Erfolgreiche Rosskur Welche Staaten Griechenland den Weg weisen

Deutschland hat gezeigt, wie man Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnt. Irland nimmt Lohnkürzungen in Kauf, um den Weg aus der Krise zu finden. Und Euro-Kandidat Lettland reagiert mit dem härtesten Sparprogramm der jüngeren Wirtschaftsgeschichte, um der Verschuldung Herr zu werden. Ein Überblick.
1 / 5

Deutschland
Das Problem: Nach der Wiedervereinigung erwarb Deutschland den Ruf als "kranker Mann Europas". Noch zwischen 2000 und 2006 entwickelte sich die Wirtschaft stets schlechter als auf dem übrigen Kontinent. Anfang 2005 waren mehr als fünf Millionen Menschen arbeitslos - die Quote lag bei 11,4 Prozent. 2003 schnellte das Haushaltsdefizit auf 4 Prozent, das Maastricht-Kriterium war damit verfehlt.
Der Weg: Die rot-grüne Bundesregierung reformierte ab 2003 den Arbeitsmarkt. Sozialleistungen wurden zusammengefasst und gekürzt, Beschäftigungsverhältnisse flexibilisiert. Die Regierung erhöhte Energiesteuern und senkte die Einkommensteuern. Hinzu kam, dass sich Arbeitgeber und Gewerkschaften über Jahre auf vergleichsweise bescheidene Lohnabschlüsse einigten: Die Reallöhne (abzüglich Inflation) sind in Deutschland seit 2000 nicht gestiegen, sodass die Lohnstückkosten fielen und die Wettbewerbsfähigkeit der Exportnation deutlich stieg.
Das Ergebnis: Die Arbeitslosigkeit sank auf 6,9 Prozent (4. Quartal 2008), während sie in der Euro-Zone bei 7,9 Prozent lag. Die deutsche Wirtschaft wuchs in einigen Quartalen wieder schneller als im Rest Europas. 2007 erwirtschafteten Bund, Länder und Gemeinden einen Haushaltsüberschuss, 2008 waren die Haushalte ausgeglichen.

Foto: DPA
2 / 5

Irland
Das Problem: Der "keltische Tiger" wurde vom Platzen der Immobilien- und Kreditblase 2008 ins Mark getroffen. 20 Prozent der Wirtschaftsleistung gingen auf den überhitzten Bausektor zurück. Als zudem der überdimensionierte Finanzsektor in die Knie ging, schnellte die Arbeitslosigkeit nach oben. Die Immobilienpreise stürzten um rund 30 Prozent. Das Staatsdefizit Irlands stieg 2009 im Einklang mit Griechenland auf rund 12 Prozent.
Der Weg: Während der Boomjahre waren die Löhne in Irland deutlich gestiegen, der Wettbewerbsvorteil niedriger Lohnkosten war dahin. Die irische Regierung hält mit einem Sparprogramm dagegen: Die Löhne wurden zum Teil zweistellig gekürzt, Steuersätze erhöht, eine Umweltsteuer auf Benzin eingeführt. Vier Milliarden Euro pro Jahr will Irland bis 2012 einsparen.
Das Ergebnis: Es zeigen sich Hoffnungsschimmer. Im Herbst 2009 legte die Wirtschaftsleistung des Landes wieder leicht zu. Noch unterstützt eine Mehrheit der Bevölkerung die Sparvorgaben. Um eine bessere Bonitätsnote wiederzubekommen und damit geringere Kreditkosten zu haben, will Irland faule Kredite im Wert von rund 80 Milliarden Euro in eine Bad Bank auslagern. Die Anglo Irish Bank ist inzwischen verstaatlicht, zudem hält der Staat Anteile an der Bank of Ireland und der Allied Irish Bank. Gelingt die Bankenrettung, könnte Irland Anteile bald wieder verkaufen und den Haushalt entlasten.

