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Essay Asiatinnen auf dem Vormarsch

In Asien ist der Anteil von Frauen in Führungspositionen deutlich größer als in Europa und den USA. Eine Analyse der gesellschaftlichen Hintergründe erklärt diesen Umstand und gibt westlichen Geschäftsleuten Hinweise zum Umgang mit asiatischen Managerinnen.
Von Hanne Seelmann-Holzmann und Cornelia Hegele-Raih
aus Harvard Business manager 3/2008

Viele westliche Geschäftsleute denken bei der Situation von Frauen in asiatischen Ländern vielleicht an Rückständigkeit, Armut, Unterdrückung und so weiter - aber nicht unbedingt an erfolgreiche asiatische Managerinnen. Tatsächlich jedoch sind die Frauen in Asien auf dem Vormarsch - und zwar in einer Weise und Geschwindigkeit, die die westliche Emanzipation in manchen Bereichen sogar in den Schatten zu stellen scheint.

Westliche Manager und Managerinnen sind mit zwei Gefahren konfrontiert: Manche haben zum einen noch eine sehr altmodische Vorstellung von asiatischen Frauen. Sie sind dann überrascht, wenn sie im Geschäftsleben sehr gut qualifizierte und selbstbewusste Frauen treffen. Zum anderen gewinnen viele west-liche Männer aufgrund der Kleidung und des Verhaltens asiatischer Frauen den Eindruck, diese seien in jeder Hinsicht mit Managerinnen im Westen zu vergleichen. Beides kann zu falschen Einschätzungen führen sowie zu Verhaltensweisen, die asiatische Geschäftsfrauen verletzen oder beleidigen.

Werden die kulturellen Unterschiede auf den zweiten Blick sichtbar, sind westliche Manager außerdem häufig enttäuscht oder fühlen sich getäuscht. Dieter Hierner, Leiter des Center of Competence China bei der Deutschen Bank empfiehlt daher, sich möglichst gut vorzubereiten: "Sie gehen doch auch nicht mit dem Golfschläger auf den Tennisplatz!"

Das beste Rüstzeug für den Umgang mit asiatischen Geschäftspartnern ist ein Blick hinter die Fassade: Beschäftigen Sie sich mit deren kulturspezifischen Werten, Einstellungen und Überzeugungen.

Im Folgenden wollen wir die Hintergründe für den Aufstieg der Frauen in Asien näher beleuchten und anschließend die teilweise sehr unterschiedlichen Gegebenheiten in einigen asiatischen Ländern aufzeigen.

Aufstieg der Asiatinnen

Vielen Managern werden wahrscheinlich nur einige Asiatinnen bekannt sein, die im Westen sehr erfolgreich sind, etwa die Inderin Indra Nooyi, CEO von Pepsico, die 2007 von "Fortune" zur fünftmächtigsten Frau der Welt erklärt wurde. Was sie vielleicht noch nicht wissen, ist, dass auch in den asiatischen Ländern selbst immer öfter Frauen das Sagen haben.

Dem Grant Thornton International Business Report zufolge betrug der Anteil von Firmen mit Frauen in gehobenen Managementpositionen auf den Philippinen 97 Prozent, in der Volksrepublik China 91 Prozent, in Malaysia 95 Prozent und in Hongkong sowie Thailand je 83 Prozent. Zum Vergleich: In den USA liegt dieser Anteil bei 63 Prozent. Der Anteil von Frauen im Topmanagement beträgt auf den Philippinen 50 Prozent, in Thailand 39 Prozent, in Hongkong sind es 35 und in China 32 Prozent (USA und Deutschland je 23 Prozent).

Der Trend zu einem deutlich wachsenden Einfluss von Asiatinnen in den höheren Geschäftsetagen ist eindeutig. Er spiegelt sich auch in der "Fortune"-Liste "Global Power 50" wider, einer Rangliste der mächtigsten internationalen Managerinnen. Von den 50 Frauen stammten im Jahr 2007 immerhin 15 aus Asien: 5 aus China, 3 aus Indien, 3 aus Singapur, 2 aus Japan und je eine aus Hongkong und von den Philippinen.

