Erstmals Streik in slowakischem VW-Werk Aufstand an der verlängerten Werkbank

Zum ersten Mal streiken die Arbeiter bei Volkswagen in der Slowakei - einem Land, das wie kein zweites für die Outsourcing-Strategie der Autoindustrie in osteuropäische Niedriglohnländer steht.
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Volkswagen-Manager müssen ein neues slowakisches Wort lernen: Štrajk. Erstmals in der Geschichte des Werks Bratislava sind die Arbeiter dort am Dienstag in den Streik getreten. Sie fordern vom größten Arbeitgeber des Landes 16 Prozent mehr Lohn.

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Der Arbeitskampf stellt die Niedriglohnstrategie infrage, die die kleine Slowakei zu dem Land mit der weltweit größten Autoproduktion pro Kopf gemacht hat. 1800 Euro brutto im Monat sind genug, findet der Wolfsburger Konzern - das sei fast das Doppelte des örtlichen Durchschnitts, und zum gegenwärtigen Wechselkurs mehr als bei der tschechischen Konzerntochter Škoda. "Für euch das Maximum, für uns das Minimum", beklagen dagegen die Gewerkschafter.

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Das aus den 70er Jahren stammende Werk gehört bereits seit 1991 zu Volkswagen. Die Produktion nahm jedoch erst ab der Jahrtausendwende Fahrt auf, als sich die Slowakei für ausländische Investoren öffnete, ihnen das passende Arbeitsrecht und eine niedrige Flat Tax bot.

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Heute produzieren gut 12.000 Beschäftigte an vier Standorten fast 400.000 Autos im Jahr. Bratislava ist laut Volkswagen "der einzige Produktionsstandort in der Automobilindustrie, an dem fünf Marken unter einem Dach gefertigt werden". Neben den Geländewagen VW Touareg, Audi Q7 und Porsche Cayenne (von letzterem nur die Karosserie, die Endmontage findet in Leipzig statt) sind das auch die Kleinwagen VW Up, Seat Mii und Škoda Citigo. Das bringt eine andere Rolle des Standorts - aus der "verlängerten Werkbank" ist ein zentraler Teil des Produktionsnetzes geworden.

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Die Slowakei zählt zu den exportabhängigsten Ländern der Welt, die Ausfuhren entsprechen rund 100 Prozent der Wirtschaftsleistung - in erster Linie Autos. Neben niedrigen Löhnen und Steuern lockt auch die logistisch gute Lage. Bratislava ist nur eine halbe Stunde von Wien entfernt. Im Unterschied zu den tschechischen, ungarischen und polnischen Standorten der Autoindustrie entfällt für die Slowakei das Wechselkursrisiko - seit 2009 zählt das Land zur Euro-Zone. Dafür kann es nicht mehr abwerten, um trotz steigender Löhne wettbewerbsfähig zu bleiben.

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Der sozialdemokratische Premierminister Robert Fico, der mit Hilfe von Nationalisten regiert, schlägt einen selbstbewussteren Ton gegenüber Investoren wie Volkswagen an: "Warum sollte ein Unternehmen, das die hochwertigsten und luxuriösesten Autos mit einer hohen Arbeitsproduktivität baut, seinen slowakischen Arbeitern die Hälfte oder ein Drittel dessen zahlen, was es den gleichen Mitarbeitern in Westeuropa zahlt?", zitiert ihn Reuters. Die Flat Tax hat Fico bereits wieder abgeschafft, den Steuersatz für Unternehmen erhöht.

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Die Attraktivität des Standorts scheint bisher ungebrochen. Im nahen Trnava montiert der PSA-Konzern mit 3000 Beschäftigten ebenfalls mehr als 300.000 Fahrzeuge pro Jahr, neben dem Citroën C3 Picasso vor allem den Peugeot 208. Wenn PSA Opel übernimmt, wird der Erfolg des europäischen Volumenherstellers auch von billiger Produktion abhängen. Trnava ist neben einem tschechischen Joint-Venture mit Toyota das einzige PSA-Werk in Osteuropa. Gerade haben die Franzosen sich mit der Gewerkschaft auf eine vierte Schicht mit 800 neuen Jobs geeinigt, die Löhne steigen dort um 6,3 Prozent.

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Insgesamt stellen die Slowaken mehr als eine Million Autos im Jahr her, mehr als die traditionelle Autonation Italien. Als dritter großer Hersteller ist seit 2006 die südkoreanische Marke Kia mit dem Werk Žilina vertreten.

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Das mit Hyundai verflochtene Unternehmen kam durch das slowakische Investment erstmals mit eigener Produktion nach Europa. Das Modell Ceed verkörpert den Stolz darauf: Der Name enthält das Kürzel für "europäisches Design".

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Knapp 4000 Menschen arbeiten in der Fabrik mit Kapazität für 350.000 Autos pro Jahr. Auch am Niedriglohnstandort Slowakei läuft die Autoproduktion hochautomatisiert, um Arbeit zu sparen. Auch Kia bietet den Slowaken 7,5 Prozent mehr.

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2018 will der britische Hersteller Jaguar Land Rover eine neue Fabrik in Nitra eröffnen, die "eine ganze Reihe völlig neuer Fahrzeuge" in Aluminium-Leichtbau herstellen soll. Im Vollbetrieb sollen 2800 Arbeiter bis zu 150.000 Autos im Jahr herstellen und die Präsenz auf dem Kontinent sichern, während sich die britische Heimat vom wichtigsten Absatzmarkt der Firma abwendet. Jaguar Land Rover will personalsparend als erster Kunde eine neue Automatisierungstechnik des deutschen Roboterherstellers Kuka in der Slowakei einsetzen.

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Im Windschatten der großen Konzerne hat sich auch eine Autoindustrie der kleinen Manufakturen in der Slowakei etabliert. In Kleinserie baut das Unternehmen K-1 Engineering in Bratislava einen Roadster namens Attack.

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Für die Zukunft der Mobilität will ein weiterer slowakischer Hersteller dem Auto Flügel verleihen. Aeromobil aus Bratislava zählt zu den Anwärtern, die ein Flugauto auf den Markt bringen wollen. Nach eigenen Angaben soll es 2020 so weit sein, da bereits Dutzende Bestellungen vorliegen. Für solche Projekte mit viel Handarbeit dürften die Arbeitskosten durchaus noch relevant sein.

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