Özil-Rücktritt facht Debatte an Elf Migranten, die der deutschen Wirtschaft helfen

Mesut Özil ist Deutscher mit Migrationshintergrund, zählt zu den besten deutschen Fußballspielern. Özil tritt verbittert aus der Nationalmannschaft zurück, fühlt sich als Sündenbock für das Versagen der ganzen Mannschaft bei der WM 2018 verantwortlich gemacht. Sein Rücktritt facht die Debatte über Integration, Einwanderung und Rassismus in Deutschland erneut an. Dabei gibt es viele Menschen mit Migrationshintergrund, die Deutschland voranbringen - auch in der Wirtschaft. Einige Beispiele.
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Tarané Yuson emigrierte im Alter von 15 nach Göttingen. Die Unruhen im Iran und die Schließung der Deutschen Schule Teheran, die sie besuchte, zwangen ihre Eltern dazu, sie alleine nach Deutschland zu schicken, um ihre Ausbildung zu beenden. Nach dem erfolgreich abgeschlossenen Studium der Kommunikationswissenschaften in Hamburg sollte sie das väterliche Unternehmen, eine mit Deutschland kooperierende Porzellanfabrik, übernehmen. Dieser Traum zerbrach aufgrund der anhaltenden Unruhen und des Embargos. Geblieben sind Ihre Passion für Luxus und Lifestyle, Beauty und Fashion: Yuson begann ihre Karriere bei Jil Sander, hatte Führungspositionen bei Montblanc und BBDO inne und übernahm 1999 die Geschäftsführung der Werbeagentur Select NY. Heute führt sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Nadia Schliephake Ihre eigene Agentur, die YeS Ideas, spezialisiert auf Lifestyle. Mit ihrem schnell wachsenden internationalen Team wollen sie demnächst eine Dependance in London und Teheran eröffnen. Multi-Kulti ist ihre Geschäftsgrundlage. "Wenn man schon das Glück hat mit mehreren Kulturen zu leben, sollte man das auch im Business nutzen."

Foto: YeS Ideas
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Friedrich Neumann ist ein echter Berliner Digital Native. Er hat schon zahlreiche Unternehmen selbst gegründet -und bereits verkauft. Der Unterschied zu Rocket-Internet-Gründer Oliver Samwer: Die Firmen müssen schnell profitabel sein. Ihre Beschäftigen kommen aus 25 verschiedenen Nationen. Neuman ist in Brasilien aufgewachsen, seine Mutter ist Brasilianerin, sein Vater Deutscher. Die Familie ist traditionsbewusst. Der erstgeborene Sohn muss zum Beispiel immer Friedrich heißen, auch Neuman hat sein erstes Kind, einen Jungen, so genannt.

Foto: Makers
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Bertram Kandziora, der Vorstandsvorsitzende der Stihl AG, wurde 1956 in Himmelwitz (Schlesien) geboren und lebt seit 1958 in Deutschland. Und machte eine Karriere, wie sie deutscher kaum sein könnte: Nach 14 Jahren bei Bosch kommt Kandziora 2002 als Vorstand Produktion zu Stihl, wird wenig später Vorstandssprecher und Nachfolger von Hans Peter Stihl an der Spitze des Weltmarktführers für Kettensägen. Wenn er von seinen Produkten schwärmt, kommt ein nordbadischer Akzent durch.

Foto: DPA
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Falls es irgendjemandem um Quoten gehen sollte, erfüllt diese Frau gleich zwei: Milagros Caiña-Andree war nicht nur die erste Frau im Vorstand von BMW , sondern bringt gleich noch Internationalität in die Führung des Münchner Autobauers. Seit 2012 leitet sie den Bereich Personal und Sozialwesen und ist verantwortlich für weltweit mehr als 100.000 Mitarbeiter. Geboren im spanischen Boboras (Galicien) wuchs sie in Deutschland auf, machte 1982 im sauerländischen Menden ihr Abitur. Es folgten Stationen in klassisch deutschen Unternehmen wie Vossloh, der deutschen Bahn und schließlich als Personalchefin bei Schenker. Trotzdem beginnt im Gespräch mit ihr gerne mal ein Satz mit "Ich als Spanierin ...".

Foto: BMW
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Dahai Yu - mehr als die Hälfte seines Lebens hat der in Shanghai Geborene in Deutschland verbracht. In Hamburg hat er Chemie studiert, und dort hat er auch seine deutsche Frau kennengelernt. 25 Jahre lang arbeitete der perfekt Deutsch sprechende Yu für Evonik, zuletzt war er dort Vorstandsmitglied und damit der erste gebürtige Chinese in einem Dax-Vorstand. Seit Anfang 2014 ist Yu mit einer Unternehmensberatung selbständig. Außerdem berät er die Private-Equity-Firma Advent.

