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Führung Behandeln Sie Mitarbeiter wie Erwachsene!

Unternehmen geben ihren Angestellten zunehmend vor, wie sie mit Kunden und Kollegen umzugehen haben. Die Folge dieser Regelungswut: Die Mitarbeiter werden tatsächlich immer unselbstständiger.
aus Harvard Business manager 12/2005

Es stimmt nicht, dass Menschen immer dümmer werden. Aber sie werden oft so behandelt. Politiker, Pädagogen und die Medien gehen davon aus, dass dem Volk selbstständiges Denken zu unangenehm sei und dass es daher dankbar für vorgefertigte Lösungen sei.

Auch im Wirtschaftsleben findet eine Art Verblödung statt - nicht nur durch Buchautoren, die Management auf die ganz schlichte Art mit Parabeln erklären, sondern auch durch die Manager selbst. Ironischerweise findet diese Infantilisierung bei der Arbeit in einer Zeit statt, in der Experten die Kompetenz und das Wissen der Mitarbeiter als wesentliche Quellen des intellektuellen Kapitals eines Unternehmens preisen.

Das mangelnde Vertrauen in die Intelligenz der Mitarbeiter wird zu einem großen Teil durch eine Risikoaversion der Manager genährt. Führungskräfte, die Angst haben, eigene Entscheidungen zu treffen, stellen teure Berater ein, um sich das Offensichtliche bestätigen zu lassen: Es ist in der Regel sicherer, das Erfolgsmodell eines anderen anzuwenden, als ein eigenes zu entwickeln.

Softwaresysteme legen jeden Vorgang zwischen Mitarbeitern und Kunden genau fest, sodass vor dem Kunden nie etwas Falsches gesagt wird. (Natürlich sagen die Mitarbeiter aus demselben Grund aber auch nicht das für den Moment Richtige, was die Kaufentscheidung möglicherweise positiv beeinflussen könnte.)

In allen Bereichen werden Verhaltenskodizes, Richtlinien und Regeln aufgestellt, um Menschen vor der schwierigen Situation zu bewahren, eigenständig denken und aus der Erfahrung lernen zu müssen.

Damit Unternehmen aber erfolgreich vorankommen können, müssen die Mitarbeiter das Gefühl haben, sich auf einer Entdeckungsreise zu befinden, auf der gerade Unvorhersehbarkeit das Spannende ist. Insbesondere

Personalabteilungen haben ein Problem mit Unwägbarkeiten. Viele scheinen nach der Prämisse zu arbeiten, Mitarbeiter seien wie Kinder, die vor jedem unangenehmen Ereignis bewahrt werden müssten, das im Arbeitsalltag auftauchen kann.

Wird ihnen ständig eingebläut, was in der Firma "angemessenes Verhalten" ist, neigen Mitarbeiter dazu, die anderen als psychisch schwach und schutzbedürftig anzusehen - schwerlich der beste Weg, um gegenseitigen Respekt zu bewirken. Und noch schlimmer: Mitarbeiter denken, sie selbst seien schwach. Jeder flapsige Kommentar oder jede spontane E-Mail wirft die Frage auf: "Sollte das ein persönlicher Angriff sein?" Und schließlich beschweren sich die Mitarbeiter bei ihren Vorgesetzten.

Nur selten wird Mitarbeitern zugetraut, ihre persönlichen Differenzen wie Erwachsene beizulegen. Stattdessen ziehen die normalsten Begebenheiten des beruflichen Miteinanders - wie Missverständnisse, Auseinandersetzungen, Konflikte und Rivalitäten - Ketten von Ereignissen nach sich, die zu formellen Untersuchungen und Abmahnungen führen. Entsprechend zensieren die Menschen ihre Äußerungen - und allzu oft auch ihre Ideen. Je einfacher und je formelhafter der Ausdruck, umso besser, denn umso weniger wahrscheinlich ist es, falsch verstanden zu werden.

Regeln sind notwendig, das ist unbestritten. Und einige Verhaltensweisen dürfen nicht toleriert werden. Aber Firmen sollten Mitabeitern das Vertrauen entgegenbringen, eigene Entscheidungen zu treffen und ihre Konflikte selbst auszutragen. Vorhersehbarkeit und Konformität sind schlechte Begleiter für Innovation und Wandel. Die einfache Antwort - meist schon von jemand anderem vorformuliert - ist nur selten die beste. n

Frank Furedi
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