Zentralbank-Entscheid Was die Zinswende für Europas Krisenländer bedeutet

Die Europäische Zentralbank hat das Ende der Phase des extrem billigen Geldes eingeleitet. Am Donnerstag erhöhte sie erstmals seit knapp drei Jahren ihren Leitzins. Die Zinswende wird die Euro-Krisenländer unterschiedlich hart treffen. Ein Überblick.
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Irland
Das Land, das Ende 2010 unter den Euro-Rettungsschirm geflüchtet ist, wird nach dem oben beschriebenen Szenario von der Zinserhöhung direkt betroffen sein. Die neue Regierung unter Ministerpräsident Enda Kenny darf jedoch bei den Zinskonditionen auf ein Entgegenkommen von EZB und EU beim Strafaufschlag hoffen. Das Land wird somit wie bereits das ebenfalls vor der Pleite bewahrte Griechenland künftig womöglich weniger Zinsen für seine Kredite zahlen. Im Gegenzug müsste sich Irland wohl bei der Bemessungsgrundlage der Körperschaftssteuer bewegen. Doch auch die Refinanzierung der zum großen Teil verstaatlichten irischen Banken dürfte sich verteuern, da sie praktisch am Tropf der EZB hängen. BHF-Ökonom Stephan Rieke rechnet damit, dass die Zinswende für die maroden Geldinstitute "rund eine halbe Milliarde Euro" an Mehrkosten verursachen wird. Folgen weitere Zinserhöhungen, vergrößert sich das Problem.

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Griechenland
Hier nahm die Schuldenkrise ihren Anfang, hier ist die Rezession tiefer als in anderen Krisenländern. Trotzdem dürften moderate Zinserhöhungen der Wirtschaft kaum zusetzen. Um weniger als ein zehntel Prozentpunkt sollte das Bruttoinlandsprodukt gedrückt werden, wenn die EZB die Zinsen bis auf 1,75 Prozent anhebt, rechneten die Analysten von UniCredit aus. "Das ist zu verschmerzen", sagt auch Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. "Selbst wenn der Leitzins auf zwei Prozent verdoppelt wird, stimuliert er die Wirtschaft immer noch." Der Grund: Bei einer Inflationsrate von derzeit rund vier Prozent ist der Realzins immer noch negativ - für die Kreditnehmer ein gutes Geschäft. Auch auf die Refinanzierungskosten des klammen Staates dürfte die EZB-Zinswende nur begrenzten Einfluss haben. "Hier dominieren die Risikoaufschläge, und die werden etwa vom Steueraufkommen oder Einstufungen durch Ratingagenturen beeinflusst", sagt Bargel. Kommt die Regierung bei ihrem Sparkurs voran, können die Renditen für Staatsanleihen auch bei steigenden Leitzinsen fallen.

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Spanien
Das Land hat wegen seiner Konsolidierungsanstrengungen in jüngster Zeit an den Kapitalmärkten verlorenes Vertrauen zurückgewonnen. Es gilt im Gegensatz zum Nachbarn Portugal nicht mehr als Kandidat für den Rettungsschirm. Dennoch dürfte Spanien beim Schuldendienst eine Zinserhöhung schon bald zu spüren bekommen, da sich die Regierung in jüngster Zeit bei der Refinanzierung am Kapitalmarkt stärker auf Geldmarktpapiere mit kürzerer Laufzeit stützt. "Die Frage ist, wie sich die Risikoaufschläge entwickeln. Dies hängt nicht unmittelbar mit der EZB-Zinserhöhung zusammen", meint Rieke. Hier ist vielmehr entscheidend, ob die Investoren weiter Vertrauen in den Konsolidierungskurs des Landes haben. Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero will bei den Wahlen 2012 nicht mehr antreten und muss nun rasch die Nachfolgefrage klären, um keine Unsicherheit über den künftigen Kurs aufkommen zu lassen.

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Italien
Italien war in der Wirtschaftskrise stark betroffen und kommt bei der Erholung nur langsam voran. Zudem ist der Schuldenberg sehr groß. Er dürfte nach einer Schätzung der WestLB 2010 bei 120 Prozent der Wirtschaftskraft gelegen haben und in diesem Jahr auf 125 Prozent steigen. "Italien muss allein rund fünf Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Zinsen aufbringen", sagt WestLB-Experte Torge Middendorf. Das Defizit könnte 2011 auf rund vier von knapp fünf Prozent sinken. "Aber das ist immer noch nicht genug", betont der Analyst. Er bezeichnete den EZB-Leitzins als Maß für die kurzlaufenden Staatsanleihen. "Eine Zinserhöhung wird die Refinanzierung am kurzen Ende verteuern." Wegen des hohen Schuldenstandes sei auch das Refinanzierungsvolumen groß. "Das trifft Italien, wenn auch geringer als manches andere Euro-Land."

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Belgien
Belgien steht in der Schuldenkrise derzeit vergleichsweise gut da, allerdings sind die Finanzmärkte in Sorge wegen der Regierungskrise. Seit den Parlamentswahlen im Juni 2010 ist das Königreich ohne Führung. Die Ratingagentur Standard & Poor's drohte bereits mit einer Herabstufung der Bonitätsnote, sollte bis Juni keine neue Regierung gefunden werden. Bisher habe der Staat trotz etwas anziehender Zinsen bei der Refinanzierung kaum Probleme gehabt, betont Analyst Philippe Ledent von der ING Bank in Brüssel. Eine EZB-Zinserhöhung dürfte keine allzu großen Auswirkungen haben, da die kurzfristige Verschuldung nicht so groß sei wie die langfristige. "Die Folgen wären sehr begrenzt." Einerseits dürften die Langfristzinsen langsam steigen, andererseits könnten sinkende Zinsaufschläge dies zum Teil wieder wettmachen. "Das größte Problem wäre aber eine Herabstufung von S&P." Dann würden die Risikoaufschläge bei den Zinsen automatisch wieder nach oben gehen. Die Verschuldung Belgiens lag Ende 2010 bei knapp 100 Prozent der Wirtschaftskraft. Die Regierung in Brüssel will das Defizit in diesem Jahr auf 3,6 von 4,1 Prozent senken.

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