Die Erklärung scheint offensichtlich: Der wirtschaftliche Aufschwung erzeugt einen rasanten sozialen Wandel und lockert die gesellschaftlichen Normen und Regeln, sodass auch Frauen häufig eine Chance zum beruflichen Aufstieg erhalten. Doch tatsächlich spielen auch noch die teilweise sehr unterschiedlichen kulturellen, historischen und politischen Hintergründe für die Situation der Frauen in den einzelnen asiatischen Ländern eine große Rolle. Wir konzentrieren uns hier darauf, die Situation in China, Indien, Japan, Südkorea und Singapur zu schildern.

China

Die 50-jährige Zhang Yin führte im Jahr 2005 mit einem geschätzten Vermögen von 3,4 Milliarden Dollar die Liste der reichsten Menschen Chinas an. Wirtschaftlichen Erfolg hatte sie mit dem Import von Altpapier aus den USA. Ihre Firma Nine Dragons Paper verdoppelte im vergangenen Jahr ihren Wert. Unter den 800 reichsten Chinesen finden sich zwar "nur" 65 Frauen, aber dieser Anteil ist doch beträchtlich, wenn man bedenkt, dass sich der Reichtum auch im Westen zumeist bei den Männern konzentriert.

Wer über die Situation von Frauen in Chinas Wirtschaftswelt spricht, muss differenzieren: Es gibt viele junge, gut ausgebildete Managerinnen, die für große westliche Firmen in den Städten an der Ostküste (der sogenannten Golden Coast) arbeiten. Verglichen mit der Mehrheit der Chinesinnen, die auf dem Land lebt, sind es jedoch immer noch sehr wenige. Die sogenannten "dushi liren" (Stadtschönheiten),

die ihre eigene Wohnung und ein Auto, einen Job oder ein eigenes Unternehmen haben, sind aber für viele Chinesinnen ein Vorbild. Sie sind modern gekleidet, gehen oft in Bars, Restaurants und ins Fitnessstudio und verwirklichen ihre persönlichen Pläne.

Auch wenn wir es angesichts der modernen, westlich gestylten Zentren des neuen Kapitalismus nicht glauben wollen: Die chinesische Gesellschaft ist selbst nach 50 Jahren Kommunismus im Kern konfuzianisch geprägt. Im Regelwerk von Konfuzius, dem einflussreichsten Philosophen Chinas, der um 560 vor Christus lebte, gibt es eine klare Hierarchie zwischen Mann und Frau. Im "Li Gi", dem Buch der Riten, heißt es: Sie hat die Pflicht zu dreifachem Gehorsam. Zu Hause ist sie dem Vater unterworfen, in der Ehe dem Gatten und nach dem Tode des Gatten dem ältesten Sohn. Sie wagt in nichts, ihrem eigenen Kopf zu folgen; und ihr Platz ist im Haus. Ihre wichtigste Pflicht ist es, ihre Aufgaben gegenüber ihren Schwiegereltern und dem Ehemann zu erfüllen. Und vor allem soll sie einen Sohn gebären.

Geschäftsleute, die auf eine der modern wirkenden jungen, selbstbewussten, ehrgeizigen und geschäftserfahrenen Chinesinnen treffen, werden wohl kaum auf die Idee kommen, dass derartige Überzeugungen nach wie vor das Verhältnis der Geschlechter prägen. Sie erleben, dass im heuti- gen Geschäftsleben Chinas Frauen genauso akzeptiert werden wie im Westen. Diese Situation ist jedoch Ergebnis einer einzigartigen historischen Situation: Aufgrund der Ein-Kind-Politik Chinas, die 1979 eingeführt wurde, findet man in China heute das weltweit größte Ungleichgewicht im Verhältnis der Geschlechter. Im Landesdurchschnitt stehen 100 neugeborenen Mädchen 117 Jungen gegenüber. Am schlimmsten ist die Situation in der Provinz Jiangsu mit einem Verhältnis von 165 Jungen zu 100 Mädchen bei Kindern im Alter von ein bis vier Jahren.

Weil Chinesen nur ein Kind haben dürfen, entscheiden sie sich meistens für einen Jungen. Nur ein Sohn kann nämlich die wichtigste Pflicht in einer konfuzianischen Familie erfüllen: die Ahnen zu ehren. Diese Entwicklung sorgt für riesige demografische Probleme. Junge Männer, vor allem in ländlichen Gebieten, finden keine Ehepartnerin; im nächsten Jahrzehnt werden in China 60 Millionen Frauen fehlen. Aus diesem Grund wird die Bevölkerung laut "The Guardian Weekly" bis zum Jahr 2040 "nur noch" auf 1,5 Milliarden Menschen anwachsen, danach sogar schrumpfen.