Foto: REUTERS
3 / 5


Das Problem: Ende 2008 platzte die Kreditblase in dem baltischen EU-Staat. Der Kandidat für die Euro-Zone stand vor dem Staatsbankrott. Löhne, Gehälter und Renten waren in den Jahren des billigen und schnellen Geldes viel schneller gestiegen als die Produktivität.
Der Weg: Internationaler Währungsfonds und EU stellten Lettland einen Notkredit in Höhe von 7,5 Milliarden Euro zur Verfügung - und knüpften die Hilfe an Sparvorgaben. Seitdem muss Lettland das härteste Sparprogramm Europas absolvieren, die Kürzungen entsprechen knapp 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Renten und Beamtengehälter wurden gekürzt, jeder fünfte Beamte wurde entlassen. Die Mehrwertsteuer wurde auf 21 Prozent erhöht und soll ebenso wie die Kfz-Steuer auf 23 Prozent steigen.
Das Ergebnis: Die Wirtschaftsleistung Lettlands ist seit 2008 um 25 Prozent zurückgegangen - eine solch scharfe Rezession gab es noch nie. Die zwei Millionen Einwohner Lettlands müssen dramatisch sinkende Einkommen verkraften, Unternehmen entlassen mangels Nachfrage Mitarbeiter, die Arbeitslosenquote ist auf rund 25 Prozent hochgeschnellt. Dennoch sehen IWF, EU und auch eine Mehrheit der lettischen Bevölkerung keine Alternative zum beispiellosen Sparkurs: Ziel bleibt, mit Hilfe der Notkredite den Staatsbankrott abzuwenden und bis 2014 den Beitritt zur Eurozone zu schaffen.

Foto: DDP
4 / 5

Niederlande
Das Problem: Anfang des Jahrtausends schrumpfte die Wirtschaftsleistung erstmals seit etwa 20 Jahren. Die Arbeitslosigkeit schnellte auf 7 Prozent empor. Auch das Maastricht-Kriterium einer Neuverschuldung in Höhe von maximal 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verfehlten die Niederlande.
Der Weg: In niederländischer Tradition einigten sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer auf moderate Lohnerhöhungen. Im Gesundheits- und Sozialwesen kürzte die Regierung Leistungen und führte eine Pflichtversicherung für alle Bürger anstelle des Nebeneinanders von gesetzlichen und privaten Kassen ein. Die Regelarbeitszeit hob sie auf 40 Stunden an. Unternehmen wie Philips gelang es, die Exporte mit Wiederausfuhren aus China importierter Unterhaltungselektronik anzukurbeln - auch dank Europas bedeutendstem Hafen Rotterdam (Foto). Den Bürokratieabbau lobte die Europäische Kommission als vorbildlich.
Das Ergebnis: Die Krise war 2006 vorbei. Die Wirtschaft wuchs mit 3,4 Prozent erstmals seit Einführung der Gemeinschaftswährung schneller als im Rest der Euro-Zone (3,0 Prozent).

Foto: DPA
5 / 5

Schweden
Das Problem: Anfang der 90er-Jahre erlebte der schwedische Wohlfahrtsstaat seine größte Krise. Das Wirtschaftsprodukt schrumpfte, die Krone wertete dramatisch ab, der Anteil der Staatsausgaben am Bruttoinlandsprodukt kletterte 1993 auf knapp 72 Prozent. So geriet der Staatshaushalt in Schieflage - das Defizit lag bei 11 Prozent.
Der Weg: Regierungschef Ingvar Carlsson verordnete den Schweden Leistungskürzungen. Darunter litten besonders Arbeitslose, Kranke und Eltern. Gleichzeitig erhöhte die Regierung Verbrauchs- und Ökosteuern. Der Spitzensteuersatz stieg auf 55 Prozent. Zwischen 1992 und 1998 sparte Schweden jährlich 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein. Am Ende stellte das Land die Haushaltsplanung auf den Kopf. Das Parlament gab fortan die gewünschte Höhe des Haushaltsüberschusses vor - davon abgeleitet wurde errechnet, wie hoch die Ausgaben der einzelnen Ministerien sein durften.
Das Ergebnis: In der Wirtschaftskrise Anfang des Jahrtausends erwies sich die schwedische Wirtschaft als robust.

Foto: DPA