Risikomanagement Mehr Demokratie wagen

Wie ein Mensch Bedrohungen einschätzt, hängt von seinen Werten und Vorurteilen ab. Deshalb sollten Unternehmen an einer Gefahrenanalyse möglichst viele Leute beteiligen - auch Außenstehende.
Von Denise Caruso

Unsere Welt steckt voller Risiken - und auch im Jahr 2005 können wir uns nicht übermäßig in Sicherheit wiegen. Der Terrorismus und die rapide steigende Staatsverschuldung der USA sind schon bedrohlich genug. Doch das ist noch nicht alles: Hinzu kommen gefährliche, auch den Menschen bedrohende Seuchen wie BSE oder die Vogelgrippe; die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die das globale Klima beeinflussen.

Außerdem gibt es gentechnisch veränderte Pflanzen, die ihr Erbgut mit unabsehbaren Konsequenzen auf ihre natürlichen Verwandten übertragen; die neue Nanotechnikbranche, die Millionen winziger Molekularroboter in unsere Körper und die Umwelt bringen will, ohne auch nur ansatzweise über die Folgen nachgedacht zu haben. All diese Dinge sind triftige Gründe, um unruhig zu werden.

In den Unternehmen werden die Verantwortlichen für das Risikomanagement ja bereits nervös, wenn es gilt, alltägliche Minenfelder zu entschärfen: Was ist, wenn die Technik versagt?

Wenn die Kunden ein neues Produkt ablehnen? Wenn die Finanzmärkte abstürzen, bevor die nächste Finanzierungsrunde abgeschlossen ist? Diese Menschen sind aber ebenso von den großen existenziellen Risiken betroffen.

Denn wir sind nun einmal alle miteinander vernetzt - und das nicht nur durch das (von Hackern und Viren bedrohte) Internet. Diese Lektion mussten die Verantwortlichen in vielen Unternehmen lernen - nach dem 11. September 2001, dann erneut während des Stromausfalls in den Vereinigten Staaten im Jahr 2003 und schließlich noch einmal beim Ausbruch der Sars-Epidemie in Asien.

Mit den Risiken dieses Erdballs leben

Kein Unternehmen existiert isoliert von der übrigen Welt: Es ist keine "Insel, in sich selbst vollständig", wie das berühmte Wort des britischen Dichters John Donne (1572 bis 1631) lautet.

Ob man es nun wahrhaben will oder nicht: Man muss wohl oder übel mit den Risiken leben, die andere Bewohner dieses Erdballs zu verantworten haben. Was die Frage aufwirft, wie wir mit jenen Megarisiken umgehen sollen, die sich nicht kontrollieren lassen und für die praktisch niemand verantwortlich zu machen ist.

Es gibt keine wirklich neuen Erkenntnisse und Strategien, die dabei helfen könnten, der Wirkung höherer Gewalt Herr zu werden. Mit Blick auf die Gefahren von Wissenschaft und Technik würde Donne vielleicht sagen: Auch kein Risiko existiert für sich allein.

Von Menschen gemachte Risiken existieren immer in einem Kontext. Wir entscheiden als Gesellschaft, als Individuen und als Führungskräfte in Unternehmen, was riskant ist und was nicht. Diese Entscheidungen spiegeln unsere Werte und Vorurteile wider.

Herkömmliche Risikoberechnungen potenzieren diese einseitige Sicht nur, weil sie eine Zahl herleiten wollen, die das Problem quantifiziert - selbst wenn die interessierten und betroffenen Parteien uneinig sind über die Art des Problems und sich auch hinsichtlich ihrer Lösungen oder in ihren Vorstellungen von einer sinnvollen Berechnungsmethode unterscheiden.

Unternehmen neigen dazu, sich auf ihre unmittelbaren Interessen zu konzentrieren. Aber große Risiken betreffen Menschen und Organisationen weit entfernt vom Träger des Risikos.

Wer sich weigert, diese Tatsache anzuerkennen oder sich mit ihr auseinander zu setzen, läuft Gefahr, plötzlich und unvorhergesehen zur Verantwortung gezogen zu werden. Ob ein betroffenes Unternehmen einen Gewinnrückgang hinnehmen oder Arbeitsplätze abbauen muss, ob die Regierung eine vom Steuerzahler finanzierte Maßnahme einleitet - jeder muss zahlen.

Perspektivverengungen vermeiden

Beispielsweise sagt Monsanto, gentechnisch veränderter Mais und transgenes Soja seien sicher. Sollte aber irgendetwas Unvorhergesehenes passieren, würden unweigerlich alle, die mit diesen genmanipulierten Produkten zu tun hatten, in Mitleidenschaft gezogen werden - von Nahrungsmittelherstellern über Händler und Vertriebler bis zu Verbrauchern und Landwirten.