Foto: Evonic Industries
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1989, im Jahr der Studenten-Unruhen in China, machte sich Zhengrong Liu auf nach Deutschland. Mit 300 D-Mark in der Tasche hoffte er, hier ein besseres Leben zu finden. Die Rechnung ging auf: Inzwischen ist Liu Personalchef bei Beiersdorf und gilt als der Vorzeige-Chinese der Deutschen Wirtschaft. Er begann seine Karriere bei Bayer, als Chinesisch-Lehrer für Manager. Doch seine Redegewandtheit und Sympathie fielen auf, Liu machte im Konzern Karriere. 2004 ging er als Personalchef zu Lanxess, seit einem Jahr ist er nun oberster Personaler bei Beiersdorf. Und somit der zweite gebürtige Chinese in einem Dax-Vorstand (mit inzwischen deutschem Pass, da ihm das Reisen mit chinesischen Dokumenten zu umständlich war). "Meine Devise bei der persönlichen Entwicklung ist, nicht viel zu planen, aber das was einem in die Hände fällt, gut zu machen", sagte Liu in einem Interview.

Foto: Beiersdorf
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Gülabatin Sun ist bei der Deutschen Bank für den Bereich Vielfalt verantwortlich, ein Thema, das der in Duisburg geborenen Deutschen mit türkischen Wuzeln persönlich am Herzen liegt. Auf dem Neujahrsempfang der Deutschlandstiftung Integration beschrieb sie ihren Werdegang in etwa so: Als Gastarbeiterkind eingeschult, als Ausländerin auf die Uni gekommen, als Migrantin den Studienabschluss abgelegt und als Deutsche mit Migrationshintergrund die erste Stelle angetreten.  Neben ihren Bemühungen für mehr Vielfalt innerhalb der Bank engagiert sie sich auch als Botschafterin für die Anti-Diskriminierungsstelle des Bundes: "Diskriminierung jedweder Art darf in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Deshalb engagieren wir uns für Vielfalt und wollen, dass alle Talente gleiche Chancen bekommen."

Foto: Mario Andreya / Deutsche Bank
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Viel deutscher kann man nicht arbeiten: In einem Verband in der Bundeshauptstadt, der sich häufig mit urdeutschen Institutionen wie den Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken einigen muss. Ibrahim Karasu, 1963 in der Türkei geboren, beackert als einer von zehn Geschäftsführern des Bundesverbands deutscher Banken, also der Interessensvertretung der privaten Banken, das Thema Privatkundengeschäft und Technologie. Großprojekt derzeit: Pay direct, eine Initiative inzwischen der gesamten deutschen Kreditwirtschaft, mit dem die Geldhäuser den mächtigen US-Anbieter PayPal im Zaum halten wollen.

Foto: Die Hoffotografen / Bankenverband
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Von weiter entfernt kann keine Führungskraft zuwandern: Simon Moroney, CEO der Morphosys AG, wurde geboren „am anderen Ende der Welt“: in Neuseeland. Dort schloss der heute 56jährige auch sein Chemiestudium ab, bevor er eine akademische Karriere in Oxford, GB, startete. Von dort ging’s nach Cambridge und dann nach Vancouver, Kanada, nach Zürich und zurück in die Neue Welt an die Medizinische Fakultät der Harvard University. Bei ImmunoGen entwickelte der schlaksige 2-Meter-Mann die erste Generation biotechnischer Krebsmedikamente, bevor er 1992 in Martinsried bei München die Morphosys mit gründete. Seit dem Börsengang 1999 sitzt er dem Vorstand vor und ist somit Deutschlands dienstältester Biotech-Vorstand.

Foto: Morphosys
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Steiler kann kaum einer Karriere machen: Mit 28 Jahren Mitgründer, später CEO und bis heute Aufsichtsrat von Qiagen, dem mit Abstand größten deutschen Biotech-Unternehmen. Geboren wurde Metin Colpan 1956 in der Türkei – als Kind von Krimtartaren, die aus der damaligen Sowjetunion hatten fliehen müssen. In den 1970ern siedelte die Familie um nach Südhessen – Colpan spricht noch immer mit eindeutigem Akzent – und 15 Jahre später machten ihn seine Patente zur DNA-Analyse zunächst zum Pionier, später zum Paten der Hightech-Branche: Bei einem halben Dutzend Firmen aus dem bayerischen Biotech-Valley gehörte der promovierte Chemiker jahrelang zu den Kontrolleuren.

Foto: picture-alliance / Erwin Elsner
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Deutschlands liebster Türke, Vural Öger, hat nicht nur sich und seine Familie perfekt integriert - sondern hat mehr als kaum ein anderer für die praktische Völkerverständigung getan. Öger kam 1960 nach Deutschland – eigentlich zum Studium, doch er blieb und gründete 1968 in Hamburg das „Reisebüro Istanbul“. Damit ermöglichte er erstmalig Direktflüge von Hamburg in die Türkei. 1982 gründete er Öger Tours, dessen Geschäftsführer er bis zum Verkauf an Thomas Cook im Jahr 2010 war. Doch Ruhestand ist nichts für den umtriebigen Mann: 2014 gründete Öger V.Ö. Travel – Vural Öger Touristik GmbH. Öger ist seit 1990 deutscher Staatsbürger.

Foto: DPA