Die Tatsache, dass westliche Geschäftsleute in den Unternehmen oftmals gut qualifizierten chinesischen Frauen begegnen, ist daher nicht unbedingt ein Beweis für Gleichberechtigung und gleiche Chancen. Zuallererst ist der Grund ein strukturelles Problem. Obwohl jedes Jahr eine große Zahl von Studenten die Universitäten verlässt, herrscht Mangel an Absolventen, die über jene Qualifikationen verfügen, die westliche Firmen benötigen. Junge Chinesinnen greifen deshalb mit beiden Händen nach der einmaligen Chance, Karriere zu machen und finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Wenn es um Nachwuchs geht, werden aber auch viele erfolgreiche Frauen es als ihre wichtigste Verpflichtung ansehen, einen Sohn zu bekommen. Dass Frauen zu Hause bei ihren Kindern bleiben, gehört gleichwohl nicht zu den Vorstellungen vom normalen Familienmodell in China. Vielmehr ist es selbstverständlich, dass Mütter arbeiten, und niemand kommt auf die Idee, sie deshalb als "Rabenmütter" zu bezeichnen. (Dieser Begriff findet sich wohl nur in der deutschen Sprache.)

Der Staat bietet eine Vielzahl von Kinderbetreuungs- und Erziehungsangeboten. In vielen Familien kümmern sich auch die Großeltern um die Enkel, damit die Eltern von der boomenden Wirtschaft profitieren können. Eine junge Chinesin, die mit einem Deutschen verheiratet ist und in Deutschland lebt, war regelrecht schockiert, weil sie ständig gefragt wurde, warum sie eigentlich eine Arbeit suche und nicht lieber daheim bei ihrem Baby bleibe. "Ich habe nicht die Universität besucht, um zu kochen und zu putzen!", empört sie sich.

Viele Frauen in China sehen allerdings nur eine andere Möglichkeit, vom wirtschaftlichen Aufschwung zu profitieren: Xinran, die Autorin des Buches "The Good Women of China", schreibt, dass sie sehr erstaunt gewesen sei, als sie durch ihre Studentinnen erstmals von der Existenz von "Privatsekretärinnen" gehört habe. Ob reiche Chinesen oder westliche Geschäftsleute: Viele haben eine Art Konkubine. Es gibt ungefähr vier bis fünf Millionen solcher "professionellen Zweitfrauen". Für Chinesen sind sie eine Art Statussymbol - und eine weitere Chance, einen Sohn zu bekommen. Und junge Chinesinnen sehen in gut verdienenden Geschäftsleuten nicht selten die Chance auf ein sicheres Einkommen.

Xinran schreibt: "Sie beurteilen ihre Situation sehr realistisch. Sie wissen, dass die Männer ihre Familien nicht verlassen werden. 'Nur ein Dummkopf glaubt den süßen Worten', sagen meine Studentinnen." Um sich ab-zusichern, verlangen sie Geld. Wenn sich chinesische Männer weigern, für ihre (früheren) Konkubinen und die gemeinsamen Kindern zu bezahlen, rächt sich die "er nai" (Zweitfrau) zuweilen böse: Xie Lijun zum Beispiel machte den Ärger über ihren früheren Liebhaber öffentlich. Die "Süddeutsche Zeitung" vom 15. Januar 2007 berichtete in dem Artikel "Der Zorn der Konkubinen", dass die Rache mittlerweile auch über Internetseiten organisiert wird, beispielsweise indem kompromittierende Videos veröffentlicht werden.

Maos Ausspruch "Frauen gehört die Hälfte des Himmels" gilt auch nicht im Hinblick auf die Politik. Im ständigen Ausschuss der Kommunistischen Partei mit neun Mitgliedern sitzt keine einzige Frau. Das Politbüro besteht aus 21 Männern und einer Frau, das Zentralkomitee aus 191 Männern und 5 Frauen.

Insgesamt hat sich die Situation der Frauen in China in den vergangenen 25 Jahren aber sehr positiv entwickelt. Man darf nicht vergessen, dass es bis 1948 noch üblich war, Frauen die Füße zu binden. Kleine Mädchen hatten unter dieser grausamen Prozedur zu leiden, weil Männer die kleinen Füße sexuell stimulierend fanden.