Solche Risiken werden zwar oft von Außenstehenden erkannt, aber ebenso oft von den Entscheidern ignoriert. So hat sich die amerikanische Nationale Akademie der Wissenschaften in vielen Studien mit der Frage auseinander gesetzt, wie mit solchen Risiken umzugehen sei. Diese Studien sprechen sich unmissverständlich dafür aus, dass Firmen in einem transparenten Prozess das Risiko abschätzen.

Das Ziel: Jene Perspektivverengungen zu vermeiden, zu denen die Interessenkonflikte zwischen Risikoträgern - wie zum Beispiel Wissenschaftlern und Erfindern und deren Arbeitgebern - und Regulierungsorganen oft führen. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass eine wertfreie Risikoeinschätzung unmöglich ist - weil die Werte eines jeden Experten auch die Form der Analyse prägen und weil diejenigen, die ein Risiko einschätzen, dabei unweigerlich ihre eigenen Vorurteile perpetuieren.

Zudem mahnt die Akademie Risikomanager, mit Ungewissheiten so umzugehen, wie dies heute selten getan wird. Das heißt, ganz bewusst auch Fragen in Betracht zu ziehen, die sich vielleicht gar nicht beantworten oder messen lassen. Obwohl dies der Intuition zuwiderläuft, profitiert die technische Qualität einer Risikoeinschätzung davon enorm.

Der Bericht "Science and Judgment in Risk Assessment"  aus dem Jahr 1994 empfiehlt der US-Umweltbehörde Environmental Protection Agency (EPA), "bei ungeeignetem Datenmaterial nicht auf eine Risikoeinschätzung zu verzichten, sondern stattdessen die Implikationen für die Forschung zu ergründen".

Wenn sich also die EPA mit allen erdenklichen Ungewissheiten, etwa wie genmanipulierte Pflanzen auf die benachbarte Flora und Fauna wirken können, konfrontiert sieht, sollte sie dieses Feld lieber weiter erforschen, statt auf Grundlage vorhandener, größtenteils irrelevanter Daten zu entscheiden.

Neben den Profis auch Laien beteiligen

Das Bemerkenswerteste ist: Risiko ist nicht nur ein soziales Konstrukt, sondern fordert auch das Handeln der Gesellschaft. Sollen die genannten Formen von Risikoeinschätzung effektiv sein, muss ein weiter Kreis gewissenhaft ausgewählter Experten und Interessenvertreter beteiligt sein.

Soll dieser Kreis vertrauenswürdig sein, muss er sich zudem aus allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen zusammensetzen und neben Experten und Profis auch betroffene Laien oder Interessierte einbeziehen.

Diese Methode - die zwischen Analyse und gemeinsamer Beratung wie auch zwischen Experten und Interessengruppen vermittelt - ist wahrhaftiger, weniger anfällig für Vorurteile und aufschlussreicher, als den meisten um ihre Geschäftsgeheimnisse bemühten Unternehmen heute lieb ist.

Die Folge: Sie wird selten angewandt, vor allem in den USA. Das Verfahren ist unübersichtlich, es wirkt allzu menschlich und führt selten zu der sauberen Wahrscheinlichkeitsrechnung, in die manche ein Risiko gern verpacken und den Verantwortlichen präsentieren.

Dennoch hat sie sich immer wieder bewährt - insbesondere bei privaten Risikofachleuten, bei einigen fortschrittlichen Unternehmen oder auch im tiefsten Inneren einiger Behörden, die den Mut haben, ihre eigene Ineffektivität zu hinterfragen.

Betrachten Sie diese Überlegungen einmal im Zusammenhang mit der vernünftigen, nobelpreisprämierten Theorie von Daniel Kahneman und Amos Tversky, wonach alle Menschen sich von Werten und Vorurteilen statt von rationalen Erwägungen leiten lassen.

Nun sind auch technische Experten, Wissenschaftler und Risikomanager natürlich Menschen - damit liegt es auf der Hand, dass es nur von Vorteil sein kann, möglichst viele verschiedene Köpfe an einer Risikodiskussion zu beteiligen. Wir wissen also, was wir tun und wie wir dabei vorgehen müssen. Worauf warten wir noch?


Literatur
Caruso, D.: Redefining Risk in the Post-Genome World, Doubleday 2005.

Studie
des Nationalen Wissenschaftsrates der USA mit dem Titel "Science and Judgment in Risk Assessment" .

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