Vergütung Warum integre Manager mehr verdienen sollten

Wer Führungskräfte nur nach Leistung bezahlt, öffnet die Tür für krumme Geschäfte. Was fehlt, ist ein finanzieller Anreiz zur Rechtschaffenheit. Allerdings können viele Unternehmen die Bedeutung der Integrität ihrer Manager für den Geschäftserfolg nur schwer einschätzen.
Von Ben W. Heineman Jr.

Auf Druck von Öffentlichkeit und Aktionären entwickeln viele Aufsichtsräte derzeit Vergütungsmodelle, die das Gehalt des CEOs an seine Leistung koppeln ("Pay for Performance"). So soll es möglich werden, ihn finanziell zur Rechenschaft zu ziehen. Doch diese Pläne haben oft einen entscheidenden Fehler: Sie koppeln das Gehalt des Firmenchefs nicht an seine Integrität. Das lässt sich an den Berichten der Vergütungsausschüsse ablesen, die in den Aktionärsinformationen zu finden sind.

Das Versäumnis ist bemerkenswert. Denn börsennotierte Unternehmen sind einem ständigen Druck ausgesetzt, ihre Zahlen zu verbessern, indem sie Vorschriften umgehen. Ein Integritätsverlust kann jedoch katastrophale Folgen haben - von einem Gerichtsverfahren über Geldbußen und Entlassungen bis hin zu einem Zusammenbruch der Börsenkapitalisierung. Eine gute und rechtschaffene Leistung des CEOs dagegen ist die Grundlage für jenes elementare Vertrauen - innerhalb und außerhalb der Organisation -, auf dem die Macht eines Unternehmens beruht.

Ein Aufsichtsrat sollte daher ausdrücklich einen festgelegten Teil des Gehalts und der Aktienoptionen des CEOs davon abhängig machen, wie erfolgreich der Firmenchef die grundlegende Aufgabe meistert, auf allen Ebenen des Unternehmens hohe Leistung mit hoher Integrität zu verbinden. Doch warum tun Aufsichtsräte dies nicht? Vielleicht weil sie unsicher sind, was Integrität überhaupt bedeutet - und inwiefern sie sich im finanziellen Ergebnis niederschlägt.

Der erste Schritt bei der Entwicklung eines leistungs- und integritätsabhängigen Gehaltsmodells ist es, folgende Definition zu verinnerlichen: Integrität bezeichnet eine einheitliche Unternehmenskultur, die drei Elemente enthält: 1. Das Unternehmen befolgt zuverlässig alle offiziellen Regeln. 2. Es übernimmt moralische Normen, die langfristig in seinem eigenen Interesse sind. 3. Die Mitarbeiter verpflichten sich, ehrlich, offen, fair, vertrauenswürdig und verlässlich zu handeln.

In Schritt zwei muss der Aufsichtsrat einschätzen, ob hohe Leistung und hohe Integrität für den CEO untrennbar verbunden sind. Um das zu entscheiden, sollten die Aufsichtsräte folgende Fragen beantworten - mithilfe von harten Zahlen ebenso wie mithilfe ihres eigenen Urteilsvermögens:

  • Hat der CEO im gesamten Unternehmen das Prinzip "Leistung plus Integrität" eingeführt, für das die Führungsriege verantwortlich ist und auch zur Rechenschaft gezogen werden kann? Dazu gehört es beispielsweise, einen rechtschaffenen Führungsstil vorzuleben und sich engagiert und konsequent für dieses Prinzip einzusetzen. Dazu gehört es aber auch, "Leistung plus Integrität" als Geschäftsprozess zu behandeln, Frühwarnsysteme zu nutzen, um bei globalen Entwicklungen die Nase vorn zu haben, die Mitarbeiter rechtzeitig auf mögliche Gefahren vorzubereiten oder die Meinung der Belegschaft einzuholen.

Weitere Fragen für Aufsichtsräte

  • Haben der CEO und die anderen Topmanager diese Prinzipien zuverlässig in allen Arbeitsabläufen verankert? Wenn Führungskräfte weder Zeit noch Mühe oder Ressourcen darauf verwenden, grundlegende Integritätsprinzipien in die Abläufe des Unternehmens einzubinden, dann bleiben öffentliche Stellungnahmen des Topmanagements zu ethischen Standards reine Lippenbekenntnisse.

  • Ist die gesamte Unternehmenskultur vom Geist der Integrität durchdrungen? Messen lässt sich das mit einer grundlegenden Methode: der anonymen Mitarbeiterbefragung über alle Bereiche und Regionen hinweg. Das Unternehmen sollte seine Beschäftigten fragen: "Ist die Integrität in unserem Unternehmen durch wirtschaftlichen Druck gefährdet?", und: "Spiegelt sich das Bekenntnis der Unternehmensführung zu ethischen Grundsätzen auch in ihrer täglichen Arbeit wider?" Zudem könnte der Aufsichtsrat in regelmäßigen Abständen externe Personalberater damit beauftragen, den CEO und das Topmanagement in 360-Grad-Audits zu eben jenen Fragen zu beurteilen.

