Zur Ausgabe
Artikel 4 / 26

Personal Autisten als IT-Berater

Vor vier Jahren entdeckte Thorkil Sonne, dass sein autistischer Sohn über ein erstaunliches Gedächtnis verfügte und dass ihm kein Detail entging. Daraufhin gründete er Specialisterne, eine dänische Firma für Softwaretests, die einen ganz besonderen Wettbewerbsvorteil besitzt: Von den 51 Beschäftigten sind 37 Autisten.
aus Harvard Business manager 12/2008

Sie wollten mit Ihrer Firma zuallererst das Leben von Autisten verbessern. Warum haben Sie nicht einfach eine Non-Profit-Organisation gegründet?

SONNE Ich wollte mehr erreichen, als nur eine geschützte Arbeitsumgebung für Behinderte zu schaffen. Mein Ziel war es, Chancen für autistische Menschen im internationalen Maßstab zu schaffen.

Mittel für Behindertenarbeitsplätze sind in den skandinavischen Ländern relativ problemlos zu bekommen, aber nicht in Polen, Spanien oder Brasilien. Um eine große Reichweite zu erzielen, musste unsere Organisation einen Mittelzufluss sicherstellen, den nur ein gewinnbringendes Unternehmen generieren kann. Es musste auf dem Markt bestehen können.

Aber ist es nicht schwierig, gleichzeitig zwei Missionen gerecht zu werden - Menschen mit einer geistigen Behinderung zu fördern und Kunden perfekt zu bedienen?

SONNE Wir werden ständig gefragt, ob wir in erster Linie unseren Kunden oder einem sozialen Zweck dienen wollen. Wir wollen natürlich beides, aber wir müssen ständig gegen das Vorurteil kämpfen, "nur" eine Wohltätigkeitsorganisation zu sein. Der soziale Aspekt mag die CEOs unserer Kundenunternehmen ansprechen, aber die Verantwortlichen für Softwaretests werden nicht danach beurteilt, wie sehr sie einem anderen Unternehmen helfen, sich sozial verantwortlich zu verhalten.

Sie verlangen einfach nur perfekte Leistung für ihr Geld. Um Vorurteilen zu begegnen, müssen wir jederzeit Bestleistungen erzielen.

Müssen Autisten anders geführt werden?

SONNE Die meisten unserer Berater haben eine milde Form des Autismus, das sogenannte Asperger-Syndrom, und sind extrem leistungsfähig. Bei Menschen mit diesem Syndrom kommt es aber zum Beispiel vor, dass sie sich aufgrund ihrer hohen Sensibilität in Großraumbüros ohne Wände oder Türen unwohl fühlen.

Sie können auch Schwierigkeiten haben, im Team zu arbeiten oder soziale Signale richtig zu interpretieren, zum Beispiel Gesten, Gesichtsausdrücke oder Stimmlagen. Als Führungskraft ist es wichtig, Autisten sehr direkt und präzise anzusprechen, sehr spezifische Erwartungen zu äußern und Sarkasmus sowie nonverbale Kommunikation zu vermeiden.

Wir verlangen von unseren Mitarbeitern, dass sie ihren Job gut machen, aber nicht, dass sie sich in sozialer Hinsicht hervortun oder ständig mit anderen Menschen interagieren. Dies nimmt enorm viel Stress von ihnen. Ich denke, als normal gilt immer das, was die Mehrheit als normal betrachtet, und in unserem Unternehmen sind Autisten die Norm.

Wie gestaltet sich die Beziehung zwischen ihren Mitarbeitern und den Kunden?

SONNE 70 Prozent der Arbeit findet vor Ort beim Kunden statt. Unsere Kunden schlagen eine Kontaktperson vor - jemand, der in der Lage ist, mit Menschen mit besonderen Eigenschaften umzugehen. Diese wählt dann die passenden Aufgaben für unseren Mitarbeiter aus und einen Arbeitsplatz, an dem er sich wohlfühlt.

Wir geben unseren Kunden auch eine kurze Einführung in das Thema Autismus und die einzigartige Kultur in unserer Firma. Auch die Mitarbeiter der Kundenunternehmen profitieren gewöhnlich von der Zusammenarbeit mit unseren Fachleuten: Sie kommunizieren danach in der Regel auch mit ihren eigenen Kollegen direkter und können ihre Erwartungen klarer formulieren. Dies ist ein Bereich, der bei vielen Unternehmen im Argen liegt, und wir helfen unseren Kunden, sich darin weiterzuentwickeln.

Gibt es noch andere Bereiche, in denen Unternehmen von ihren Erfahrungen bei der Führung von autistischen Mitarbeitern lernen können?

SONNE Manchmal haben Unternehmen autistische Mitarbeiter, ohne es zu wissen, weil die Krankheit häufig unentdeckt bleibt. Außerdem fühlen sich auch viele nicht autistische Mitarbeiter in offenen Büros unwohl. Auch "normale" Mitarbeiter kommen häufig nicht zurecht in traditionellen Führungssystemen, die stark auf Teamarbeit setzen und in denen unklare Arbeitsanweisungen die Regel sind, wie: "Finde selbst heraus, wie Du damit zurechtkommst."

Die Aufgabe von Führungskräften ist es, das beste aus den vorhande- nen Mitarbeitern herauszuholen, dies gilt vor allem dann, wenn Fachkräfte Mangelware sind. Unsere Branche kämpft mit einer Knappheit an IT-Fachleuten, doch bei Specialisterne bewerben sich zahlreiche Inter-essenten.

Der Schlüssel liegt darin, Mitarbeitern eine Arbeitsumgebung anzubieten, die auf ihre Persönlichkeit und ihre Ziele zugeschnitten ist. Sie dürfen nicht jeden in das gleiche Korsett zwängen. Das verursacht nur Stress, und davon haben wir in unserer heuten Arbeitswelt ja ohnehin schon mehr als genug. n

Susan Donovan
Zur Ausgabe
Artikel 4 / 26
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.