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Kolumne Aristoteles am Telefon

aus Harvard Business manager 9/2010

Jedes Mal, wenn ich jemanden mit dem Handy telefonieren sehe, muss ich an Aristoteles denken. Dabei geht es weniger um das, was die Leute sagen, die ich telefonieren sehe, als darum, wie sie es tun. Sie sitzen also in ihre Notizen vertieft zum Beispiel in einer Bar oder in einem Zugabteil, und es klingelt. Unmittelbar nachdem sie Kontakt aufgenommen haben, stehen sie auf und beginnen umherzuwandern, ziellos von einem Ende des Ganges oder des Flures zum anderen, sie reden und rufen und gestikulieren (mit der freien Hand), immerfort in Bewegung. Das ist dann der Moment, in dem ich an die gute alte peripatetische Philosophie denken muss, wie die Schule des Klassikers Aristoteles genannt wird, nach der "Wandelhalle", in der er mit seinen Schülern über die Realität der Dinge, die Ethik und ande-res nachdachte, das uns bis heute bewegt. Seitdem gilt Bewegung bei geistiger Arbeit als inspirierendes Element, ja, um den späteren Spruch der alten Römer vom gesunden Körper als Sitz des gesunden Geistes aufzunehmen, als Voraussetzung für intelligente Gedanken.

Nun gibt es zwei Einwände, die ich aber schnell zerstreuen werde, den ersten schneller als den zweiten. Erstens also, sagen Kritiker meiner Gedanken, ist es keineswegs ausgemacht, dass bei der peripatetischen Telefonie intelligente Botschaften ausgetauscht werden. Nun gut, was man so hört, mag den Verdacht nähren, Ortsangaben zum Beispiel. "Ich bin jetzt im Zug!" oder "Ich bin da und da" (was sehr unterhaltsam sein kann, wenn man den Sprecher bei offensichtlichen Lügen ertappt). Ich vermute aber, dass, wäre der Telefonierende sesshaft, noch größere Trivialitäten ausgetauscht würden.

Der andere Einwand ist gravierender und zeugt von echtem Bildungsbürgertum. Der Korrektor wird nämlich geltend machen, dass die Vorstellung von der Philosophie im Wandeln ein Übersetzungsfehler sei. Nichts als die Übertragung des Ortes - also der Wandelhalle, in der diese Philosophie sich entwickelte - auf die Art, in der man vermutet, dass sie sich entwickelte. Das führte eben in der späteren Interpretation dazu, sich die Philosophie dieser Schule als eine Art mobiles Unternehmen vorzustellen, inszeniert durch redende und (mit beiden Händen) gestikulierende Gestalten. Falsch, sagen hierzu die Bildungsbürger.

Doch eines begreifen sie nicht, dass sich nämlich mit dem technischen Fortschritt erst die wahre Form der aristotelischen Philosophie zu etablieren beginnt, sozusagen als Entäußerung der Idee in die Realität. Denn erst durch das Mobiltelefon konnte sich die Wandelhalle zu einem global mobilen Kommunikationsforum erweitern. Während einer in Singapur auf der Orchard Road herumwandert, um sich mit seinem in Hamburg auf dem Jungfernstieg kreuzenden Partner auszutauschen, wird die Welt im Gehen so verändert, wie es nicht einmal die peripatetische Philosophie vermochte.

Bei aller Wucht dieses Gedankens möchte ich nur eine Einschränkung geltend machen: Wenn Sie, liebe Leserin-nen und Leser, zu den Handy-Peripatetikern in der Deutschen Bahn zählen, achten Sie bitte darauf, dass Sie nicht ununterbrochen laut philosophierend an meinem Abteil vorbeiwandern.

© 2010 Harvard Business Manager

Produktnummer 201009103, siehe Seite 104

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