Heute nutzen viele junge Frauen die Möglichkeiten, die ihnen das moderne China bietet. Auch die Regierung hat mittlerweile erkannt, dass sie aktiv werden muss, um die Bedingungen für Mädchen in den ländlichen Regionen zu verbessern. 2003 führte sie daher ein "Care for girls"-Programm ein. Steuererleichterungen oder die Befreiung von Schulgebühren für Mädchen sollen die Entscheidung für weibliche Babys fördern. Die Zukunft der chinesischen Frauen wird deutlich besser sein, als es die Vergangenheit jemals war.

Indien

Naina Lal Kidwai ist Group General Manager und Country Head für Indien bei der HSBC, einer der größten Banken der Welt. Das "Forbes"-Magazin zählte Kidwai zu den World's Top 50 Corporate Women in den Jahren 2000 bis 2003. Geschäftsleute werden auch in Indien auf viele hervorragend ausgebildete und erfolgreiche Frauen treffen, die Banken, IT-Firmen und Servicecenter managen.

Im Bereich der kleinen und mittleren Unternehmen zählt zum Beispiel Hema Hattangady zu den herausragenden Erscheinungen. Sie ist Vice Chairman und Chief Executive Officer von Conzerv Systems, einem Unternehmen, das ursprünglich nur Stromzähler für internationale Elektrofirmen produzierte und heute umfassende Energiemanagementsysteme und -services anbietet. Unter Hattangadys Führung wuchs das Unternehmen stark und expandierte international. Im Februar 2006 erhielt es den Fair Business Practice Award, weil es sich weigert, Bestechungsgelder zu bezahlen. Und es wurde von der Organisation Intellectual Capital Sweden AB (ICAB) ausgezeichnet. Hattangady wurde außerdem von der US-Regierung in die South Asia Energy Management Mission berufen, ein dreiköpfiges Team, das die USA bereiste, um den amerikanischen Energiesektor kennenzulernen und seine Erfahrungen aus Indien weiterzugeben.

Da Hattangady von westlichen Geschäftspartnern ständig gefragt wird, ob sie als Frau in der indischen Geschäftswelt nicht große Probleme habe, hat sie zu diesem Thema eine Powerpoint-Präsentation erstellt.

Sie war zum Beispiel amüsiert darüber, bei einem internationalen Coachingprogramm für CEOs im kalifornischen Pebble Beach zu 98 Prozent Männer anzutreffen, die sie fragten, wie sie ihren Mann (der als technischer Leiter in der Hierarchie unter ihr angesiedelt ist) und ihre beiden Kinder allein lassen könne, um an diesem

Kurs teilzunehmen. In Kanada sprach sie mit Ingenieurinnen, die weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, was ihrer Meinung nach in Indien nicht vorkommt.

Auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf scheint in Indien leichter zu sein. So genießt es etwa Svenja Falk, mit ihrer kleinen Tochter in Bangalore zu wohnen (was angesichts der chaotisch wirkenden Megametropole auf den ersten Blick erstaunlich wirken mag). Die Deutsche ist Lead of Strategy Research für Indien beim Beratungsunternehmen Accenture und hat auch indische Mitarbeiter zu führen: "Als Frau in Indien erfolgreich zu managen ist sehr einfach - wenn man sich nach einer gewissen Zeit an den indischen Managementstil gewöhnt hat", sagt sie. "Und es ist viel einfacher als in Deutschland, Job und Familie zu verbinden." Auch bei Geschäftsessen sind Kinder selbstverständlich dabei, und niemand würde sie als ein Hindernis für die Karriere betrachten.

Nach solchen Gesprächen könnte man den Eindruck gewinnen, dass es um die Gleichberechtigung in Fernost mitunter besser bestellt ist als im Westen. Doch gilt dies nur für einen relativ kleinen Teil der Frauen. Zwar gibt es in Indien eine der aktivsten feministischen Bewegungen der Welt. Auch gab und gibt es in Indien vergleichsweise viele Frauen in hohen politischen Ämtern. Sowohl in der Politik als auch in der freien Wirtschaft gibt es Quoten für Frauen (und Minderheiten). Indien war sogar das erste Land der Welt, das die Gleichstellung der Frau in der Verfassung niederlegte. Viele dieser Regelungen bestehen allerdings (wie auch in westlichen Ländern) nur auf dem Papier.

