Dichtung statt Wahrheit Wer nach Fukushima falsch lag

Der Plan der Bundesregierung, schneller als vorgesehen aus der Atomenergie auszusteigen, erregte im März 2011 die Gemüter. Politiker und Manager verstiegen sich zum Teil zu gewagten Aussagen - die manager magazin online zwei Jahre später einem Realitätscheck unterzieht.
1 / 7

Die Behauptung: "Die Bundesregierung ist sich gewiss, dass sie die Gesetze und Verordnungen, die am 6. Juni durchs Kabinett gegangen sind (zum Atomausstieg, d.Red.), im vollen Einklang mit dem Recht gemacht hat (...) und deswegen nichts zu befürchten hat."

Angela Merkels Sprecher Steffen Seibert

Realitätscheck: Wie die Sache ausgeht, steht noch nicht fest. Tatsächlich wehren sich die Energiekonzerne noch juristisch gegen den Atomausstieg und verlangen hohen Schadensersatz. Ein Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofes zum dreimonatigen Kernkraft-Moratorium unmittelbar nach dem GAU von Fukushima lässt Böses befürchten: RWE bekam Recht; das Land Hessen habe nicht ordnungsgemäß entschieden. Hessen droht eine Millionenstrafe.

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa
2 / 7

Die Behauptung: "Um einen bundesdeutschen Blackout zu vermeiden, kann es notwendig sein, einzelne Regionen in Süddeutschland - etwa in der Größe des Großraums Stuttgart - dunkel zu schalten." Und: "Wer sich so verhält (die Kernkraftwerke abschaltet, d. Red.), muss damit leben, dass er sein Land lieber ohne Strom lässt, als Atomstrom zu nehmen."

Jürgen Großmann, damals Chef von RWE, zur Gefahr von Versorgungsengpässen

Realitätscheck: Zu Blackouts ist es bisher nicht gekommen. Bundesnetzagentur und Netzbetreiber betonen im Winter regelmäßig, die Lage sei angespannt, aber beherrschbar. Zudem würden Netzbetreiber nach eigenen Angaben eher einzelne Fabriken anweisen, den Stromverbrauch zu reduzieren und dafür entschädigen, als ganze Gebiete abzuklemmen. Die Netzbetreiber halten zudem eine Kaltreserve bereit, die bisher einige Male zum Einsatz kam, um vertraglich vereinbarte Stromexporte ins Ausland zu ermöglichen.

Foto: Federico Gambarini/ dpa
3 / 7

Die Behauptung: "Ich glaube nicht, dass es in der Bevölkerung mehrheitsfähig ist, keine Autos mehr in Deutschland zu bauen."

Johannes Teyssen, Chef des Versorgers Eon, zu einer möglichen Deindustrialisierung Deutschlands durch den Atomausstieg.

Realitätscheck: Zwar leidet die deutsche Autoindustrie derzeit durchaus - allerdings eher unter akuter Nachfrageschwäche in Europa aufgrund der Finanzkrise. Die Anteil der Energiekosten an der Jahresproduktionsleistung beträgt in der Autobranche laut dem Institut der deutschen Wirtschaft lediglich 1 Prozent. Der Atomausstieg wird daher nicht dazu führen, dass in Deutschland keine Autos mehr gebaut werden - selbst wenn der Strompreis steigen sollte.

Foto: WOLFGANG RATTAY/ REUTERS
4 / 7

Die Behauptung: "Seit dem 17. März (2011, d. Red.) ergibt sich ein Einfuhrüberschuss."

Hildegard Müller, Chefin des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, über Deutschland als Stromimporteur.

Realitätscheck: Stimmte - aber nicht lange. Nach wenigen Wochen exportierte Deutschland wieder deutlich mehr Strom als es einführte. 2012 führte Deutschland wegen des niedrigen Preisniveaus sogar so viel Strom wie nie aus - allerdings zum Teil zu negativen Preisen, wenn beispielsweise nachts stark der Wind wehte.

Foto: Frank Ossenbrink
5 / 7

Die Behauptung: "Die Sonneneinstrahlung in Deutschland entspricht derjenigen von Alaska. So wie man dort keine Ananas züchten kann, kann man auch hierzulande Fotovoltaik nicht wirtschaftlich betreiben."

Fritz Vahrenholt, damals Vorstandsvorsitzender der RWE Tochter Innogy.

Realitätscheck: Der Preis für Solaranlagen ist in den vergangenen zwei Jahren laut dem Informationsdienst pvXchange um mehr als 60 Prozent gefallen. Damit lohnen sich Solaranlagen auch ohne Subventionen in Deutschland - sofern die Besitzer den Strom selbst verbrauchen oder direkt im lokalen Umfeld vermarkten. Damit ist Solarenergie auch in Deutschland in der Lage, Teile des Strombedarfs wirtschaftlich zu decken und Strom aus konventionellen Anlagen subventionsfrei zu ersetzen. RWE selbst vertreibt inzwischen Solaranlagen und Speicher, Vahrenholt ist Aufsichtsratschef bei Deutschlands größtem unabhängigen Solarparkbetreiber Capital Stage.

Foto: Steffen Kugler/ picture-alliance/ dpa
6 / 7

Die Behauptung: "Das ist eine leicht durchschaubare Angstkampagne von Wirtschaftsminister Brüderle. Die Strompreise sind in den letzten fünf Jahren um über 20 Prozent gestiegen. Mit Atomkraft. Es gibt keinen teureren Strom als Atomstrom."

Claudia Roth, Vorsitzende der Grünen, widersprach Warnungen zu steigenden Strompreisen aus der FDP.

Realitätscheck: Die Strompreise sind seit Fukushima in Deutschland deutlich gestiegen. Allerdings hat dies weniger mit dem Ausstieg aus der Atomkraft zu tun, sondern dem Ausbau der erneuerbaren Energien, der nach den Plänen der Bundesregierung ohnehin erfolgt wäre. Zudem sind weite Teile der Industrie von der Finanzierung der erneuerbaren Energien befreit.

Foto: dpa
7 / 7

Die Behauptung:"Die Reaktorabschaltung kostet die energieintensive Industrie hunderte Millionen Euro pro Jahr."

Heinz-Peter Schlüter, Aufsichtsrats-Chef des Aluminiumherstellers Trimet, zu Strompreissteigerungen durch den Atomausstieg.

Realitätscheck: Tatsächlich ist der Strompreis wenige Wochen nach der Atomkatastrophe wieder deutlich gesunken und bis heute (März 2013) auf ein Mehrjahres-Tief gefallen. Dies liegt vor allem an dem Überangebot durch Strom aus erneuerbaren Quellen. Energieintensive Firmen profitieren davon, weil sie in der Regel weitgehend von der EEG-Umlage befreit sind. Für Trimet wurde es dennoch teuer: Das Unternehmen kaufte kostspielige Versicherungen gegen Strompreiserhöhungen - zu denen es nicht kam. Wegen der Versicherungen, nicht wegen der Strompreise, schrieb das Unternehmen später rote Zahlen.

Foto: DPA
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.