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Antonia Götsch

Lead Forward Bin ich naiv?

Zyniker haben einen ziemlich guten Stand. Sie gelten als Realisten, die sich trauen, die Wahrheit auszusprechen. Aber ist Zynismus nicht auch ein Feigenblatt für Aggressivität?
aus Harvard Business manager 12/2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

Zynismus gehört in meinem Metier fast zum Berufsbild. Die Zynikerinnen und Zyniker, die ich kenne, haben einen ziemlich guten Stand. Sie gelten als Realisten, die sich trauen, die Wahrheit auszusprechen. Sie wirken unbestechlich, klug und klar.

Für eine gute Pointe würden sie vielleicht sogar eine Freundschaft riskieren. Ich kann nachvollziehen, warum. Wer andere wortgewaltig und scharf kritisiert, wird als geistreich wahrgenommen – und als Mensch, mit dem man sich besser nicht anlegt. Zynismus ist auch ein Schutzpanzer. Nett sind die dummen Naivchen und Nachbars Katze.

Eine Kollegin erzählte mir, ihre Tochter habe sie zum Umdenken gebracht. "Du bist wirklich gut mit Worten", antwortete die damals 13-Jährige auf einen zynischen Kommentar ihrer Mutter. "Aber du bist auch gut mit schlechten Worten."

Was für eine schlichte, treffende Analyse. Unsere Worte entfalten Wirkung. Zynismus mag anderen Menschen Respekt abringen. Er ist aber auch ein Feigenblatt für Aggressivität. Unsere Titelgeschichte zeigt eindrucksvoll, wie viel Schaden Zynismus und Skepsis anrichten. Sie höhlen Organisationen und Gruppen von innen aus. Umso bedenklicher, dass das Misstrauen gegenüber Politikerinnen, Führungskräften und Kollegen enorm zugenommen haben.

Welche Revolution hat mit Zynismus begonnen?

"Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen", hat der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt gesagt. Wir sind die Nation der fleißigen, kritischen Realisten. Aber: Wie viele gesellschaftliche Revolutionen, wie viele bahnbrechende Erfindungen haben mit Zynismus begonnen? Und wie viele mit einem vagen, überoptimistischen, scheinbar naiven Traum?

"Eines der Grundprinzipien von Antizynismus lautet: Menschen werden durch ihre Umgebung geformt", schreibt der Autor Jamil Zaki, Associate Professor für Psychologie an der Stanford University und Direktor des Stanford Social Neuroscience Laboratory, in unserer Titelgeschichte . Wenn ich als Chefin meinen Leuten misstraue, sie an der kurzen Leine führe und ständig kontrolliere, wächst die Gefahr, dass die Menschen genauso reagieren. Wenn ich meinen Kolleginnen und Kollegen dagegen vertraue, werden sie – das zeigen Studien – versuchen, diesem Vertrauen gerecht zu werden. Menschen passen sich den Erwartungen anderer an. Deshalb sollten wir uns unsere Annahmen hinterfragen und Kollegen Großes zutrauen. Das kann mehr verändern, als wir denken.

Zum Weiterlesen und Weiterdenken empfehle ich Ihnen natürlich den spannenden Artikel von Jamil Zaki , das dazu passende aktuelle Interview  "Behalten Sie die Chancen im Blick" sowie den Beitrag "Vertrauensfrage: Wie Führungskräfte Vertrauen gezielt aufbauen ", einen meiner Lieblingstexte aus den vergangenen zwei Jahren.

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­Herzliche Grüße,
Antonia Götsch
Chefredakteurin Harvard Business manager

Ausgabe Dezember 2022

Warum so zynisch?

Misstrauen zerstört die Zusammenarbeit. Wie Führungskräfte umsteuern.

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