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Wissensmanagement Bedrohen Wikis die Macht von Managern?

Wenn Mitarbeiter plötzlich eine Mitmachplattform starten, sollten Manager ihnen keine Steine in den Weg legen. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales erklärt, wofür Wikis im Unternehmen gut sind und wie man richtig mit ihnen umgeht.
aus Harvard Business manager 6/2008

Wie verbreitet sind Wikis in Unternehmen?

WALES Das ist ein schnell wachsender Trend. Die IT-Unternehmensberatung Gartner schätzt, dass es bis zum Jahr 2009 in der Hälfte aller US-Unternehmen eines oder mehrere Wikis geben wird - aber nicht unbedingt, weil das jemand von oben herab strategisch entschieden hat. In vielen Unternehmen kommen Wikis klammheimlich durch die Hintertür. Einfache Mitarbeiter installieren die Software im Unternehmensnetzwerk, weil sie feststellen, dass sie ihre Arbeit mithilfe von Wikis besonders gut machen können.

Wozu brauchen Unternehmen denn all diese Wikis?

WALES Sie nutzen sie für jede Art von Wissensmanagement, bei der es auf offene, flexible und schnelle Zusammenarbeit ankommt - insbesondere wenn Mitarbeiter an weit entfernten Standorten arbeiten und gute Beziehungen zueinander aufbauen müssen. Ein Wiki ist ein wunderbares Werkzeug, mit dessen Hilfe Menschen schnell zu einem einvernehmlichen Beschluss kommen. Das funktioniert sowohl beim Entwurf einer Tagesordnung für das nächste Meeting als auch bei der Frage, wie man die Kunden am besten zufriedenstellt.

Warum werden Unternehmens-Wikis denn häufiger von Mitarbeitern gegründet als vom Management?

WALES Wikis können bei Führungskräften Bauchschmerzen auslösen, insbesondere in Unternehmen mit einer stark hierarchisch geprägten Kultur. Das Management formuliert seine Ängste zwar nicht unbedingt in präzisen Worten. Aber es entwickelt ein vages Unbehagen, wenn es sieht, wie Mitarbeiter Probleme unter sich lösen, statt auf die Anweisungen ihrer Vorgesetzten zu warten. Wenn Sie auf die Wikis Ihrer Mitarbeiter überempfindlich reagieren, sollten Sie sich fragen, warum.

Was hat es zu bedeuten, wenn in einem Unternehmen plötzlich Wikis auftauchen?

WALES Ganz offensichtlich finden die Leute sie nützlich. Es gibt ein Bedürfnis nach Zusammenarbeit, das andere Instrumente nicht gut genug erfüllen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Sie ein Problem haben. Vielleicht hätten Sie einfach nur dieses Bedürfnis vorhersehen, Wiki-Software installieren und die Mitarbeiter früher schulen sollen. Wenn Mitarbeiter darauf hinweisen, dass Wikis hilfreich sind, dann ist das eine gute Gelegenheit für das Management, sich dieses Bedürfnis ihrer Mitarbeiter zu eigen zu machen und ihnen Hilfe anzubieten.

Wie können Führungskräfte den Einsatz von Wikis unterstützen?

WALES Falls es in Ihrem Haus eine hierarchische Unternehmenskultur gibt, kann das die Wirkung von Wikis behindern. Womöglich müssen Sie Ihr Führungsklima verändern, damit das Unternehmen alle Vorteile dieser Technik nutzen kann. Was bringt ein Wiki denn, wenn sich niemand traut, einen Eintrag zu ändern, den jemand aus dem Topmanagement geschrieben oder bearbeitet hat?

Unternehmens-Wikis funktionieren dann am besten, wenn die Führungsriege alle Mitarbeiter ermutigt, ihre Ideen vertrauensvoll mitzuteilen. Natürlich trifft letztendlich das Management die Entscheidungen - das muss den Mitarbeitern klar sein. Aber was ist, wenn dem CEO im Wiki ein sachlicher Fehler unterläuft? Würden Sie sich da nicht einen Angestellten wünschen, der sich mit allem gebotenen Respekt darum kümmert und den Fehler umsichtig beseitigt? Richtig angewendet, führt ein Unternehmens-Wiki zu flacheren Hierarchien und nützt so allen Mitarbeitern.

Welchen Managementansatz haben Sie für Wikipedia gewählt?

WALES Wikis funktionieren meist dann am besten, wenn sich Chefs zurückhalten. Bei Wikipedia halte ich mich sehr aus der Tagesarbeit heraus, insbesondere wenn es detailverliebte Konflikte um die Bearbeitung von Artikeln gibt. Ich wollte von Anfang an vermeiden, dass die Leute glauben, sie müssten mir zustimmen oder Wikipedia müsse meine politische Meinung widerspiegeln. Und weil ich mich normalerweise aus dem Schlachtgetümmel heraushalte, bekomme ich umso mehr Aufmerksamkeit, wenn ich mich tatsächlich mal in eine Diskussion einschalte. Als Führungskraft sollten Sie zwar mitwirken, aber das sehr behutsam. n

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