An der überwältigenden Mehrheit der Frauen in Indien, die vor allem in den ländlichen Gebieten leben, ist der Fortschritt bislang vorübergegangen. Noch immer wird die Gesellschaft durch das starre Kastensystem hierarchisch strukturiert. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kaste - beziehungsweise einer Gemeinschaft, die Inder nennen sie "yati" - bestimmt nicht nur den gesellschaftlichen Status, sondern auch die Chancen für eine berufliche Karriere.

In der höchsten Kaste, der der Brahmanen, genießen Frauen gleiche Ausbildungs- und Berufschancen. Auch in der Kaste der Vaishyas (die Händler, Handwerker und Landbesitzer umfasst) ist es häufig Tradition, auch die Töchter zu Unternehmerinnen heranzuziehen. Nicht zuletzt gibt es außerhalb der Hindu-Kasten religiöse Gruppen, die traditionell wirtschaftlich sehr erfolgreich sind und in denen Frauen häufig eine exzellente Erziehung genießen: die Jains, die meist den Geld- oder Edelsteinhandel beherrschen (ihr bekanntester Vertreter im Westen ist der Investmentbanker Anshu Jain von der Deutschen Bank in London) oder die Parsen (zu dieser Gruppe gehört etwa die Familie Tata, die über ein Industrieimperium gebietet). Nach den Regeln der Sikh-Religion, die auch das Kastenwesen ablehnt, sind Männer und Frauen sogar gleichgestellt.

Obwohl die Brahmanen nur 2 bis 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, besetzen sie 70 Prozent der Stellen in Regierung und Justiz. Sie genießen nicht nur im eigenen Land umfangreiche Privilegien, sondern studieren oft im Ausland und sind so mit westlichen Denkweisen vertraut. Auch die Frauen präsentieren diese dann selbstbewusst ihren westlichen Gesprächspartnern. Dies kann allerdings ein falsches Bild der indischen Gesellschaft vermitteln. Denn während der gut ausgebildeten weiblichen Elite zweifellos eine große Zukunft offen- steht, gilt für 90 Prozent der Frauen immer noch der Satz: "Töchter sind das größte Elend."

Japan, Südkorea, Singapur

Die Lage in anderen asiatischen Ländern unterscheidet sich zum Teil sehr von der eben beschriebenen Situation in China und Indien. Davon können wir allerdings nur einen Eindruck vermitteln, indem wir die Situation in Japan, Südkorea und Singapur schildern.

Japan

Tomoyo Nonaka zog das Interesse der internationalen Presse auf sich, weil sie eine der sehr wenigen Frauen war, die an die Spitze eines japanischen Unternehmens gelangten. Von Juni 2005 bis März 2007 war sie CEO von Sanyo Electric und versuchte, die große finanzielle Schieflage des globalen Unternehmens zu korrigieren. Schließlich trat sie - nach offiziellen Verlautbarungen freiwillig - zurück.

Auch Japan gehört zu den Ländern des konfuzianischen Kulturkreises. In Bezug auf die Rolle und Möglichkeiten der Frauen zeigt sich hier noch ein besonders traditionelles Verständnis. Obwohl Mädchen Schulen und Universitäten besuchen, dürfen sie danach überwiegend nur als "office flowers" in großen Firmen wirken: Sie begrüßen Besucher und schenken Tee aus. Die Betriebe beschäftigen die jungen Frauen zudem auch, damit unverheiratete junge Angestellte die Möglichkeit haben, eine passende Frau zu finden. Sobald sie heiraten, sind Frauen für die Familie und für häusliche Angelegenheiten zuständig.

Hausfrau und Mutter zu sein ist in Japan eine anspruchsvolle Aufgabe. Hausfrauen sind eine mächtige Konsumentengruppe, weil sie meist allein für das Haushaltsbudget verantwortlich sind. Und sie haben für eine gute

Ausbildung der Kinder zu sorgen. Das japanische Schulsystem selektiert hart. Die Aufgabe, die Kinder für diesen Kampf zu rüsten und sie zu unterstützen, obliegt allein den Frauen. In einem Sprichwort heißt es: "Mein Vater hat mich gezeugt, und meine Mutter hat mich aufgezogen."

In Japan sind die Welten der Frauen und Männer strikt voneinander getrennt. Japanische Frauen sagen scherzhaft: "Das Wichtigste ist, dass der Ehemann gesund und außer Haus ist." Sind dann die Männer nach der Pensionierung zu Hause, zeigen sich die negativen Folgen des jahrzehntelangen Nebeneinanderlebens. Die Scheidungsraten steigen deshalb in dieser Lebensphase sprunghaft an.

