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Best Practice Alles Massgeschneidert

aus Harvard Business manager 1/2012

Mitarbeiter handeln Verträge aus

"Wenn es um das Thema Unternehmenskultur geht, hat jeder Mensch eine Geschichte parat. Entweder weil es in der eigenen Organisation geknallt hat oder weil mal wieder irgendwo das Hohelied auf das Büro der Zukunft gesungen wird. Da werden dann flexible Arbeitszeitmodelle angesprochen und mobiles Arbeiten und Work-Life-Balance propagiert. Alles gut, schön und richtig - aber oft zu komplex umgesetzt.

Wer die Art, wie wir miteinander arbeiten, wirklich verändern will, muss bei den Wurzeln anfangen. Eine Unternehmenskultur ist im Grunde doch nichts anderes als die Summe aller geteilten individuellen Annahmen, die eine Organisation für die Bewältigung des eigenen Alltags als wichtig erachtet. Deswegen sollte sich jeder einzelne Mitarbeiter ernst und wichtig genommen fühlen - und zwar wegen seiner individuellen Fähigkeiten und nicht als Teil einer anonymen Masse.

In der Praxis sieht das bei uns so aus: Statt auf seitenlange, juristisch ausgefeilte Standardarbeitsverträge, die im Endeffekt doch nur der gegenseitigen Absicherung nutzen, setzen wir auf individuell ausgehandelte Vereinbarungen. In diesen Vertrauensverträgen schreiben beide Seiten dezidiert ihre Erwartungshaltungen auf und gleichen sie bei einem ausführlichen Gespräch miteinander ab. Das können von Seiten des Arbeitgebers konkrete Aufgabenbeschreibungen sein wie etwa die Pflege einer Datenbank oder der Aufbau eines neuen Standorts. Mitarbeiter können darin zum Beispiel festhalten, wohin sie sich in den nächsten fünf Jahren entwickeln wollen. Vorgegebene Angaben zu Arbeitszeitregelungen oder Urlaubsansprüchen gibt es bei uns nicht - es sei denn, eine der beiden Parteien spezifiziert sie im Vertrauensvertrag. Jeder Kollege ist frei, dort zu schreiben, dass er statt der gesetzlich vorgeschriebenen Zahl 35 oder gar 40 Tage Urlaub haben will. Wenn er im Gegenzug unsere Erwartungen erfüllt, geht das klar.

Dieses Prinzip gilt bei uns im Grunde für alle Belange des Arbeitslebens: Bei uns bekommt jeder Mitarbeiter die Aufgabe, den Lohn und die Freiheit, die er für sich angemessen findet. Vertrauen funktioniert aber nur, wenn man sich aufeinander verlassen kann: Jeder Kollege ist deshalb für seinen Teil des Vertrages verantwortlich. Ich möchte, dass die Menschen sich wirklich Gedanken darüber machen, wie sie sich selbst und dem Unternehmen am meisten nützen. Eine Trennung ist mir im Zweifel lieber als Dienst nach Vorschrift.

Übrigens: Seitdem wir auf die Vertrauensverträge umgestellt haben, mussten wir kein einziges Mal mehr zum Arbeitsgericht."

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