundum zufrieden zu sein. Solange die USA nicht große Summen in Bildung sowie Forschung und Entwicklung investieren - und das auf möglichst intelligente Weise -, wird es nicht genug Wissensarbeiter geben, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Das Land wird nicht einmal mehr den größten Teil der reichsten und anspruchsvollsten Kunden der Welt beheimaten. In einigen Jahrzehnten werden China und Indien den USA vielleicht den Rang abgelaufen haben, wenn es um hochwertige Wissensarbeit geht.

Die Herausforderung besteht darin zu verhindern, dass immer mehr Amerikaner ohne Hochschulabschluss bleiben - oftmals mit der Konsequenz, dass sie einen Job in der lokalen Servicewirtschaft mit ihren geringen Löhnen und schwindenden Sozialleistungen annehmen. Die immer größere Kluft zwischen dieser Gruppe und den amerikanischen Wissensarbeitern unterminiert die gesellschaftliche Solidarität und bedroht die demokratische Ordnung. Natürlich kann nicht jeder US-Bürger ein Wissensarbeiter von Weltformat werden. Aber es gibt immer noch Millionen von Menschen, die sich die entsprechenden Fähigkeiten aneignen und so erfolgreiche Mitglieder der reichsten Nation der Welt werden können. n

Robert B. Reich
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