Akustik Hören Sie genau hin

Der Tontechnik steht eine ähnlich radikale Revolution bevor, wie sie die Grafik gerade hinter sich hat. Die Fürsprecher diskutieren bereits über neue Produkte; wie zum Beispiel Autoradios, mit denen jeder einzelne Insasse den Sender seiner Wahl hören kann.

Seit Jahrzehnten erfreuen Technik und Industrie die Augen der Kunden mit immer eleganteren und schickeren Produkten. Wozu sie gut sind, erfassen wir in erster Linie mit unseren Augen. Was wir hören, wird seit jeher eher stiefmütterlich behandelt.

"Im Vergleich zum visuellen Pendant hinkt das Sounddesign 20 Jahre hinterher", sagte der Audio-Guru Dane Davis in der Zeitschrift "Wired", einige Jahre nachdem er für seine Tonbearbeitung im Film "The Matrix" den Oscar bekommen hatte.

Er schilderte, dass für die gewünschten Effekte Autos von Kränen fallen gelassen und Gegenstände mit Abrissbirnen eingeschlagen werden mussten. Davis würde seine Geräusche lieber am Computer produzieren. Doch leider gibt es noch keine Software, die das leisten kann.

Allmählich rücken die Ohren in den Mittelpunkt des Interesses. Der Fortschritt in der Tontechnologie wird wohl ähnlich verlaufen wie der im Bereich der Computergrafik in den letzten 20 Jahren.

Damit würde sich eine Welt mit allgegenwärtigen, synthetischen Sounds eröffnen, die nicht mehr von natürlichen Klängen zu unterscheiden sind. Kinofilme könnten auf jeden Fall davon profitieren. Videospiele - deren Audioelemente lächerlich primitiv sind - sogar noch mehr.

Und das ist erst der Anfang. Wer es schafft, Töne zu erzeugen, die nicht nur realistisch sind, sondern auch noch viele Informationen transportieren, wird Anwendungsmöglichkeiten in zahlreichen Branchen finden.

Icons für die Ohren

Eine interdisziplinäre Wissenschaft namens Auditory Display (AD) befasst sich damit, wie das Gehirn auf Töne reagiert, wie sich akustische Signale auf Stimmung und Leistungsfähigkeit auswirken und welche Anwendungsmöglichkeiten beides bietet.

Aus dieser Wissenschaft sind bereits Produkte hervorgegangen, die Piloten, Chirurgen und Intensivmediziner verwenden. Sie kommen häufig dort als Warnsysteme zum Einsatz, wo Menschen in einer Umgebung mit vielen visuellen Reizen arbeiten. Bislang sind diese Anwendungen relativ simpel.

Die weitaus interessantere Technik ist die Datensonifikation, die Umwandlung von Daten in akustische Signale.

Eigenschaften wie Tonhöhe, Lautstärke und Vibrationsgeschwindigkeit lassen sich verschiedenen Datenelementen und -arten zuordnen. Die Bedeutung erschließt sich dem Zuhörer über die Klangmuster. Liegen die Daten in Clustern oder Segmenten vor? Sind Trends auszumachen? Langzeitwirkungen?

Die einfachste Art der Sonifikation sind die "Earcons", also die Audioversionen von Symbolen (Icons), die für ein bestimmtes Ereignis stehen, beispielsweise das Leeren des Papierkorbs auf dem Desktop des Rechners.

Doch die Technikfirmen arbeiten an noch ausgefeilteren Methoden, mit denen die Nutzer ein Terabyte an Daten mit Bedeutung erfüllen könnten. Das würde dem Datenbestand der Unternehmen neue Wertschöpfungsmöglichkeiten verschaffen.

Natürlich erfordern diese Werkzeuge eine intensive Schulung. Die Nutzer müssten lernen, welche Daten mit welchen Klangattributen verknüpft sind und wie die unterschiedlichen Muster zu interpretieren sind.

Die Klangrevolution

Eine weitere, viel versprechende Technik ist der direktionale Klang. Diese Technik ist mit einem Laser vergleichbar. Es wird ein "Strahl" ausgesendet, der so stark gebündelt ist, dass er nur innerhalb eines kleinen Bereichs zu hören ist.

Die Fürsprecher der neuen Technik diskutieren bereits über Anwendungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Reklameflächen: Audiobotschaften, die nur von Passanten wahrgenommen werden, Anwohner aber nicht belästigen; oder Autoradios, mit denen jeder Insasse den Sender seiner Wahl hören kann; oder Orientierungshilfen für Blinde.

Die psychologische Wirkung von Klängen ist nicht minder faszinierend. Wir wissen seit langem, dass sich bestimmte Arten von Musik, insbesondere klassische Musik, positiv auf unsere Stimmung und Leistungsfähigkeit auswirken.

Während der Weltwirtschaftskrise führte die US-Firma Muzak das Abspielen von Musik in Schreibpools ein, um die Produktivität zu erhöhen, und begann Aufzüge zu beschallen, um die Nerven der Fahrgäste der damaligen Zeit zu beruhigen.

Heute stößt der Einsatz von Musik und anderen Klängen in Geschäften und am Arbeitsplatz auf wachsendes Interesse.

In Großbritannien stellten Forscher Folgendes fest: Ob Kunden französischen oder deutschen Wein kauften, hing davon ab, ob französische oder deutsche Musik im Hintergrund lief. Immer mehr Unternehmen machen Musik zu einem Teil ihrer Marke. Sie verkaufen CDs, die mit dem Kaffee oder den Möbeln, die sie eigentlich anbieten, fast nichts zu tun haben.

Die Revolution im Grafikbereich hat das Arbeiten mit Computern und anderen Technologien verbessert. Die Klangrevolution könnte dasselbe bewirken. Bei all den visuellen Informationen, die jeden Tag auf uns einprasseln, übersehen wir leicht die wirklich wichtigen Daten. Womöglich ist es der Klang, mit dem wir das Rauschen ausblenden können.

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