  • Hat der CEO die Jahresziele erreicht, die ihm der Aufsichtsrat in puncto "Leistung plus Integrität" gesetzt hat? Dazu gehört es beispielsweise, einen größeren Fehlschlag oder eine Krise wirksam anzugehen - etwa einen Unfall mit Umweltschäden, einen Bestechungsfall oder eine Korrektur des Jahresabschlusses -, die Ursachen dafür unvoreingenommen aufzudecken und das Problem systematisch zu lösen. Ein weiteres Jahresziel für den Chief Executive Officer könnte es sein, in neuen Märkten wie China, Russland oder Indien Führungskräfte zu rekrutieren, für die Leistungsstärke und Integrität keine Gegensätze sind.

  • Wie schneiden die einzelnen Unternehmensbereiche im direkten Vergleich ab? Der Aufsichtsrat sollte darauf achten, inwieweit sich ethische Praktiken innerhalb der einzelnen Unternehmensbereiche unterscheiden und wie der CEO mit jenen umgeht, die die Vorgaben zu langsam umsetzen. Auch die Frage, wie die Unternehmensbereiche im Vergleich mit der Konkurrenz abschneiden, sollte ein Kriterium für den Aufsichtsrat sein. (Dazu muss er möglicherweise Daten aus der Presse oder von offiziellen Stellen auswerten. Auch eine vergleichende Wirtschaftsprüfung, etwa durch einen ehemaligen Mitarbeiter einer staatlichen Aufsichtsbehörde, kommt infrage.)

Die Richtlinien, anhand deren der Aufsichtsrat die Einhaltung des "Leistung plus Integrität"-Prinzips überprüft, sollten sich auch in den Kriterien für die CEO-Nachfolgeplanung wiederfinden. Bei der Beurteilung möglicher Kandidaten sollten sich die Aufsichtsräte immer die Frage stellen: Besitzen sie das Wissen, die Erfahrung und die Kompetenz, um eine stabile Kultur der Leistungsstärke und Integrität fest in allen Arbeitsabläufen zu verankern?

Die gleichen Richtlinien sollten auch für die Vergütung der Topführungskräfte gelten und in den Aufbau von Führungskräfteentwicklungsprogrammen einfließen. Das ist der sicherste Weg, um zu gewährleisten, dass langfristig nur solche Manager auf den obersten Hierarchieebenen arbeiten, die sich die Prinzipien und Regeln von "Leistung plus Integrität" zu eigen gemacht haben. Denn sie helfen dem Unternehmen, Risiken zu vermeiden, die es schwächen könnten. Gleichzeitig erwerben sie für ihr Unternehmen jenes Vertrauen, das notwendig ist, um im Geschäftsleben erfolgreich zu sein.

Wie hält es Ihr CEO mit der Moral?

Die folgenden Fragen helfen Aufsichtsräten zu beurteilen, wie gut der CEO Leistung und moralische Integrität verbindet. Bei der Beantwortung sind Methoden wie Ablaufanalyse und vertiefte Prüfverfahren hilfreich. Auch Fragen nach den externen Folgen - etwa Umweltschäden oder Kundenbeschwerden - sollten eine Rolle spielen.

Führung

  • Vermittelt der CEO allen Mitarbeitern den Grundgedanken, dass sie die moralische Integrität des Unternehmens niemals aufs Spiel setzen dürfen, um der Firma einen finanziellen Vorteil zu verschaffen?

  • Zieht der CEO nicht nur die Indianer, sondern vor allem die Häuptlinge für ethische Verfehlungen zur Rechenschaft?

  • Spricht der CEO auf Betriebsversammlungen regelmäßig über schwierige Moralfragen?

Unternehmensabläufe

  • Hat der CEO eine stabile moralische Infrastruktur aufgebaut? Mit anderen Worten: Hat er Abläufe eingeführt, mit denen sich Verfehlungen in allen Unternehmensbereichen und Regionen verhindern oder aufdecken lassen und die eine angemessene Reaktion auf solche Fehltritte gewährleisten? Und liegt die Verantwortung dafür bei den obersten Führungskräften?

  • Kann der CEO realistisch einschätzen, an welchen Stellen Handlungsbedarf in Moralfragen besteht? Stellt er für diese Maßnahmen genügend Finanzmittel zur Verfügung?

  • Reagiert der CEO auf Frühwarnungen vor rechtlichen, ethischen oder länderspezifischen Risiken?

Mitarbeiterbeteiligung

  • Ermutigt der CEO seine Mitarbeiter, ihre Bedenken gegenüber finanziellen, rechtlichen und ethischen Entscheidungen zu äußern, und verhindert er systematisch Vergeltungsmaßnahmen gegen Whistleblower?

  • Stellt der CEO sicher, dass die ethischen Bedenken der Mitarbeiter fair und schnell überprüft werden, dass das Unternehmen über neue Entwicklungen Bescheid weiß und dass es Verfehlungen konsequent entgegensteuert?

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