Zwar sind 40 Prozent der Beschäftigten in Japan weiblich, doch die meisten Frauen arbeiten Teilzeit und werden schlecht bezahlt. Natürlich hat auch Japan Gesetze gegen die Diskriminierung von Frauen, und es gibt auch Feministinnen. Dennoch wird die traditionelle Rolle der Frau von der überwiegenden Mehrheit akzeptiert und gelebt. Nur eine Gruppe junger Frauen in den großen Städten will sich dieser Rolle nicht beugen. Sie leben (kostengünstig) bei ihren Eltern, heiraten nicht und geben ihr Geld für Marken- und Luxusartikel aus. Diese unter Konsumaspekten sehr interessante Gruppe wird in Japan als "young parasite singles" bezeichnet.

Für westliche Geschäftsfrauen kann es sehr schwierig sein, mit japanischen Geschäftspartnern zu arbeiten. Das Geschäftsleben ist im Wesentlichen eine Männerwelt, und japanische Manager haben sich noch nicht an Geschäftsfrauen gewöhnt. Diese können aber erfolgreich sein, wenn sie die Regeln kennen. Eine erfahrene deutsche Exportleiterin, die sehr gute Geschäftsbeziehungen zu Honda aufbaute, sagt dazu: "Du musst sein wie Maggie Thatcher: knallhart und immer lächeln."

Südkorea

Die Bedingungen dort sind für Frauen ähnlich wie in Japan, weil auch dieses Land zum konfuzianischen Kulturkreis gehört. In den vergangenen 20 Jahren ist auch in Südkorea die Geburtenrate deutlich gesunken. Als Grund wird oft die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen genannt. Koreanische Eltern verweisen aber auf eine andere Ursache. Auch in Korea sieht man es als wichtigste Aufgabe an, den Kindern eine gute Schulausbildung zu ermöglichen. Gute Kindergärten, Schulen oder Universitäten sind jedoch sehr teuer. Manche Familien geben die Hälfte ihres Einkommens dafür aus. Deshalb hört man oft: "Wir können es uns nicht leisten, mehr als ein Kind zu haben." Und wieder soll das eine Kind natürlich ein Junge sein - das Verhältnis von Jungen zu Mädchen liegt daher bei 116:100.

In vielen asiatischen Ländern lässt sich also ein Männerüberschuss beobachten. Ob dies die Macht und Karrierechancen der Frauen stärken wird, bleibt abzuwarten. Aber wie sagte eine Koreanerin, als ihr Kollege die Geburt eines Sohnes feuchtfröhlich feierte: "In 20 Jahren klopft er an die Tür meiner Tochter, und sie wird auswählen können!"

Singapur

Für die Frauen in Singapur stellt sich die Frage, ob Karriere erwünscht ist, nicht. Lee Kuan Yew, früherer Premierminister, hat in den 80er Jahren klar herausgestellt, dass sich dieser kleine Stadtstaat nur mithilfe von "brain-power" schnell wirtschaftlich entwickeln kann.

Obgleich überzeugter Konfuzianer, begriff er, dass ein Land ohne große Fläche und Rohstoffe nur durch das Wissen seiner Menschen Wohlstand schaffen kann. Jungen und Mädchen in diesem Sinne gleichermaßen eine gute Ausbildung zu verschaffen war seine pragmatische Antwort.

Frauen erhalten heute in Singapur nicht nur die gleiche Ausbildung wie Männer, sondern sind auch auf jeder Ebene im Geschäftsleben akzeptiert. Es gibt allerdings den unerwünschten "Nebeneffekt", dass Frauen die traditionellen Rollen ablehnen und oft auch keine Kinder mehr bekommen wollen.

Fazit

Frauen spielen in den Führungsetagen asiatischer Unternehmen eine bedeutende Rolle. Die Gründe dafür sind unterschiedlich: Sie reichen von der staatlichen Förderung junger Frauen in Südkorea über die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Indien bis hin zu strukturellen Karrierevorteilen im auf männlichen Nachwuchs fixierten China.

Die im Vergleich zu Europa und den USA scheinbar großen Erfolge bei der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich asiatische Managerinnen von ihren Kolleginnen und Kollegen im Westen unterscheiden. Wer in Asien Geschäfte macht, sollte sich stets mit den kulturellen Hintergründen vertraut machen. n

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